Martenstein Die Belästigungsquote

Harald Martenstein denkt über den Zölibat und seine Verfechter nach.

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Ich bin Autor, Mann, Deutscher, Agnostiker, Bartträger, Skifahrer und so weiter. Wenn ein Mitglied einer der zahlreichen Gruppen, denen ich angehöre, ein Verbrechen begeht, fühle ich mich keineswegs mitschuldig, auch nicht solidarisch. Es gibt überall Teufel und Engel. Meine eigene Position liegt auf dieser Skala ungefähr in der Mitte, eine Spur näher bei den Teufeln, nehme ich an. Irre finde ich auch die Idee, dass man Schuld dadurch relativieren könnte, dass man auf die Schuld anderer verweist. Als ich Kind war, hörte ich manchmal, die Ermordung der Juden durch die Nazis sei zwar schlimm, aber deswegen nicht ganz so schlimm gewesen, weil doch auch die Engländer im Burenkrieg Konzentrationslager gebaut hätten.

Neulich schrieb ich einen Kommentar, in dem ich, nicht sehr originell, über den Zusammenhang zwischen dem Kindesmissbrauch durch katholische Priester und dem Zölibat nachdachte. Daraufhin bekam ich Post von einem ehemaligen, sehr katholischen Freund. Wir haben uns entfremdet, wohl aus politischen Gründen. Er hält mich für links, eine Vorstellung, die ich amüsant finde. Ich bin doch der Fürst Metternich unter den deutschen Kolumnisten. Ich dagegen sehe in ihm einen konservativen Dogmatiker. Ich komme mit jeder politischen Haltung klar, erst recht der konservativen, solange sie nicht dogmatisch ist und Widerspruch zulässt. Ohne ein bisschen Wischiwaschi, ein paar innere Widersprüche und eine Prise Laisser-faire ist diese Welt ein langweiliges Kerkerloch.

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Jedenfalls schickte er mir, zur Verteidigung seiner Sache, einen Artikel eines gewissen Dr. Johannes Maria Schwarz, der als Priester im Erzbistum Liechtenstein tätig ist. Dr. Schwarz hat Forschungen betrieben und Quellen gewälzt und verkündet im Internet, bei kath.net, dass – weltweit oder in den USA, das wird nicht ganz klar – im Zeitraum von 1950 bis 2001 knapp zwei Prozent der katholischen Priester sich mit dem Vorwurf der Pädophilie auseinandersetzen mussten.

Da denkt man: Wow, jeder Fünfzigste, er ist zerknirscht. Nein. Er behauptet nämlich, unter Berufung auf Zeitungen, dass bei den Evangelischen sogar zwei bis drei Prozent der Pastoren pädophil seien. Außerdem gäben, laut der in Kirchenkreisen offenbar zur Pflichtlektüre gehörenden Zeitschrift Sex Weekly, bis zu zwölf Prozent der US-Psychologen zu, dass sie gelegentlich ein Techtelmechtel mit ihren Klienten hätten, zudem würden 15 Prozent der US-Schüler im Laufe der Schulzeit von mindestens einem Lehrer sexuell belästigt, und 0,2 Prozent der amerikanischen Sporttrainer hätten eine Strafe wegen eines Sexualdeliktes verbüßt. Das alles sei also »mit Sicherheit kein Problem katholischer Geistlicher im Besonderen«, weshalb eine Debatte über den Zölibat sich erübrige.

Die Vorstellung, dass ein katholischer Seelsorger seine Zeit damit verbringt, zur Unterstützung seiner Kollegen die Päderastenquote der Konkurrenz auszurechnen, bringt mich dem Glauben, ehrlich gesagt, keinen Schritt näher, stattdessen fallen mir dazu wieder die britischen Konzentrationslager ein.

Laut Dr. Schwarz haben Priester, verglichen mit der Belästigungsquote von Lehrern und Psychologen, ja sogar noch etwas gut! Bei dieser Art Quotenregelung tun sich, leider ganz unironisch, Abgründe auf. Immerhin weiß ich jetzt, wie die Probleme meiner ehemaligen Kirche sich lösen ließen, man muss nicht über den Zölibat diskutieren, nein, man muss nur die Pfarreien an die vergleichsweise vorbildlichen amerikanischen Sporttrainer übergeben.

 
Leser-Kommentare
  1. "Irre finde ich auch die Idee, dass man Schuld dadurch relativieren könnte, dass man auf die Schuld anderer verweist."
    Das trifft hier wie auch auf allen anderen betreffenden Gebieten zu. Und es ist auch ganz und gar unnütz, wenn gesagt wird: "Die haben 2%, die anderen aber bestimmt 3%" etc. etc.
    Diese Jongliererei mit Prozenten, ob erwiesen oder vermutet, führt zu nichts. Mit Zahlen kann man alles machen, das weiß doch jeder. Da ist es nicht weit zu unzulässigen Pauschalisierungen.
    Es muss einfach ganz dringend aufgeklärt werden, egal ob es sich nun um katholische Seelsorger oder fehlgeleitete Kaninchenzüchter handelt.

  2. Sehr geehrter Herr Martenstein,

    sie haben völlig recht mit ihrer Aussage. Es ist irgendwo geschmacklos auf andere zu zeigen, wenn im eigenen Laden Verbrechen geschehen. Aber es ist wichtig zu verstehen, warum das gemacht wird. Denn es diskutiert eben keiner über die Verbrechen und mögliche Schutzmaßnahmen oder die Verantwortung konkreter Funktionsträger. Stattdessen heißt es immer nur "die Kath. Kirche", "die Katholiken", usw. usf. Pausenlos wird Häme ausgekippt und überall räsonniert, welcher Teil am Katholischsein wohl den Missbrauch fördert. Was kann man da schon tun? Man muss nachweisen, dass dieses Problem woanders auch vorkommt, um zu zeigen, dass man sich eben nicht unterscheidet. Das wirkt dann wie Nivellierung, obwohl die eigentliche Aussage lautet: Hört auf diesen Unsinn zu erzählen, wir leiden selber darunter und würden uns freuen, wenn man uns helfen würde, statt uns zu beschimpfen. Als Katholik haben sie es momentan besonders schwer, denn sie fühlen mit den Opfern und wollen etwas tun, um alles wieder gut zu machen, aber alle diskutieren mit ihnen nur über den Zölibat und wie krank ihr Laden eigentlich sei. Und je mehr sie sich verteidigen, umso mehr sehen die anderen ihre Vorurteile bestätigt. Was soll man da sagen, wo man sich eigentlich nicht verteidigen, sondern nur trauern möchte?
    Ich glaube, das ist die Hauptaussage dieser Vergleiche: Hört auf uns zu unterstellen wir wären Perverse, denn wir sind es nicht mehr und nicht weniger als ihr.

    MfG

    Hainer

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Religiöse Gruppen wirken auf Ungläubige arrogant. Das fällt jetzt auf sie zurück.

    • Vagant
    • 27.02.2010 um 22:34 Uhr

    @derhainer, #3
    da haben Sie wohl Martensteins Ironie gründlich missverstanden.
    Die unsinnige wenn nicht zynische Quotenrechnung des Dr. Schwarz habe ich bereits kommentiert.
    Sie werden nicht müde darüber zu jammern, dass man immer von „den Katholiken“ und von der RKK spricht. Dies ist aber wohlbegründet. Nämlich ist die RKK extrem hierarchisch strukturiert. Folglich muss die kompromisslose Entschuldigung und Wiedergutmachung vom Papst höchstselbst erfolgen. Und dies in Taten, nicht in Bekenntnissen und dem Versprechen, man werde für die Opfer beten.
    Statt dessen hören wir – unwidersprochen vom Papst, den Kardinälen oder vom Erzbischof – das lautstarke Gewinsel von Bischof Mixa und Konsorten.
    Wenn doch so viele Katholiken wirklich mitleiden würden, ebenso deren kirchlichen Vorgesetzten, dann müssten sie solidarisch, direkt und ultimativ vom Papst wirksame Massnahmen verlangen, und jeden Verdacht auf Mitwisserschaft aktiv ausräumen.
    Allerdings ist seine Heiligkeit unfehlbar...
    Dass sich viele Katholiken verteidigen, mit-trauern und allenfalls beten hilft den Opfern herzlich wenig. Es braucht eben wirklich Taten. Hier und jetzt. Es ist natürlich nicht die Aufgabe der Opfer und Kritiker, das Problem zu lösen. Das muss die RKK schon selber tun.
    Ich unterstelle natürlich nicht, dass die Anhänger der RKK pervers seien. Aber es ist unglaublich dumm, vor allem auf andere zu zeigen, die womöglich Schlimmeres getan haben.

    Religiöse Gruppen wirken auf Ungläubige arrogant. Das fällt jetzt auf sie zurück.

    • Vagant
    • 27.02.2010 um 22:34 Uhr

    @derhainer, #3
    da haben Sie wohl Martensteins Ironie gründlich missverstanden.
    Die unsinnige wenn nicht zynische Quotenrechnung des Dr. Schwarz habe ich bereits kommentiert.
    Sie werden nicht müde darüber zu jammern, dass man immer von „den Katholiken“ und von der RKK spricht. Dies ist aber wohlbegründet. Nämlich ist die RKK extrem hierarchisch strukturiert. Folglich muss die kompromisslose Entschuldigung und Wiedergutmachung vom Papst höchstselbst erfolgen. Und dies in Taten, nicht in Bekenntnissen und dem Versprechen, man werde für die Opfer beten.
    Statt dessen hören wir – unwidersprochen vom Papst, den Kardinälen oder vom Erzbischof – das lautstarke Gewinsel von Bischof Mixa und Konsorten.
    Wenn doch so viele Katholiken wirklich mitleiden würden, ebenso deren kirchlichen Vorgesetzten, dann müssten sie solidarisch, direkt und ultimativ vom Papst wirksame Massnahmen verlangen, und jeden Verdacht auf Mitwisserschaft aktiv ausräumen.
    Allerdings ist seine Heiligkeit unfehlbar...
    Dass sich viele Katholiken verteidigen, mit-trauern und allenfalls beten hilft den Opfern herzlich wenig. Es braucht eben wirklich Taten. Hier und jetzt. Es ist natürlich nicht die Aufgabe der Opfer und Kritiker, das Problem zu lösen. Das muss die RKK schon selber tun.
    Ich unterstelle natürlich nicht, dass die Anhänger der RKK pervers seien. Aber es ist unglaublich dumm, vor allem auf andere zu zeigen, die womöglich Schlimmeres getan haben.

  3. Dem Inhalt Ihres Leserbriefes kann ich zum großen Teil zustimmen. Besonders gefallen hat mir der ernsthafte, unprätentiöse Ton, in dem Sie sich zu diesem Thema, das sich für eine locker daherkommende Kolumne meiner Meinung nach nicht wirklich eignet, äußern.

    • DAS
    • 26.02.2010 um 15:47 Uhr

    @marriott: Auch ich finde, dass dies die falsche journalistische Form für solch ein schlimmes Thema ist, so gut der Text auch geschrieben ist.

    Besonders stört mich, dass neben Bartträgern und Skifahrern plötzlich der Holocaust auftaucht. Dadurch wird er zum sprachlichen Mittel und außerdem zum Mittel zum Zweck in der Argumentation herabgestuft, das geht so nicht.

  4. also wenn es mehr Priester als Sportlehrer gibt, dann sind die Prozentangaben sowieso sinnlos. 2% Priester > 5% sportlehrer

  5. was Herr Martenstein nicht zu verstehen scheint, ist, dass hier ganz wissenschaftlich vorgegangen wird. Man möge mir verzeihen, ich bin auch nicht mehr so fitt in Statistik, aber ist es nicht ganz normal, dass, wenn man die Korrelation zwischen so Dingen feststellen möchte, wie z.B. Priester und Missbrach, dann vergleicht man die Häufigkeit des Missbrauchs bei Priestern mit der dessen Häufigkeit bei anderen Gruppen.
    Bei klinischen Studien hat man die Gruppe die ein Medikament nimmt und die Placebogruppe und dann stellt man fest, wie sich der Effekt bei den Gruppen unterscheidet und ob das statistisch signifikat ist.

    Also da ist, meiner Meinung nach, nix Relativierendes an dieser Sache, es ist Wissenschaft (falls es wirklich korrekt recherchiert ist usw., das weiß ich nicht). Natürlich ist Missbrauch schlimm, aber das hat nichts damit zu tun. Das Beispiel der Relativierung mit dem Konzentrationslager der Engläder ist fehl am Platz.

    • kamy
    • 26.02.2010 um 18:31 Uhr

    Nun ja, eine seriöse wissenschaftliche Studie, die mit ordentlichem Zahlenmaterial und gut begründeter Statistik an dieses Problem herangeht, wäre vielleicht gar nicht so falsch. So ließe sich eine vermeintliche oder tatsächliche höhere "Neigung" von Priestern zum Kindesmissbrauch nachweisen oder eben widerlegen.

    Bei der oben genannten Untersuchung wurden etwa 2% der Priester als Täter bekannt (=Taten wurden polizeilich erfasst) - in einem Zeitraum bis 2001. Das heißt, dass die überwältigende Zahl von Missbrauchsfällen, die in den letzten Jahren erst bekannt wurden, nicht einbezogen sind. Die vielen Fälle in Irland, USA und jetzt Deutschland waren zu der Zeit alle noch verschwiegen, vertuscht, wie auch immer.

    Eine ordentliche Untersuchung, würde eine Diskussion versachlichen. Im Moment wehrt sich die katholische Kirche mit dem Argument, dass sie im Schlechten nicht schlimmer ist als andere Berufsgruppen, die mit Kindern zu tun haben. Aber was wäre, wenn es tatsächlich ein Zusammenhang gäbe? Wir wissen es im Moment nicht wirklich. Dann MÜSSTE sich die katholische Kirche den eigenen Problemen stellen und hätte die Chance, sich positiv zu entwickeln. Ich bin gespannt, ob sie diese Größe besitzt - im Moment sieht es nicht danach aus.

  6. ist alt geworden. Und dann die Kommentare lesen und sich über so viel Ernsthaftigkeit freuen. Seit man sich das von der Vogue abgekupferte Sloterdijk-Wannabe zu dem Abriss anschauen darf, ist Ihre Kolumne ein einziger Klappentext. Die Wischiwaschi-Stelle gehört mit zum Besten, was Sie jemals hervorgebracht haben. Lassen Sie es gut sein. Schreiben Sie nur noch lange, lange, schlechterdings durchdachte, aber sehr lange Bücher. Ich werd sie lesen.

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