Wer dieser Tage das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart besucht, untergebracht im Alten Schloss, steht unvermittelt im Epizentrum der Sammlung. Im Obergeschoss werden die Schauräume schon für das 150-Jahr-Jubiläum 2012 umgebaut, deshalb musste die Kunstkammer der Herzöge Württembergs kurzerhand ins Foyer umziehen. Das aus der Not geborene Provisorium entfaltet aber einen unerwarteten und wohl auch unbeabsichtigten Reiz: Als hätte man Martin Heideggers Warnung vor dem »Überfall« der Begriffe auf die Dinge beherzigt, wurde auf eine Beschilderung komplett verzichtet. Der Betrachter begegnet dem Konvolut von Preziosen und Kuriositäten ohne die üblichen Kommentare. Stattdessen ist Rätseln, Staunen, Spekulieren angesagt: Wer unter den süddeutschen Adeligen legte Wert darauf, dass gerade ein goldenes Rhinozeros sein Trinkgefäß zierte? Wie geriet ein südamerikanisch anmutender Federschild in den Besitz eines schwäbischen Herzogs des 16. Jahrhunderts? Und wirkt diese silbern-bronzene Türmchenuhr nicht seltsam campy, wie Susan Sontag die zwischen Kunst und Kitsch oszillierenden Kultobjekte postmoderner Erlebnisweisen bezeichnete?

Gerade die Kunstkammer ist ein gutes Beispiel dafür, dass historische Sammlungen nur vordergründig »historisch« sind. Tatsächlich beherbergen sie zahlreiche Einflüsterer der Gegenwart und laden in ihrem ästhetischen Holterdipolter zu waghalsigen Gedankenspielen ein: Ist nicht die Kunst- und Wunderkammer eine Art Vorläuferin der größten Wunderkammer aller Zeiten, des World Wide Web? Beerbt Letzteres nicht die fürstliche Kuriositätensammlung unter den Auspizien der egalitären, individualistischen Massenkultur? Und stellt es nicht bereits eine Vorform der Globalisierung dar, wenn der Begründer der Stuttgarter Kunstkammer, der reisefreudige Friedrich I., seinen Hof mit internationalen Exotika ziert?

Gegründet 1862 unter König Wilhelm I. von Württemberg als »Staatssammlung vaterländischer Kunst- und Alterthumsdenkmale«, beherbergen das Museum und seine zahlreichen Zweigstellen eine heterogene Gemengelage von steinzeitlichen Faustkeilen über römische Steindenkmale und venezianische Glaskunst bis hin zu zeitgenössischen Zürcher Spiegelschränken. Doch was früher mit einigem terminologischen Wagemut als »vaterländisch« verkauft wurde, mutet mittlerweile ziemlich transnational an – das Landesmuseum ist eben auch ein Außer-Landes-Museum.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Weniger heterogen als die Artefakte hingegen präsentieren sich die tableaux vivants der Museumsbesucher. Zwischen den Exponaten erblickt man für gewöhnlich entweder Kinder bei kunstdidaktischen Initiationsritualen oder Rentner bei der unaufgeregten Ausgestaltung des Lebensabends. Dazwischen klafft die übliche demografische Lücke. Oder haben die Stuttgarter vielleicht zu intensiv den Gründervater der Kunstgeschichte studiert, den Florentiner Giorgio Vasari? Der nämlich hatte anno 1550 vor dem verderblichen Charakter mittelalterlicher Kunst gewarnt, insbesondere jener nördlich der Alpen – gerade diese aber bildet einen weiteren Höhepunkt der Stuttgarter Sammlung.

Die Sakralkunst des süddeutschen Mittelalters wird im Landesmuseum unter den Gesichtspunkten Bildthemen, Bildfunktionen und Sammlungsschwerpunkte aufbereitet. Auch hier gibt es allerhand Wundersames zu entdecken, zum Beispiel jenes eigenartige Gemälde aus dem frühen 16. Jahrhundert, auf welchem einem gläubigen Kranken das Bein eines verstorbenen Mohren transplantiert wird – der Glaube versetzt Beine. Was man gemeinhin unter »Hybridisierung« versteht, beginnt offensichtlich nicht erst mit der Postmoderne. Die holzsichtigen Skulpturen aus Ulm, Dettenhausen, Würzburg und Augsburg wiederum bieten seit Dekaden Anlass für kunsthistorische Detektivspiele: Waren die Kruzifixe und Marienfiguren früher farbig gefasst, oder folgten manche einer neuen, puristischen Ästhetik?

Falls ja, was war der Auslöser? Hier zeigt sich, dass auch ständige Sammlungen ständig neue Fragen aufwerfen. Es ist ein Privileg unserer Zeit, diese Sammlungen nicht länger einem »nationalen Erbe« und einem einheitlichen Weltbild zurechnen zu müssen. In den nationalen und regionalen Museen schlummert das kryptoeuropäische, kryptoglobale Erbe – und wartet darauf, angetreten zu werden.