Wer bei Tino Petsch in Chemnitz eine Bohrmaschine kaufen will, muss bis zu 1,7 Millionen Euro auf den Tisch legen. Mit so einem Gerät lassen sich Solarzellen löchern, deren Funktionsweise Petsch und seine Leute findig verändert haben: Der Wirkungsgrad der Zellen stieg dadurch um ein Drittel, der Umsatz der Firma 3D-Micromac wuchs gleich mit.

Im Jahr 2008 traf Tino Petsch eine Entscheidung, die viel erzählt über die neue Stärke einer Stadt, die kaum einer mehr auf der Rechnung hatte. Petsch erwog, seine Lasertechnik-Produktion nach Irland oder Tschechien zu verlagern. Sie blieb dann doch in Chemnitz, seiner Heimat. Weil es hier Forschungspartner und eine Zulieferindustrie gibt. Weil Petsch in der Region fähige Ingenieure und Facharbeiter findet. Weil seine Firma hier weiter wachsen kann.

Als die Krise im vergangenen Jahr den Welthandel abschnürte, stellte Petsch 20 Leute ein. Der Umsatz wuchs um 35 Prozent auf 6,5 Millionen Euro. Ein Fünftel davon steckte er in Forschung und Entwicklung – wie jedes Jahr. Auf dem Weltmarkt für Präzisionslaser ist man entweder verdammt schnell oder verdammt gut. Petsch sagt: »Wir sind die Schnellsten und die Besten.«

Ein Drittel der Industrieproduktion der DDR kam aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt; die Werkbank des Sozialismus stand im Südwesten Sachsens. Chemnitz war die Musterstadt des Systems. Als das System scheiterte, drohte auch Chemnitz zu kollabieren. Zehntausende verließen nach der Wende die Stadt. Während Leipzig und Dresden mit Großansiedlungen glänzten, bekam Chemnitz nicht einmal ein Stadtzentrum. Wie soll eine Stadt leben, der das Herz fehlt?

Diese armen Menschen, dachte Ulrich Blum, als er nach der Wende erstmals nach Chemnitz kam. Furchtbar sei es gewesen, dort habe man nicht leben wollen. Blum leitet das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Er sagt, die Startbedingungen seien in Chemnitz nach 1989 nicht schlecht gewesen, sondern extrem schlecht. Danach habe sich aber gezeigt, dass sich Regionen auch ohne das ganz große Fördergeld gut entwickeln könnten – wenn ihre Menschen nicht jammern, sondern klotzen, wenn sie durchhalten, wenn sie geduldig sind, erfinderisch und genügsam. Ulrich Blum sagt: »Wenn ich heute Aktien von einer ostdeutschen Stadt kaufen müsste, dann wären das welche von Chemnitz.«

Unter den 50 größten Städten Deutschlands verzeichnet Chemnitz die geringsten Arbeitskosten, die niedrigsten Mieten, den viertgrößten Zuwachs der Einkommensteuerkraft. Nirgendwo im Osten ist das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen höher als hier. Fast unbemerkt hat sich die Stadt in wichtigen Wirtschaftsdaten an Leipzig und Dresden vorbeigeschoben.

Blum sagt: »Leipzig zum Beispiel wird wahnsinnig überschätzt. Die haben irrsinnig hohe Sozialkosten und viele Firmen mit einem extrem hohen Verlagerungsrisiko. Die Maschinenbaukompetenz aus Chemnitz abzuziehen ist da sehr viel schwieriger.« Die Stadt hat eine Art zweite Industrialisierung erlebt, die ihr mittelständische Weltmarktführer gebracht hat und auch einen gewissen Stolz auf die eigenen Stärken.