Neuer Vincent van Gogh Undefinierte Flecken
Ein neuer Vincent van Gogh – nach langer Prüfung gilt ein Mühlenbild von 1886 nun als Werk des Meisters
Lange ein beliebtes Ausflugsziel: Die Mühle Le blute-fin, 1886 von van Gogh gemalt und heute im Museum de Fundatie in Zwolle zu besichtigen
Natürlich wollte niemand ausgerechnet Dirk Hannema glauben. Zu oft hatte der niederländische Kunsthistoriker in der Vergangenheit schon danebengegriffen, wenn es darum ging, von ihm entdeckte Kunstwerke bedeutenden Künstlern zuzuschreiben. Die größte Blamage seiner Karriere hatte der damals 43-Jährige erlebt, als er 1938 der Weltöffentlichkeit ein angeblich unbekanntes Gemälde von Vermeer, die Emmausjünger, präsentierte – und nach dem Krieg eingestehen musste, dass es sich um eine nicht sonderlich gelungene Fälschung von der Hand Han van Meegerens handelte. Seinen Posten als Direktor des angesehenen Museums Boijmans in Rotterdam war Hannema 1945 nicht allein deshalb los. Weil er während des Krieges offen mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatte, wurde er inhaftiert und war fortan in seiner Heimat auch politisch nicht mehr sonderlich gelitten. So widmete er sich bis zu seinem Tod 1984 ganz seiner privaten Kunstsammlung.
Und nun sollte ausgerechnet dieser Dirk Hannema dreißig Jahre nach Kriegsende in Paris gleich vier bis dato unbekannte Gemälde Vincent van Goghs entdeckt haben: zwei Stillleben, eine Steinbruch-Landschaft und die Ansicht einer der Windmühlen, die Ende der 1880er Jahre noch als Touristenattraktion auf dem Montmartre standen. Allgemeines Kopfschütteln war die Reaktion. Niemand nahm Hannema ernst, und keines der Bilder, die er für wenig Geld für seine eigene Privatsammlung erworben hatte, fand Eingang ins offizielle Werkverzeichnis Vincent van Goghs.
Bis zum Mittwoch, als Louis van Tilborgh, Forschungskustos, und Ella Hendricks, Restauratorin am Amsterdamer Van Gogh Museum, in einer Pressekonferenz bekannt gaben, dass sie nach ausführlichen stil- und materialkritischen Untersuchungen die Montmartre-Ansicht als eigenhändiges Werk van Goghs anerkennen. Ralph Keuning, Direktor des Museum de Fundatie im niederländischen Zwolle, in dem die Hannema-Sammlung zu sehen ist, hatte um eine erneute Untersuchung gebeten. Künftig kann er das im Januar gereinigte, auf Holz gemalte Bild dort nun mit entsprechendem Etikett zeigen.
Gerade aus der Pariser Zeit des Malers sind nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder unbekannte Werke aufgetaucht, vor allem Blumenstillleben. Sein Aufenthalt dort zwischen 1886 und 1887 ist die am schlechtesten dokumentierte Zeit seines kurzen Lebens. Weil der nur in Kollegenkreisen angesehene Maler bei seinem Bruder Theo lebte, musste er ihm keine Briefe schicken, in denen er ansonsten ausführlich seine Bildideen und Bildproduktion beschrieben hatte.
Für die Echtheit des Hannema-Bildes, das dieser 1975 bei der Pariser Kunsthändlerin Rickel Hein erwarb, sprachen gleich verschiedene Faktoren. Zweifelsfrei eigenhändige Zeichnungen geben die Mühle Le Blute-Fin samt Treppe, Aussichtsplattform, Bäumen, Flaggen und Ausflugslokal aus identischer Perspektive wieder. In einem 1967 verbrannten Gemälde setzte van Gogh das Motiv auch malerisch um. Verschiedene andere Van-Gogh-Bilder vom Montmartre weisen außerdem starke Parallelen in Pinselduktus, Farbwahl und der Wiedergabe der Figuren auf. An ihrer individuellen Darstellung scheiterte van Gogh zu jener Zeit noch regelmäßig, die Gesichter sind deshalb undefinierte Farbflecken.
Rehabilitiert ist Dirk Hannema mit dieser Entdeckung allerdings nur zum Teil: Die anderen drei angeblichen Van-Gogh-Gemälde, die er in Paris erwarb, werden nach wie vor nicht als Originale anerkannt. Sie bleiben für die Amsterdamer Van-Gogh-Forscher Werke unbekannter Meister.
- Datum 08.03.2010 - 15:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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