Junge Autoren Wer ist wir?
Die Jugend wird ständig von außen beschrieben: Von Milieuforschern, Trendscouts, Befindlichkeitsjournalisten. Aber junge Autoren zeigen: Wer heute wirklich hip sein will, muss sich entziehen

Als "Digital Natives" werden die jungen Erwachsenen von heute beschrieben. Autor Leif Randt erzählt in seinem Debütroman "Leuchtspielhaus" von dieser Generation
Das Problem von Leuten wie Eric und Helen ist möglicherweise, dass zu oft jemand »wir« zu ihnen sagt. Dagegen hilft nur eiskalte Distinktion. Ihr Friseursalon in London ist ein exklusiver Klub, dessen »Members« sich daran erkennen, dass sie auf dem neuesten Stand extrem flüchtiger Modediktate sind. Ihre Anbetung gilt der Street-Art-Künstlerin Bea, deren Faszination sich vor allem aus hartnäckiger Abwesenheit speist. Auf Außenstehende wirken sie »sonderbar und überheblich«. Eher als über das, was sie wollen, verständigen sie sich über das, was sie nicht wollen. Sie lehnen es ab, mit ihren farbigen Blousons in eines dieser stinkenden Londoner Grillhähnchenlokale zu gehen. Sie möchten nicht in Berlin leben. Und sie möchten nicht, dass Fotos von ihrem November-Haarschnitt mit silbernen Strähnchen ins Internet geraten. Überhaupt wollen sie nicht ins Internet. Welch eigenartiges Benehmen für Menschen ihrer Alterskohorte!
Man kann wohl davon ausgehen, dass Eric und Helen in etwa so alt sind wie der Autor Leif Randt, in dessen Debütroman Leuchtspielhaus sie die Hauptfiguren sind (Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2010; 237 S., 8,90 €). Leif Randt ist Jahrgang 1983. Damit gehört er und gehören Eric und Helen zu einer Generation, die man neuerdings als digital natives bezeichnet. Das sind die ersten Jahrgänge, die schon mit dem Internet aufgewachsen sind und sich deshalb ein Leben jenseits des Vernetztseins aller mit allen angeblich gar nicht mehr vorstellen können. Jene Twentysomethings, die auch von den Werbekampagnen gemeint sind, die in klebrigem Pathos erzählen: »Jetzt hat uns das Internet umzingelt. Oder umzingeln wir gerade die Welt?« Weiter wird da behauptet, dass »wir« online Gefühle erleben und dass »wir die Generation der Wagemutigen und Unkonzentrierten« sind. Das klingt aufregend und heimelig.
Fatal nur, dass wieder einmal nicht die so besungene Generation es ist, die am kollektiven Selbstbild strickt, sondern dass das wie so oft professionelle »Wir«-Sager für sie übernehmen. Denn wenn die heute Zwanzig-plus-Jährigen überhaupt irgendetwas teilen, dann ist es ja die eine Erfahrung: dass sie eine Zielgruppe sind. Und zwar augenscheinlich eine ökonomisch und gesellschaftlich höchst interessante. Schließlich gibt es einen florierenden Berufsstand von Trendscouts, Milieuforschern und Befindlichkeitsjournalisten, die äußerst beflissen damit beschäftigt sind, jede ihrer Regungen aufzusaugen und als – professionell aufbereitetes, meist warenförmiges – Lifestyle-Angebot wieder auszuspeien. Ständig werden Zwanzigjährige kumpelhaft in die Seite gepufft und so Sachen gefragt wie »Checken wir nicht alle unsere Mails, während wir mit unseren Müttern telefonieren?« oder »Wollten wir nicht eigentlich längst erwachsen werden?«. Möglich, dass diese Generation auch deshalb so disparat, angepasst und unbeleckt von jedem Ehrgeiz zur Avantgarde erscheint, weil ihr in dieser Hinsicht immer schon zu viel abgenommen und vorgemacht wurde. Auch weil ja übrigens Provokationen und Widerborstiges längst zwecklos sind: Sie gelten als besonders jugendlich und werden sofort umarmt. Wie zurzeit Helene Hegemann (die übrigens am 19. März gemeinsam mit Leif Randt auf der Lit.Cologne auftreten wird). Hegemanns Erfolg prägt die typische gegenläufige Symptomatik: die Sehnsucht eines erwachsenen Establishments nach einer authentischen, originellen Jugend. Und die reflexartige Skepsis der Altersgenossen der Autorin, die sich sofort vom sogenannten Medienhype distanzieren, weil sie gewohnt sind, dass derart proklamierte Jugendphänomene ihre eigenen Bedürfnisse mit denen der Unterhaltungs- und Bekleidungsindustrie schnell zur Unkenntlichkeit verschwimmen lassen. Und spätestens das Internet, diese Aussichtsplattform auf das Leben der Jugend, die in sozialen Foren sekündlich mitteilt, was sie schätzt und gut findet, hat die Arbeit der Designer von »Wir«-Gefühlen ungemein erleichtert und die Geschwindigkeit der Trendmaschinen erhöht.
Wohin nun aber gehen, was tun, wenn man einmal in einer Subkultur wirklich unter sich bleiben wollte? Wäre eine echt klandestine Gemeinschaft überhaupt noch denkbar?
- Datum 25.02.2010 - 15:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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