Junge Autoren Wer ist wir?Seite 2/2

Die fiktive Jugendkultur in Leif Randts Roman Leuchtspielhaus, die Fangroup eines Friseursalons und seiner Haus-Artistin Bea, könnte so ein utopischer Ort sein, und deshalb muss man, um zugelassen zu werden, zunächst woanders austreten: »Jeder unserer Members hat spätestens mit Zahlung des ersten Mitgliedsbeitrags Facebook verlassen.« Die Normen dieses Klubs sind rein ästhetischer Natur: Anführer und Anhänger kultivieren eine charismatische Oberflächlichkeit. Es geht um Kleider und Frisuren, um Farben, um das Wetter, um Stimmungen zu bestimmten Tageszeiten, um das Licht im Friseursalon. Die Handlung spiegelt sich in einem comicartigen Fantasy-Drehbuch, das Helen für Eric schreibt. Hauptsächlich aber geht es um die Statements der mysteriösen Bea, die in bunten Buchstaben an unbekannten Orten in London auftauchen. Was sie zu bedeuten haben – »Annoy rich people«, »Never leave highschool«, »Don’t sport rollerblades« –, wird nicht thematisiert. Möglich, dass die Members es wissen, wahrscheinlich, dass es keine Rolle spielt. Freundschaft und eine skurrile Form von Intimität gedeihen durch das Austauschen geheimer – und vor allem analoger! – Signale. »Wir haben das Außen abgeschirmt, um das Innen zu stärken. Sozialer Hedonismus, Eric«, erklärt Helen. Der entgegnet, »dass wir alles kaputt machen, wenn wir es besprechen«. Denn wo in Leuchtspielhaus etwas feststellbar, identifizierbar wird – in der Mode wie in den Liebesbeziehungen –, ist es immer schon wieder vorbei, verläuft es im Sande, als seien die Protagonisten auf der Flucht – beispielsweise vor jemandem, der sie unaufgefordert in ein »Wir« verwickeln will. Was zu lange andauert, könnte kopiert und vereinnahmt werden, zum Beispiel die exklusiven Frisuren der Members, die in kürzester Zeit überall im Londoner Stadtbild zu sehen sind. Man muss also schneller sein als die Nachmacher, weshalb sich die Arbeit am Selbst in dieser Boheme in atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht.

Die Jugendlichen in Leuchtspielhaus machen sich dermaßen flüssig, dass ihre Subversion am Ende paradoxerweise aussieht wie die Übererfüllung etablierter Muster. Denn die Lebensweise von Eric und seinen Freunden ist längst die der zur Flexibilität verurteilten Weltgesellschaft. Ständig mit der »billigsten Fluggesellschaft Europas« auf dem Weg von irgendwo nach irgendwo, ist kein sozialer oder gar ideeller Bezugsrahmen mehr von Dauer für sie. Mit der ganzen Kraft ihrer Attitüden behaupten sie sich in einer prekären und gehetzten Existenz.

Und bei aller Ablehnung: Hinter die mediale Dauerbegleitung des vernetzten Menschen gibt es kein Zurück. Leif Randt erzählt eindrucksvolle Liebesszenen, in denen sich die Distanz derer nicht ausschalten lässt, die – möglicherweise in einer »Sexclipphase, die als Recherche begann« – alles schon einmal gesehen haben: »Unsere Aktionen folgen logisch aufeinander, wie auswendig gelernt. Kurz spielt Helen an mir herum, dann ist sie wieder auf mir. Wir blicken uns an. Zum Spaß geben wir uns fremd und pathetisch.« Das ewig zitierende, verlinkende Bewusstsein verliert sich nicht einmal in der Erotik, weshalb die jungen Männer in Leuchtspielhaus zunehmend das Interesse daran verlieren. Dass unter diesen Bedingungen auch eine Liebesgeschichte keine Erlösung vom inneren Bewegungszwang bedeuten kann, versteht sich.

Das ist wohl das existenziell Bedenklichste unter den Symptomen der ersten Ureinwohner der Netzwelt, von denen Leuchtspielhaus handelt. Weil hinter dem skurrilen Eskapismus der Figuren und ihrer Blasiertheit erst allmählich erkennbar wird, dass ihre Eigenarten typische sind, spricht dieser Text freilich widersprüchlicher, aber allemal »wagemutiger« von der Gegenwart als die emphatischen Philosophierereien von Werbestrategen. Eigentlich ist Leuchtspielhaus – ohne ein einziges Mal »wir« zu sagen – ein Generationenbuch. Das ist erstaunlich, nicht nur weil die Vorstellung von einer sexuell derart unambitionierten Jugend natürlich hässlich und unrealistisch ist. Auch der stilistische Kontrast dieser Erzählung zur jüngst so herzlich als Stimme einer Generation begrüßten chaotischen Expressivität Helene Hegemanns könnte sinnfälliger kaum sein: So kühl, ein wenig verstockt und durch ihren Oberflächenkult opak erscheint diese Jugend hier, dass man ihr ausnahmsweise nicht angehören möchte. Aber gerade in dieser Haltung erzählt das Buch von Leif Randt besonders wahre und traurige Dinge über die seltsamen Verhaltensweisen der digital natives. Man möchte hoffen, dass auch seine spröde Rede ein Publikum findet. Allerdings: Einfacher und irgendwie netter sind Parolen wie die von den Wagemutigen und Unkonzentrierten allemal.

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