Immobilie Der Kaufhaus-Coup
Rainer Michel kämpft in Görlitz dafür, Deutschlands schönstes Warenhaus zu retten
»Ja ja«, sagt Rainer Michel, »ich bin einer von denen, die gemeint sind, wenn es heißt: dieses Görlitz.« Diese Rentnerhochburg. Der Ort für den Lebensabend. Für Menschen wie Michel, 66 Jahre alt, Religionslehrer im Ruhestand.
Dabei hat Rainer Michel gerade erst ein neues Leben begonnen. Vor drei Jahren zog er von Köln ganz in den Osten, und wenn sie in Rente geht, wird seine Frau nachkommen. Das Ehepaar gehört zu den vielen, die sich in Görlitz verliebt haben, als sie es zum ersten Mal besuchten. Zu den vielen, die blieben. Aber Michel ist einer der wenigen, den auch die Görlitzer sofort gemocht haben. Sie grüßen ihren Michel. Sie haben ihn zum »Mann des Jahres« gewählt. Weil er für sie kämpft. Weil die Stadt ihm wirklich Heimat ist und er ihr etwas zurückgeben will. Etwas Bestimmtes.
»Es geht um unser Hertie«, sagt Michel. Hertie ist der letzte Mieter des Kaufhauses am östlichen Ende des Demianiplatzes, vier Geschosse, prächtiger Jugendstil, mitten in Görlitz. Allein dieser Lichthof, sagt Michel, herrlich! Das vielleicht schönste Kaufhaus Deutschlands, wegen des riesigen Kronleuchters, wegen des reich verzierten Glasdachs. Wo finden Sie das sonst?, fragt Michel. Doch Hertie ist pleite. Das Kaufhaus ist zu. Geschlossen seit Sonnabend, den 15. August 2009.
Rainer Michel sagt, er habe 1968 im Westen erlebt – und gelernt: Wenn uns etwas stört, ändern wir das. »Wir müssen verhindern, dass dieses Haus verfällt«, sagt er.
Der Gegner sitzt in London. »Neben dem Buckingham Palace«, erzählt Michel, und wahrscheinlich weiß der Gegner gar nicht, wie schön das Görlitzer Warenhaus ist. Dawnay Day, ein Finanzinvestor mit Geldsorgen, war Hertie- Eigner und ist Hausbesitzer. »Eine Heuschrecke«, sagt Michel. »Wissen Sie, was Heuschrecken mögen? Sie mögen Ruhe.« Diese Heuschrecke aber werde keine Ruhe bekommen.
Kürzlich versammelte Rainer Michel an einem Wochenende die Görlitzer zum dritten Mal am Marienplatz zum Protest. Hunderte klatschten. Hört ihr uns, London?
Wahrscheinlich nicht. Rainer Michel hat deshalb Unterschriften gesammelt. Er will damit in den Flieger steigen. Michel will der Heuschrecke ins Gesicht sehen. Und fordern: In unserem Warenhaus wird nichts mehr verkauft, verkauft unser Warenhaus!
Michel wird mit Rückenwind nach London fliegen. Die Heuschrecke hat Steuerschulden, das Amtsgericht ordnete gerade die Zwangsversteigerung des Kaufhauses an. Dann dürfe, sagt Michel, nicht schon wieder eine Heuschrecke einsteigen. Vielleicht, überlegen sie nun in Görlitz, sollten sie einfach alle zusammenlegen. Und ihr Kaufhaus selbst kaufen.
- Datum 26.02.2010 - 15:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Respekt vor dem Engagement der Görlitzer, die sich rund um Herrn Michel für eine Perspektive dieses wichtigen und wunderschönen innerstädtischen Baudenkmals einsetzen. Allein jedoch ... die Probleme liegen weniger bei den von deutschen Parteipolitikern aposthrophierten `Heuschrecken´ in London oder anderswo. Görlitz ist städtebaulich, historisch und geografisch betrachtet eine tolle Stadt - nicht nur für Menschen im sogenannten `letzten Lebensdrittel´.
Auch ich lebe seit drei Jahren in der Oberlausitz (die schlesischen Görlitzer fremdeln naturgemäß mit der politisch aufoktroierten Begrifflichkeit) und seit 1993 in Sachsen. Auch ich komme wie Herr Michel aus dem Rheinland (Niederrhein) aber auch ich bin hier ein Fremder.
Keine Frage: Görlitz kann mehr! Aber ... es hat Monate gedauert, bis eine kleine bürglerliche Minderheit der Görlitzer sich gegen den Rassismus der NPD im Sächsischen Wahlkampf (Polen-Plage) gewehrt hat. Viel zu spät ... mit desaströsen Folgen für das Image der Stadt.
Penetrant besteht die Stadt Görlitz auf Ihre Synagoge, die den Görlitzer Juden geraubt worden ist und mit genauso ekelhafter Penetranz bedient die Sächsische CDU und Staatsregierung ein ausländerfeindliches Bild ... und das in Görlitz. Die Stadt kann nur mit Ihren Nachbarn leben und wer bei der Verabschiedung des polnischen Konsuls aus Sachsen damals im Görlitzer Theater dabei war, der hat gespürt: Die Polen sind moderner, weltoffener und flexibler als die Lausitzer/Niederschlesier es sind.
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