Von dem afroamerikanischen Komiker und Entertainer Bert Williams stammt der Satz: »Es ist keine Schande, schwarz zu sein. Aber es ist enorm ungünstig.« Dieser Tage gilt: Es ist keine Schande, Muslim in Europa zu sein, aber es ist enorm ungünstig.

Muslime im Singular scheint es nicht mehr zu geben. Sie sind als Individuen unsichtbar, als Leute, denen ihre Mitgliedschaft im lokalen Fußballverein oder ihre Arbeit als Krankenpfleger wichtiger sein könnte als ihre Herkunft aus Bosnien oder Afghanistan . Muslime gibt es gegenwärtig selten als Lehrer oder Schlosser, als Liebhaber von Neil Young oder Munir Bashir, Muslime gibt es selten als gläubig und schwul, als Atheisten oder Opelaner – nicht weil es sie nicht gäbe, sondern weil sie so nicht mehr wahrgenommen werden.

Jeder einzelne Muslim wird verantwortlich gemacht für Suren, an die er nicht glaubt, für orthodoxe Dogmatiker, die er nicht kennt, für gewalttätige Terroristen, die er ablehnt, oder für brutale Regime in Ländern, aus denen er selbst geflohen ist. Muslime müssen sich distanzieren von Ahmadineschad in Iran , den Taliban in Afghanistan, von Selbstmordattentätern und Ehrenmördern, und diese Distanzierung glaubt ihnen doch keiner, weil alles gleichgesetzt wird: Islam und Islamismus, Glaube und Wahn, Religiosität und Intoleranz, Individuum und Kollektiv. Zum Vergleich: Es wird gegenwärtig eine Debatte über sexuellen Missbrauch in katholischen Schulen geführt, es wird auch nach den Strukturen gefragt, die den Missbrauch ermöglicht haben. Aber man erwartet nicht von beliebigen Gläubigen, dass sie sich von solchen Taten distanzieren, und niemand würde den bekennenden Katholiken Harald Schmidt auffordern, die Praktiken ihm fremder Jesuitenpatres zu verdammen.

Früher nannte man es Rassismus, wenn Kollektiven Eigenschaften zugeschrieben wurden – heute dagegen gelten dumpfe Vorurteile als »Angst, die man ernst nehmen muss«. Was diesen neuen Rassismus rhetorisch so elegant aussehen lässt, ist, dass das Unbehagen gegenüber Muslimen niemals als Unbehagen gegenüber Muslimen artikuliert wird. Vielmehr kommen die Angriffe stets im Gewand des Liberalismus und als Verteidigung der Moderne daher. Es sind Werte einer aufgeklärten, sympathisch pluralistischen Lebensweise, die in Stellung gebracht werden gegen den Islam.

Dabei werden Muslimen jene Eigenschaften und Überzeugungen zugeschrieben, die eine moderne Gesellschaft als intolerant geißeln muss. Ein typisches Beispiel ist der Einwanderungstest des CDU-regierten Bundesandes Baden-Württemberg , bei dem die Tauglichkeit zur Einbürgerung mit der Haltung der Einwanderer zur Homosexualität in Verbindung gebracht wird – oder der des Landes Hessen , der ein modernes Frauenbild abfragt. Wer wollte nicht die modernen Vorstellungen des Zusammenlebens verteidigen? Das ist ja der Konsens, auf dem unser Grundgesetz und unsere Gesellschaftsordnung beruhen. Es klingt auch irgendwie besser und emanzipierter als die Ideologie von Leuten, die dogmatisch an repressiven Familien- oder Sexualitätsvorstellungen festhalten.

Implizit wird dabei immer auch die eigene liberale Fortschrittlichkeit behauptet. Vergessen sind die Versuche der CDU , gegen die eingetragene Lebenspartnerschaft zu votieren, vergessen die Rückständigkeit des Familienbildes der Christlich-Demokratischen Union, das Festhalten an der Ehe als einer Institution zwischen Mann und Frau oder das Verweigern des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare. Es ist eine eigenwillige Allianz aus atheistisch-kritischem Feminismus und christlichem Konservativismus, die etwa das Kopftuch als Projektionsfläche für berechtigte Kritik an der Misshandlung von Frauen einerseits und zugleich für eine phobische Scheu vor Andersartigkeit instrumentalisiert. Da überrascht es gelegentlich, wem es auf einmal so außerordentlich um Frauenrechte geht, und der Verdacht liegt nahe, dass Missachtung vor allem dann entdeckt wird, wenn es sich um muslimische Formen des Patriarchats und des Machismo handelt – als wären die nicht genauso widerwärtig, wenn sie von Nichtmuslimen ausgeübt werden. Wie vielen nichtmuslimischen Bewohnern Baden-Württembergs oder Hessens die Staatsbürgerschaft entzogen werden müsste, wenn auch sie den Test ihrer aufgeklärten Toleranz ablegen müssten, bleibt unklar. Intolerant und illiberal sind immer nur die anderen.

So ist eine Diskussion um den Islam in Europa entbrannt, die nicht mehr nur am rechten Rand Gemüter erhitzt, sondern das bürgerliche Zentrum erreicht hat. Das Misstrauen gegen muslimische Europäer wird nicht mehr nur von den schrillen Vertretern rechts-nationalistischer Parteien geschürt – wie Nick Griffin von der British National Party ( BNP ) in England, der eine Repatriierung von »nicht indigenen« Briten fordert, oder Geert Wilders von der Freiheits-Partei (PVV) in den Niederlanden. Solche Parteien haben es geschafft, dass auf einmal die bürgerliche Mitte über Konfliktlinien diskutiert, die von rechts außen diktiert wurden: In der Schweiz sollen Minarette verboten werden, in Frankreich die Totalverschleierung, und in den Medien wird eine Debatte über die »Eroberung Europas durch den Islam« geführt.