Klavierstar Lang Lang Kamelle vom Pianisten
Lang Lang will sich von seiner seriösen Seite zeigen
© China Photos/Getty Images

Adrett wie sein Klavierspiel: der joviale Volksheld Lang Lang
Nach Klavierabenden von Lang Lang hat der strenge mitteleuropäische Klassikwart oft das Bedürfnis, dem Chinesen sein eigenes Spielzeug zu erklären. Hier: Mozart ist doch robust, den muss man nicht dauernd streicheln. Da: Bach hatte damals gar kein Pedal, da sollte man mit dem Hall vorsichtig sein.
Solche Vorhaltungen klingen nach verdächtiger Besitzstandswahrung? Kann Stiltreue nicht auch ein Leim sein, der jede spielerische Entfaltung unmöglich macht? Warum sollte Beethovens Sonate f-moll op. 57, die viel gespielte Appassionata, ausnahmsweise nicht hysterisch, sondern wie Ravel klingen? Lässt sich über die Verfeinerung des Klangs nicht ein Zugang zu den Formverläufen finden? Oder kann ein fast irreales Licht, das in den langsamen Satz von Beethovens C-Dur-Sonate op. 2, Nr. 3 fällt, nicht ein schönes Klima für eine innig ausgesungene Melodie sein?
Lang Langs Beethoven, den er auf seiner Deutschland-Tour in Köln, München, Hamburg und Berlin spielte, klingt indes nach einem Zyklus hübscher Aquarelle, sogar jeder Satz zerfällt in lauter Einzelbilder. Die Durchführung in einem Sonatenkopfsatz ist kein unruhiger Ort mehr, an dem Prozesse weitergetrieben werden, sondern eine neue Welt, in der man alles vergessen kann. Es ist wie Inselhopping in der Südsee. Alle paar Takte neue Entspannung pur. Und nach jedem Satz großer Applaus, als sei bereits die ganze Sonate vorbei. Das müsste Lang Lang nicht nur ärgern (was es tut), sondern auch nachdenklich machen (was es offenbar nicht tut).
In Köln ist das Publikum dankbar für einen Beethoven, der gar nicht heroisch, nicht sturmgepeitscht daherkommt, sondern nur adrett. Andererseits gelingen Lang Lang in dieser fast impressionistischen Parallelwelt hübsche Details, die doch wieder zur Stimmung passen. So erinnert das Scherzo der C-Dur-Sonate an eine chinesische Pagode, durch die ein ganzer Kindergarten flitzt. Das generelle Problem ist Lang Langs derzeitiger Reifegrad: Es gelingt ihm (noch) nicht, gleichzeitig auf Klang und Struktur, Moment und Prozess zu achten. Dass in Musik das eine aus dem anderen entsteht und so innere Notwendigkeit und Geschlossenheit erkennen lässt, verhindert er zudem durch seine altmeisterlich-romantische Neigung, Tempi zu forcieren oder zu drosseln, auch wenn das nicht in den Noten steht. Das finale Presto in der Appassionata wirkt nur dann wie eine überrumpelnde Rückung, wenn der Pianist zuvor gerade nicht beschleunigt. Der Chinese aber tritt nach Manier des jovialen Volkshelden, der in Köln ein paar postkarnevalistische Kamelle verteilen will, schon etliche Takte zuvor aufs Pedal. Booooah, wie das abgeht! In der Tat brummt es gewaltig, aber Beethoven ist es nicht.
Nach der Pause findet aber Licht zu Licht, auf einmal wird es wunderbar. Es erklingt der erste Band aus Isaac Albéniz’ Zyklus Iberia, und aus dem Flügel wird ein Orchester, das Lang Lang vorbildlich instrumentiert. Die maurischen Bronzetöne, die saturierten Akkorde auf drei Notensystemen, die sich ins fünffache Piano oder fünffache Forte verlieren – Lang Lang beherrscht das formidabel und besitzt sogar Magie. Nur brennt Spaniens Sonne zuweilen nicht heiß genug, Lang Lang spielt mit Lichtschutzfaktor.
Leider kommt zum Abschluss wieder eine Sonate, mit der Lang Lang wie mit allen Sonaten verfährt: Er zerlegt jeden Satz in lauter Stillleben. Bei Sergej Prokofieffs 7. Sonate B-Dur könnte man das als Angst deuten, dieses überaus nervöse Werk vorschnell zu schlachten. Aber dermaßen samtpfotig hat man den ersten Satz noch nie gehört. Lediglich am Ende ist die Sonate laut, wie sie im Buche steht.
Nach Klavierabenden wie diesem glaubt der strenge Klassikwart, dass auch ein 27-Jähriger gelegentlich noch zu einem Lehrer gehen sollte.
- Datum 25.02.2010 - 06:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
- Kommentare 9
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Dieser Beitrag gefällt sich wieder einmal mehr in Meinungsmache statt Berichterstattung. Dennoch: Fragen über Fragen! Nicht nur rhetorische des Autors, sondern auch solche, die der Logik geschuldet sind. Ein Beispiel: Woher kommt das „fast irreale” Licht, das hin und wieder auf den langsamen Satz einer Beethoven-Sonate fällt? Aus dem Klang etwa? Richtig! Und woher kommt der Klang? Auch richtig: Aus dem Klavier! Und wer saß in Köln, München, Hamburg und Berlin am Klavier? Ein Künstler, der seinem Instrument nicht nur eine schier unglaubliche Fülle an Valeurs zu entlocken wusste, sondern auch mühelos formale Prozesse begreiflich machte und dessen Interpretationen dennoch in jedem Takt frisch und unverbraucht waren. Wer das nicht hörte, wollte es nicht hören! Der selbst ernannte Klassikwart ist scheinbar zu sehr mit der Profilierung der eigenen Position beschäftigt, um sich dem Spiel von Lang Lang vorurteilsfrei annähern zu können. Die Klassikmacher hingegen haben offene Ohren für dessen Qualitäten, heißen sie nun Daniel Barenboim, Simon Rattle oder Mariss Jansons. Wer auf Lang Lang herumhackt, desavouiert en passant nicht nur sein begeistertes Publikum, sondern auch all die Dirigenten, die regelmäßig mit ihm zusammenarbeiten. Ihnen Seriosität in der Wahl der künstlerischen Partner abzusprechen, würde sich vermutlich nicht einmal der Klassikwart anmaßen. Was allerdings eine letzte Frage aufwirft: Wann und wo er Lang Lang denn in einer unseriösen Situation erlebt haben will...
Ich möchte mal wetten, dass die Mehrheit der Zuhörer in Lang-Langschen Konzerten hier in Europa ohnehin weniger Hörer als Zuschauer sein wollen: wie er die Augen verdreht und sich schmachtend ganzkörpermäßig in den Flügel einwuchtet...wie er bedeutsam sich hebt und senkt in Gebärden...die Musik mehr ist schmückendes Beiwerk...
Der Kommentar spricht mir vollends aus der Seele. Natürlich ist Lang Lang im höchsten Maß begabt, seine Technik ist beispiellos, der kann Klavierspielen! Und er ist, wenn man seinen Umgang mit dem Orchester augenblicksweise betrachtet, auch ein musikalischer Pianist.
Aber er scheint mir gleichsam Gedichte in einer Sprache klangvoll aufzusagen, die er gar nicht recht versteht. Jedes mal, wenn ich ihn höre, denke ich: Was will er mir nun eigentlich sagen? Er vermag zu fesseln, aber er zeigt mir die Stücke nicht. Was wichtig ist und was nicht. Den großen Bogen, die Dramatik. Ein Stück besteht doch nicht aus schönen Stellen.
Aber ich glaube, er kann's einfach noch nicht. Und gerade der letzte Satz des Kommentars ist, meiner Meinung nach, überhaupt nicht weit hergeholt: Um seine Fähigkeiten, die er ja hat, wirklich zu entfalten, müsste er tatsächlich noch auf die Weide gehen. Und: wie kann man eine Kritik optimistischer ausdrücken?
Ich jedenfalls glaube, dass wir dann von Lang Lang auch noch was zu erwarten haben.
Wenn er sich nicht weiter entwickelt, bleibt er für mich ein besserer Richard Clayderman.
Ich kann nur für mich sprechen. Aber - um Ihr Bild aufzugreifen - wenn ich ein einmal ein Gedicht nicht verstanden habe, lag es eigentlich immer daran, dass ich der jeweiligen Sprache nicht mächtig war, und nicht der Sprecher. Doch abgesehen davon: Was wichtig ist und was nicht, möchte ich (nicht nur in der Musik) gerne selbst entscheiden dürfen. Trotzdem besten Dank für den Hinweis, dass ein Pianist ein Orchester braucht, um seine Musikalität unter Beweis zu stellen. Das war mir tatsächlich neu...
Ich kann nur für mich sprechen. Aber - um Ihr Bild aufzugreifen - wenn ich ein einmal ein Gedicht nicht verstanden habe, lag es eigentlich immer daran, dass ich der jeweiligen Sprache nicht mächtig war, und nicht der Sprecher. Doch abgesehen davon: Was wichtig ist und was nicht, möchte ich (nicht nur in der Musik) gerne selbst entscheiden dürfen. Trotzdem besten Dank für den Hinweis, dass ein Pianist ein Orchester braucht, um seine Musikalität unter Beweis zu stellen. Das war mir tatsächlich neu...
Endlich wird hier mal ein Konzert von Lang Lang ohne die üblichen Beschönigungen beschrieben. Ich habe ihn letztes Jahr in Basel erlebt. Es war grauenhaft. Aus Schuberts Klaviersonate A-Dur D 959 machte er eine Schnulze, Bartoks Klaviersonate Sz. 80 bearbeitete er sehr frei, Debussys Préludes pour piano (Auswahl) blieben erkennbar, Chopins Polonaise As-Dur op. 53 verkam zum Klamauk. Sein "Musikverständnis" ähnelt sicher eher dem des "großen" Wladziu Valentino Liberace als dem eines Radu Lupu. Seine Tätigkeit sollte denn auch besser im Wirtschaftsteil besprochen werden, denn beim Phänomen Lang Lang geht es ja wohl nur ums Geld. Dass es eine Plattenfirma schafft, auch seriöse Musiker zur Zusammenarbeit mit Lang Lang zu gewinnen, ist so verwunderlich auch wieder nicht - da ist doch allen die Jacke näher als die Hose.
Ich kann nur für mich sprechen. Aber - um Ihr Bild aufzugreifen - wenn ich ein einmal ein Gedicht nicht verstanden habe, lag es eigentlich immer daran, dass ich der jeweiligen Sprache nicht mächtig war, und nicht der Sprecher. Doch abgesehen davon: Was wichtig ist und was nicht, möchte ich (nicht nur in der Musik) gerne selbst entscheiden dürfen. Trotzdem besten Dank für den Hinweis, dass ein Pianist ein Orchester braucht, um seine Musikalität unter Beweis zu stellen. Das war mir tatsächlich neu...
Ich war in der Berliner Philharmonie und habe von meinem Platz in Block B Lang Lang gut sehen können, aber weder das von Neumannder beschriebene Mienenspiel noch den von ihm so hingebungsvoll beobachteten körperlichen Einsatz wahrgenommen. Meine Aufmerksamkeit galt der Musik, gespielt von einem jungen Mann und Ausnahme-Künstler, der gerade Beethovens Sonaten in geistig vertiefender Detailgenauigkeit auslotete und - mit einem großartigen Sinn für die gestaltgeberischen harmonischen Verläufe, die er mit ausgeprägter farbiger Anschlagskultur und empfindlichster Dynamik nachzeichnete) sowie unglaublicher technischer Leichtigkeit - vitalisierte. Lang Lang trat in einen ebenso lebhaften als auch humorvollen wie hochsensiblen Dialog mit Beethoven, was dem selbsternannten „strengen Klassikwart“ (brauchen wir überhaupt einen solchen Wächter und noch dazu von diesem Niveau?) bedauerlicherweise (für ihn) entgangen ist. Sie sind ihm deshalb entgangen, weil ihn sein eigenes läppisches Wortgeklingel ins Schwitzen bringt und dissonierend die Sprache der Musik verfälscht: das „fast“ irreale Licht, das ein „schönes Klima“ sein kann, das Scherzo als chinesische Pagode, postkarnevalistische Kamellen oder Lang Langs Spielen mit Lichtschutzfaktor - booooah, da geht was ab: „übrigens verbitte ich mir ins künftige, mir [und Lang Lang] den frohen Mut nicht zunehmen, denn durch ihr Goertz-deutsches geschwätz bin ich ganz traurig geworden, hol' sie der Teufel...“(Beethoven, Wien 1798)
... hat mich Lang Lang. Erinnert mich an die Lifestyle-Produkte, die so grottenschlecht sind, dass man sie nur dank aggressivem Marketing unter die Leute bringen kann. Der Begriff des Wunderknaben ist halt inflationär.
Es gibt ausgezeichnete reife Pianisten, die unsere Kultur verstehen und entsprechend interpretieren können.
Natürlich ist Lang Lang ein grosser Virtuose. Ein Trapezkünstler oder Jongleur kann auch virtuos sein, aber gute Technik genügt einfach nicht.
Bravo für den treffenden Vergleich mit R. Claydermann! Das heisst janicht, dass Lang Lang in vielleicht 20 Jahren ein grosser Interpret werden könnte. Allerdings vermute ich, dass er bis dann vom Marketing noch völlig versaut sein wird.
Was meinen Sie mit "Lifestyle-Produkt"? Ist Musik zu machen und die eigene geistige und technische Leistung zu perfektionieren nicht ein ausgezeichneter Lebensstil? Die Reife, die Sie einfordern, wird bei dem Fundament, das Lang Lang hat, kommen. Alt werden wir alle, und es geht eigentlich nicht, dass Sie dem Jungen die Alten vorhalten, um neunmalklug ihm sein Niveau abzusprechen. Als Beethoven sich mit der C-Dur-Sonate beschäftigte, war er 24 Jahre! Es war sein op. 2! Da hatte er noch viel Humor und Experimentierlust an dem damals neuen Genre der Sonate, die er in der Folge immer mehr ausarbeitete. Ihre Reife, hoffe ich, wird auch noch kommen, sollte das Fundament dafür da sein. Höre ich hinter dem "die unsere Kultur verstehen" etwa den Glauben, ein Chinese könne das nicht? Musik kennt keine Grenzen, dafür sorgt der Notentext, den ALLE um den Globus lesen können, wenn sie sich die Arbeit machen wollen. Insofern erlausche ich in Ihren Worten Ressentiments, die ich lieber nicht als rassistisch begreifen möchte.
Mir ist doch wurschtegal, woher der Interpret kommt. Nur ist es eben so, dass Musik nicht einfach verstanden wird. Das tut man nolens volens erst in einem gewissen kulturellen Kontext. Ich liebe neben der europäischen Klassik auch griechische oder indische Musik, muss aber zugeben, dass man deren "Konsum" lernen muss. Das ist auch nicht anders bei "unserer" Musik des 12. bis 21. Jahrhunderts!
"Lifestyle" ist vielleicht erklärungsbedürftig. Gemeint habe ich die Tatsache, dass ein Künstler auf Grund irgend welcher Merkmale aggressiv vermarktet wird. Bei Lang Lang, dem ich ein Potenzial ja gar nicht absprechen will, sind das Klischees wie "unglaublich virtuos", "er kann sogar als Chinese unseren Beethoven spielen", "ist ja so jung", "ist so offen, dass er sich nicht zu schade ist, seichte Unterhaltung zu spielen" u.s.w.
Man merkt die Absicht [des Marktes] und wird verstimmt. Soll er doch spielen was er will. Aber für mich kommt zuerst das Produkt, dann der Hype.
Betreffend Marketing: Schauen Sie doch was für elender Elektronikschrott verschleudert wird, der unverkäuflich wäre, wäre nicht das amok laufende Marketing am Werk. In der Kunst ist die Rolle des Marketings ja nicht weniger dominant.
Mir ist doch wurschtegal, woher der Interpret kommt. Nur ist es eben so, dass Musik nicht einfach verstanden wird. Das tut man nolens volens erst in einem gewissen kulturellen Kontext. Ich liebe neben der europäischen Klassik auch griechische oder indische Musik, muss aber zugeben, dass man deren "Konsum" lernen muss. Das ist auch nicht anders bei "unserer" Musik des 12. bis 21. Jahrhunderts!
"Lifestyle" ist vielleicht erklärungsbedürftig. Gemeint habe ich die Tatsache, dass ein Künstler auf Grund irgend welcher Merkmale aggressiv vermarktet wird. Bei Lang Lang, dem ich ein Potenzial ja gar nicht absprechen will, sind das Klischees wie "unglaublich virtuos", "er kann sogar als Chinese unseren Beethoven spielen", "ist ja so jung", "ist so offen, dass er sich nicht zu schade ist, seichte Unterhaltung zu spielen" u.s.w.
Man merkt die Absicht [des Marktes] und wird verstimmt. Soll er doch spielen was er will. Aber für mich kommt zuerst das Produkt, dann der Hype.
Betreffend Marketing: Schauen Sie doch was für elender Elektronikschrott verschleudert wird, der unverkäuflich wäre, wäre nicht das amok laufende Marketing am Werk. In der Kunst ist die Rolle des Marketings ja nicht weniger dominant.
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