Ausstellung in Berlin Show-Stücke im Büro

Warum schmücken sich die Mächtigen so oft mit moderner Kunst? Eine Ausstellung in Berlin

Gerhard Schröder vor Georg Baselitz' "Fingermalerei III – Adler"

Gerhard Schröder vor Georg Baselitz' "Fingermalerei III – Adler"

Die Ausstellung hat eine klare These: Seit etwa zwanzig Jahren machen es sich die künstlerischen Avantgarden in Deutschland, die wir lange für autonom und in kritischer Distanz zu allem Bestehenden und zu allen Hoheiten wähnten, in den Büros der Konzerne, in den Amtsstuben und Wohnungen der Politiker gemütlich. Erstaunlich ist, dass diese Form affirmativer Indienstnahme offenbar ein deutsches Phänomen darstellt.

Die Ausstellung entfaltet diese These, die ihr Kurator Wolfgang Ullrich in Teilen bereits im Jahr 2000 in seinem Buch Mit dem Rücken zur Kunst entwickelt hat, in umsichtig zusammengestellten Abschnitten. Eingangs zeigen einige Beispiele die Herrscher seit der frühen Neuzeit als Zeichner und in vertraulichem Umgang mit Künstlern und belegen, dass Künstler schon immer bei den Mächtigen nach Brot gegangen sind – und die Mächtigen immer schon wussten, dass ein herrschaftlicher Auftritt mit Angeboten für das Auge mehr Ansehen verschafft als alle Vernunftgründe. Dass auch die Nationalsozialisten noch von solchen Herrschaftsstrategien wussten, wird durch eine Reihe Fotos von Görings Kunst- und Kuriositätensammlung in Carinhall und Hitlers Auftritte im Haus der Kunst vorgeführt.

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Wenn der Besucher der Ausstellung nicht einen Schwenk zur Seite macht, wo der DDR ein sehr karger Winkel gewidmet ist und Fotografien und Gegenstände aus den Büros unserer Bundeskanzler seit den fünfziger Jahren gezeigt werden, dann gerät er von der Abteilung Hitlers unmittelbar zu der Abteilung Gerhard Schröders. Man hätte diesen krassen Übergang vielleicht durch andersartige Kontinuitätslinien, etwa durch Bildnisbüsten Arno Brekers oder Bildnisse des NS-Malers Paul Mathias Padua von der bundesrepublikanischen Prominenz, darunter solchen des hier ganz abwesenden Peter Ludwig, mildern können. Mit nicht weniger als etwa zwanzig Bildern wird Schröder als »Kanzler der Künstler« zum Star dieser Ausstellung. Man sieht ihn vor dem von Georg Baselitz mit Fingern gemalten Adler, sodann von der Kuppel des Reichstags sakral hinterfangen oder auf einem wandgroßen Foto von Immendorffs Bildnis für die Kanzlergalerie monumentalisiert.

Leser-Kommentare
    • hagego
    • 08.03.2010 um 10:14 Uhr

    "Warum schmücken sich die Mächtigen so oft mit moderner Kunst?" So lautet die Eingangsfrage dieses Artikels.

    Auf diese Frage scheint die Antwort vordergründig leicht zu sein: Weil die Wirtschaftsführer und Politiker selbst auch als "moderne Wesen" begriffen werden wollen. Und das wird nun mal durch einen Baselitz viel eher als durch einen Spitzweg symbolisiert.

    "Fingermalerei III - Adler" von Georg Baselitz (siehe obige Abbildung) bietet einen Anknüpfungspunkt: Stürzt die Republik, wenn nicht ein machtbewusster Kanzler das Regieren übernimmt? Müssen die Deutschen einen Perspektivwechsel ertragen ("Es wird in Zukunft weniger zu verteilen geben - wir alle werden uns einschränken müssen."), weil wir auf dem Planeten die Grenze des Wachstums erreicht haben? Diese gesellschaftsrelevanten Fragen kann man nicht durch idyllische Bilder illustrieren (wie beispielsweise "Der arme Poet" von Carl Spitzweg).

    Die zeitgenössischen Maler hingegen versprechen sich durch die "Herrschenden" eine größere Popularität. Obwohl es für einen unabhängigen Künstler riskant ist, sich an eine politische Partei "zu verkaufen". Zu schnell gerät nach einer Abwahl auch das OEuvre eines Künstlers in Vergessenheit. Oder aber seine Kunst wird als Parteien-Kunst diffamiert (Klaus Staeck).

    Welche Politiker interessieren sich denn wirklich für Kunst bzw. Bildende Kunst? Wer von ihnen hat jemals die "documenta" in Kassel besucht? Ohne Spektakel - als Privatperson.

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