Sterne-Koch Tim Raue "Als ich meine Frau traf, hat sich alles verändert"

Der Sternekoch Tim Raue erzählt in der Rubrik "Das war meine Rettung" über seine Jugend in Kreuzberg, seine Erfahrung mit Gewalt und den positiven Einfluss seiner Frau.

ZEITmagazin: Herr Raue, was ist bei einem großen Koch wichtiger: Disziplin oder Genialität?

Tim Raue: Disziplin ist das Entscheidende. Genialität ist eher etwas, das von außen beschrieben wird. Für mich ist der beste Koch in Deutschland Joachim Wissler vom Vendôme in Bergisch Gladbach. Wissler ist unglaublich diszipliniert – und so kreiert er geniale Gerichte. Das muss ineinandergreifen. Ich bin zwar sehr preußisch, aber ich muss manchmal ausbrechen können. Ich werde auch nie drei Sterne haben, das weiß ich, weil mir diese absolute Fokussierung auf das eine zu langweilig ist.

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ZEITmagazin: Wenn man an so exponierter Stelle kocht, dann kann man ja auch leicht abstürzen bei einem solchen Drahtseilakt. Wenn Sie sich selber betrachten: Wo ist Ihre Gefahrenstelle?

Raue: Meine Gefahrenstelle ist mein Mundwerk. Ich spreche immer sehr deutlich aus, was ich möchte und was nicht. Da hatte ich kürzlich im Fernsehen gesagt, dass ich in meiner Lehre drei Jahre lang Scheiße gefressen habe, dass ich dabei aber viel gelernt habe. Das kam nicht gut an. Gut, ich hätte sagen sollen: Es war nicht immer ein Zuckerschlecken. Danach bekam ich empörte Briefe: Herr Raue, wir werden nie wieder bei Ihnen essen!

Tim Raue

Der 37-jährige Spitzenkoch wuchs in Berlin-Kreuzberg auf, dort war er Mitglied der Kiez-Gang 36 Boys. Im Jahre 2007 kürte ihn der Restaurantführer Gault Millaut zum Koch des Jahres. Von 2008 bis 2010 leitete Raue die Restaurants des Berliner Hotel Adlon, danach eröffnete er gemeinsam mit seiner Frau das Restaurant Tim Raue. Das Magazin Feinschmecker zeichnete Raue kürzlich als "Koch des Jahres 2011" aus.

ZEITmagazin: Was war der dunkelste Punkt in Ihrem Leben?

Raue: Nun, wenn ich ehrlich sein soll: Ich bin als Kind von meinem Vater geschlagen worden. Wie übrigens viele Kinder in Kreuzberg, wo ich aufwuchs. Und wenn man einmal mit Gewalt in Verbindung kommt, bleibt die Gefährdung immer hoch. Gewalt erzeugt Gegengewalt.

ZEITmagazin: Wie sind Sie mit dem Gewalterlebnis umgegangen? Es hat Sie ja nicht gebrochen.

Raue: Na ja, ich habe das lange auf die leichte Schulter genommen, das heißt, ich habe selber kräftig ausgeteilt. Und das ist ziemlich mies fürs Karma. Ich hatte das große Glück, dass mir irgendwann einer, der wirklich stärker war, so richtig eins in die Fresse gegeben hat. Da war ich 18 und bereits in der Ausbildung, und ich dachte, ich genieße noch einmal wie früher, einen auf dicke Hose zu machen.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

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ZEITmagazin: Was war das für eine Situation?

Raue: Es war eine Geburtstagsparty, und da kam jemand, der mehr Bums in der Faust hatte als ich. Ich wollte mich mit ihm auseinandersetzen, aber er war schneller. Da war mir klar: Das war der Schlussakkord in Moll, und jetzt ist gut. Wenn du so aufwächst wie ich, ist das Einzige, was du hast, der Stolz auf dich – und du selbst. Dein Name. Das ist mit Sicherheit etwas, was mich auch heute noch trägt. Manchmal denke ich mir: Musst du hier jetzt deinen Namen hinschreiben (er hält einen Teller hoch, auf dem der Name seines Restaurants Ma Tim Raue steht), so wie wir damals unsere Zeichen an die U-Bahn gesprayt haben? Musst du deinen Namen immer wieder lesen, damit du weißt, dass du bist?

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