Sexualforschung Früher hieß es "Wissenschaft der Umarmungen"

Der Arzt und Soziologe Volkmar Sigusch hat zwei neue Standardwerke zur Sexualforschung vorgelegt.

Liebe auf Asphalt: Dieses Marienkäferpaar mag es offensichtlich hart und schmutzig

Liebe auf Asphalt: Dieses Marienkäferpaar mag es offensichtlich hart und schmutzig

Weder in der Bibel noch bei Homer, Dante oder Shakespeare taucht das Wort »Sexualität« jemals auf. Was es als Wort in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit nicht gab, gab es dort, so merkwürdig es zunächst klingt, auch der Sache nach nicht. Als gesellschaftliche Form und als Begriff, der etwas allgemein Durchgesetztes und zugleich von anderen Lebensvollzügen Isoliertes bezeichnet, ist das, was wir »Sexualität« nennen, erst seit rund zweihundert Jahren auf der historischen Bühne westlicher Gesellschaften präsent. »Vor dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts existierte der Mensch nicht«, schreibt Michel Foucault in Die Ordnung der Dinge, das heißt, wo der Mensch als erkenntnistheoretisches Problem abwesend ist, ist es auch die Sexualität im modernen Sinne.

Das uns Selbstverständliche war also keineswegs »schon immer« selbstverständlich, sondern ist ganz im Gegenteil neu und verwunderlich. Erst nachdem die Sexualität als solche wissenschaftlich kenntlich gemacht und isoliert worden war, konnte ein spezieller Wissenszweig entstehen, der seit Sigmund Freud Sexualwissenschaft heißt. Eine umfassende Geschichte dieser noch jungen Wissenschaft und, komplementär, ein Personenlexikon der Sexualforschung hat der Arzt und Soziologe Volkmar Sigusch vorgelegt, der zwischen 1972 und 2006 den Frankfurter Lehrstuhl für Sexualwissenschaft innehatte und national wie international zu den herausragenden Vertretern seines Fachs gehört. Wohl nur Sigusch war imstande, diese enorme historiografische Leistung zu vollbringen, verfügt er doch über ein weltweit einzigartiges Archiv alter und seltener Schriften und von Nachlässen bekannter und unbekannter Sexuologen, aus dem er schöpft.

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Seine Geschichte der Sexualwissenschaft präsentiert sich als ein glanzvoll erzähltes Werk über Triumphe und Tragödien einer Disziplin, die wie die benachbarten Fächer Medizin und Psychologie in die wissenschaftspolitischen und ideologischen Kämpfe ihrer Zeit verstrickt und gegen fatale Irrwege keineswegs gefeit war. Im historischen Vorfeld der Sexuologie stößt man auf die Antimasturbationskampagnen des 17. und 18. Jahrhunderts, die ein Schrifttum hervorbrachten, an dem sich ablesen lässt, wie sehr die moderne Erfindung der Sexualität in eins ging mit ihrer Zurichtung durch schwarze Pädagogik und ebenso schwarze Medizin: Nichts ist, von Beginn an, weniger Natur als Sexualität.

Zu sich selbst fand die junge Disziplin mit zwei heute vergessenen Figuren, die Sigusch erstmals würdigt: dem Italiener Paolo Mantegazza (1831 bis 1910), bei dem noch (wie schön!) von der »Wissenschaft der Umarmungen« die Rede ist, und dem Deutschen Karl Heinrich Ulrichs (1825 bis 1895), einem »historisch vorzeitigen Schwulen« (Sigusch), der zu einer Zeit für die Anerkennung der mann-männlichen Liebe warb, als diese noch weit von ihrem gesellschaftlichen Durchbruch entfernt war.

Um die Jahrhundertwende erlebte die Sexualwissenschaft dann ihr eigentliches Coming-out. Neben Freud, dessen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905) bis heute zu den Schlüsselwerken der Disziplin zählen, sind vor allem Havelock Ellis, Richard von Krafft-Ebing (Psychopathia sexualis, 1886), Albert Moll, Iwan Bloch, Magnus Hirschfeld, Helene Stöcker und Max Marcuse zu nennen. Was Letzteren betrifft – er war wie Moll, Bloch und Hirschfeld Jude und emigrierte 1933 nach Palästina –, so unterschlägt Sigusch nicht, dass er eine höchst problematische Nähe zu den kurrenten Theorien über »Rassenhygiene« und Eugenik hielt, die nur wenige Jahre später in die Praxis der Euthanasie, der Menschenversuche und der Vernichtung »unwerten Lebens« mündeten.

Leser-Kommentare
  1. Interessanter Artikel, aber die Häme am Ende auf Bataille war überflüssig. Einerseits hat er sich auch als Wissenschaftler (der heilige Eros, als ein Beispiel) der Sexualität hervorgebracht. Womit er auch massiv Einfluss auf - unter anderem - Barthes, Foucault und Derrida ausübte. Zum anderen ist er als Literat keineswegs ein "Mythologe und Mystagoge", sondern einer der wenigen Dichter der anderen (ich will nicht sagen "der wahren" Erotik, das gibt es ja nicht) Erotik. Einer Erotik, die nicht durch Worte, sondern durch Verschiebungen und Überschreitungen funktioniert.
    Wobei ich ihnen recht gebe, dass sowohl Simone de Beauvoir und Artaud in ein solches Werk gehören.

  2. Bitte verzichten Sie auf persönliche Beleidigungen und NS-Vergleiche. Danke. Die Redaktion/sh

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    Sigusch hat vielen Menschen mit seiner Ideologie einer psychosexuellen Entwicklung im Rahmen der Psychoanalyse Menschenrechtsverbrechen nicht nur zurechttheorisiert, sondern auch direkt Menschen, und dazu gehöre ich, Schaden zugefügt.

    Sigusch hat vielen Menschen mit seiner Ideologie einer psychosexuellen Entwicklung im Rahmen der Psychoanalyse Menschenrechtsverbrechen nicht nur zurechttheorisiert, sondern auch direkt Menschen, und dazu gehöre ich, Schaden zugefügt.

  3. "Liebe auf Asphalt: Dieses Marienkäferpaar mag es offensichtlich hart und schmutzig"

    Hi, hi. Sehr geil ;)

    • ztc77
    • 04.03.2010 um 10:00 Uhr

    .. dass er die Nichterwähnung von Beauvoir als Kritikpunkt anführt. Kritische Würdigung könnte aber auch darauf hinweisen, dass sich Sigusch freiwillig beschränkt, indem er sich allzu fixiert an die Worte "Sexualität", "Sexualforschung",... klammert, die natürlich nur rund 200 Jahre alt sind: Er kann damit eine jahrtausendealte Literatur zum Thema "Eros" schlicht ausklammern. Kurz, das wäre die erste "Schere im Hirn" im Werk des Herrn Sigusch, das Sie Herr Lohmann zum sogenannten Standardwerk hochloben, - gibt es noch weitere Scheren? Etwa "Sexualität aus femininer Sicht"?
    .
    Und lässt ein Begriff wie Standardwerk überhaupt zu, dass Scheren im Denken mal eben suggeriert werden und unreflektiert stehen gelassen werden können? Eine hochinteressante Frage!
    .
    So verbleibe ich in Erwartung Ihrer geschätzten Antwort
    mit Hochachtung

    • hagego
    • 04.03.2010 um 10:16 Uhr

    sex uali tät ich mach en

    grad wie die se ries end rache n -

    denn da bei s oll t es sch on krach en

    stöh nen schwit zen und auch la chen (ters)

    lau ter schlim me drei ste sac hen

    wol lust darf sich jet zt ent fac hen

    zün gel n vis à vis im ra chen

    bin noch de be im er wache n

    • hagego
    • 07.03.2010 um 1:24 Uhr

    Sexualität interessiert mich nicht.
    Ich möchte nur schlafen.
    Mit dir!
    Nur mit dir!
    Mit dir allein!
    Magst du mich?
    Liebst du mich?
    Sex?
    Sex interessiert dich nicht?
    Mich auch nicht!
    Mach bitte das Licht aus.
    Oh, ist das schön!

  4. Sigusch hat vielen Menschen mit seiner Ideologie einer psychosexuellen Entwicklung im Rahmen der Psychoanalyse Menschenrechtsverbrechen nicht nur zurechttheorisiert, sondern auch direkt Menschen, und dazu gehöre ich, Schaden zugefügt.

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