Honduras, 2005. Ein elendes Dorf im Norden der Provinz Yoro. Ein komischer Deutscher läuft mit Prospekten herum. Armen, Arbeitslosen, Tagelöhnern, die in provisorischen Bruchhütten leben, zeigt er Bilder von schmucken bunten Häuschen. »So eins könnt ihr auch haben«, verkündet er den verblüfften Dorfbewohnern. Er wird nicht unbedingt glaubwürdiger, als er erklärt, woraus die Häuser gebaut und was die Voraussetzungen sind: Man braucht viele Leute. Die müssen viel Zeit haben. Und zum Bauen nimmt man leere Plastikflaschen.

Der schräge Vogel heißt Andreas Froese, ist 53, ein Spanisch sprechender Westfale aus Herford. Froese hatte schon immer ein Faible für Lateinamerika. In den Achtzigern unterstützte er mit der Waffe in der Hand die Sandinisten und erkannte: »Bewaffnete Hilfe ist nicht der Weg.« Er kam nach Deutschland zurück mit der Erkenntnis, dass die Armen dort vor allem Essen brauchen, ein Dach über dem Kopf und Schulen. Für den gelernten Zimmermann hieß die Konsequenz: Ich will nicht für Reiche bauen. Sondern für die, die mit ihren Familien, bedroht von Niederschlägen, Stürmen, Erdbeben und Gewehrkugeln, in einem Verschlag hausen müssen.

In Deutschland beschäftigte sich Froese fortan mit ökologischer Stadterneuerung. Er riss alte Häuser kontrolliert ab und sorgte dafür, dass brauchbares Baumaterial wie Steine, Fenster oder Elektrokabel gerettet und recycelt wurde. Am Ende war er Chef von 500 Leuten in einem Joint Venture mit der Stadt Kiew – wiederverwendbare Bauabfälle wurden hierzulande aussortiert und in der Ukraine verbaut.

Doch es zog Froese immer wieder nach Mexiko, Honduras, Kolumbien. Er arbeitete mit behinderten Kindern und kriminellen Jugendlichen, gründete eine Firma, in der Behinderte davon leben, dass sie Kompost herstellen. Er beriet Entwicklungshilfeprojekte. Irgendwann war er bei der Anlage eines ökologischen Freizeitparks in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa engagiert. Nach einer großen Feier mit Zehntausenden Teilnehmern blickte er auf deren Hinterlassenschaften: Polyethylenterephthalat. Zehntausende leere PET-Flaschen flogen in der Gegend herum. Und das nicht nur hier. Überall im Land. In allen Drittweltländern. Milliardenfach verdrecken die leichten Plastikflaschen Länder, Flüsse, Strände, Ozeane. Da hatte Froese eine Idee.

Die Dorfversammlung hat entschieden. Drei Häuser soll Andreas Froese bauen. Man hatte eine Abordnung in die Stadt geschickt, die sich diese seltsamen Plastikflaschenhäuser anschauen sollte. Die Leute kamen beeindruckt zurück. Richtige Häuser! Nicht zuletzt hat auch das Engagement der irisch-katholischen Entwicklungsorganisation Trocaire überzeugt, die Geld bereitstellen will. José und Ana gehören zu den Erwählten. Der erste Schritt ist der schwerste. Um einen Bauplatz zu bekommen, müssen sie ihr altes Elendsquartier abfackeln. Eine Vertrauensübung. Sie bekommen für die Bauzeit einen Notverschlag.

Ein Fundament wird gegossen. Ein Lkw kommt aus der nächsten Stadt. Randvoll mit Plastikflaschen. Dann gibt es Arbeit für das ganze Dorf. Alt und Jung werfen Erde und Bauschutt durch große Siebe. Flasche für Flasche wird mit Dreck gefüllt – das ergibt das neue Baumaterial. Maurer kommen und zeigen den Dorfleuten, wie man die Flaschen aufeinanderschichtet, mit Lehm oder Mörtel vermauert und mit alter Nylonschnur oder Stacheldraht von der Müllkippe verbindet. José und Ana sehen zum ersten Mal in ihrem Leben eine Maurerkelle und eine Wasserwaage. Wände entstehen, mit Fenstern, an den Ecken aus Flaschen gemauerte Rundpfosten, obendrauf kommt ein Blechdach. Am Ende wird das Ganze mit Lehm verschmiert und angemalt. Fertig.