Die Frage: Annemarie und Klaus lernen sich kennen, als Klaus gerade frisch geschieden ist. Seine zwei Söhne leben bei ihrer Mutter. Klaus sagt Annemarie nachdrücklich, dass er auf gar keinen Fall noch einmal Kinder will. Wenn sie mit ihm etwas anfangen wolle, müsse klar sein: Feste Beziehung ja, Kinder nein. Annemarie steckt mitten in ihrer Weiterbildung zur Fachärztin. Sie kann sich gerade keine Schwangerschaft vorstellen und versichert Klaus, das sei kein Problem.

Fünf Jahre später ist sie dennoch schwanger. Sie habe, sagt sie, die Pille vergessen. Klaus glaubt ihren Ausreden nicht ganz, entwickelt sich aber zu einem begeisterten Vater. Als Annemarie ihrer besten Freundin gesteht, sie habe die Pille absichtlich abgesetzt, empört sich diese: Wie könne Annemarie mit dieser Lüge leben?

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Klaus hat miterlebt, dass seine erste Ehe nach der Geburt von Kindern scheiterte; er will sich diesem schmerzlichen Prozess nicht wieder aussetzen und trifft rigide Vorsichtsmaßnahmen. Annemarie unterstützt ihn zuerst darin; als sich die Beziehung festigt und ihr Kinderwunsch stärker wird, greift sie zur egoistischen List. Die Moralistin wendet sich mit Grausen ab. Der Pragmatiker aber erkennt eine gewisse Gerechtigkeit darin, dass durch die heimliche Aktion nicht mehr die Frau, sondern der Mann dem Druck unterworfen ist, entweder eine Schwangerschaft zu akzeptieren oder sich zu trennen.

Die meisten Väter können eine handfeste Wirklichkeit besser verarbeiten als die von Perfektionsansprüchen umwaberte Eventualität.

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