Bayerische Staatsoper Klingeltöne über der RuineSeite 2/2
Mal zirzensisch, mal lyrisch springt er der beflissenen Intertextualität seines Librettisten hinterher, lässt im Wozzeck-Duktus von der Kürze des Menschenlebens singen und kontrapunktiert à la Monteverdi die archaischen Linien eines Nornentrios. Er zaubert transparente Überlagerungen, wenn er etwa über einen funkelnden Bogen von Vibrafon und Celesta eine rostige Bläserfarbe wischt. Und er erschließt den Raum: Hinter der Bühne spielt ein Orchester (von Christopher Ward geleitet), im Graben ein kleines Ensemble, das Eötvös selbst dirigiert. Doch eine Spannung zwischen diesen Gruppen kommt nicht zustande, so etwas erlebte man eher in der Produktion von Eötvös’ Drei Schwestern, die jetzt im Münchner Prinzregententheater mit Studenten der Theaterakademie zu sehen war, von Rosamond Gilmore choreografierend inszeniert.
Einer Raumwirkung der Musik steht im Nationaltheater schon die riesige Ruine im Weg, die Ilya und Emilia Kabakov dort hingeklotzt haben, ein Gewölbefragment wie aus den Caracalla-Thermen, auf dem die makellose weiße Treppe eines zeitlosen Heliopolis ins Nichts führt, gesäumt von Skulpturen zum Niedergang des Menschen. In dieser Installation des renommierten Künstlerpaares, die in ihrer symbolschweren Wucht der Partitur völlig konträr ist, kommen Regisseur Balász Kovalik und Kostümbildnerin Amélie Haas über plattes Bebildern kaum hinaus. Dass der Teufel freches Rosa trägt und supercool herumschlendert, ist ein ebenso hilfloses Stereotyp wie die Datenhelme der virtuell verführten Menschen und ihr Zappeln – da spielt die Oper Bibel und Science-Fiction tapsig nach.
Wie oft, wenn Regisseure ratlos sind, wird die Bühnenmaschinerie angeworfen. Dauernd dreht sich die Ruine, und der Einsatz von Hubpodien, mittels deren Protagonisten auf- und niederfahren, ist in seiner Frequenz schon fast wieder komisch. Es gibt Luftballons und Bodennebel und ein rotes Motorrad, es ist immer was los. Und es wäre alles nichts, würden sich nicht Solisten wie Cora Burggraaf (Eva), Ursula Hesse von den Steinen (Lucy alias Lilith), Topi Lethipuu (Adam) und Georg Nigl (Lucifer) grandios in Rollen verausgaben, die keine sind. Und wäre da nicht die filigrane, immer wieder aufleuchtende Musik. Über sie wird man allerdings erst nach einer völlig anderen Realisierung sagen können, ob von ihr mal mehr bleiben wird als die Erwähnung in einer Dissertation über den Klingelton als Zitat im frühen 21. Jahrhundert.
- Datum 24.02.2010 - 17:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Ein Zitat aus der Montagszeitung,Berlin 1870:"(...)Eine grauenvollere Katzenmusik könnte nicht erzielt werden,als Wagner in seinen Meistersingern erreicht und wenn sämtliche Leiermänner Berlins in den Renzschen Zirkus gesperrt würden,und jeder eine andere Walze drehte(...)"
Beliebig viele andere Beispiele könnte ich aufführen-die das Handwerk des "Kritisierens"ad absurdum führen- nur um dem(n) Rezensenten meinen Zweifel daran anzumelden,daß er (sie)in der Lage ist(sind),zu beurteilen,was in der Zukunft an Musik bleiben wird.
Eine Kritik muss immer im Zeitlichen Kontext gelesen werden. Sie ist kein Schriftstück für die Ewigkeit (bzw nur insoweit wie sie zukünftigen Lesern zeigen kann was man zu einer anderen Zeit dachte) sondern soll eine Meinung darstellen nach der sich andere Orientieren können. Jeder muss am Ende für sich selbst entscheiden, aber eine gute Kritik ist eine brauchbare Basis für die Meinungsbildung.
Außerdem wird hier ja sowieso vor allem das Bühnenbild/etc kritisiert. Der Schlusssatz sollte ihnen eigentlich genügen.
aber ich zweifle an der Urteilskraft des Kritikers was das "Überleben"von Musik betrifft.Also diese,ich sag mal,arrogante Aussage finde ich vermessen.
Ich glaube außerdem nicht,daß eine schlüssigere Realisierung einer Oper deren Musik
"verbessert".Deshalb denke ich ,daß die Herstellung dieses Zusammenhangs-"vielleicht überlebt sie mit einer besseren Inszenierung"-prinzipiell falsch ist.
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