Stadtentwicklung Chemnitz Aufwärts immer
Chemnitz stand lange im Schatten von Dresden und Leipzig. Inzwischen zieht die Stadt wirtschaftlich an ihnen vorbei
© John MacDougall/AFP/Getty Images

Ein Porträt vom Maler Otto Dix an der Fassade des Gunzenhauser Museums in Chemnitz
Wer bei Tino Petsch in Chemnitz eine Bohrmaschine kaufen will, muss bis zu 1,7 Millionen Euro auf den Tisch legen. Mit so einem Gerät lassen sich Solarzellen löchern, deren Funktionsweise Petsch und seine Leute findig verändert haben: Der Wirkungsgrad der Zellen stieg dadurch um ein Drittel, der Umsatz der Firma 3D-Micromac wuchs gleich mit.
Im Jahr 2008 traf Tino Petsch eine Entscheidung, die viel erzählt über die neue Stärke einer Stadt, die kaum einer mehr auf der Rechnung hatte. Petsch erwog, seine Lasertechnik-Produktion nach Irland oder Tschechien zu verlagern. Sie blieb dann doch in Chemnitz, seiner Heimat. Weil es hier Forschungspartner und eine Zulieferindustrie gibt. Weil Petsch in der Region fähige Ingenieure und Facharbeiter findet. Weil seine Firma hier weiter wachsen kann.
Als die Krise im vergangenen Jahr den Welthandel abschnürte, stellte Petsch 20 Leute ein. Der Umsatz wuchs um 35 Prozent auf 6,5 Millionen Euro. Ein Fünftel davon steckte er in Forschung und Entwicklung – wie jedes Jahr. Auf dem Weltmarkt für Präzisionslaser ist man entweder verdammt schnell oder verdammt gut. Petsch sagt: »Wir sind die Schnellsten und die Besten.«
Ein Drittel der Industrieproduktion der DDR kam aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt; die Werkbank des Sozialismus stand im Südwesten Sachsens. Chemnitz war die Musterstadt des Systems. Als das System scheiterte, drohte auch Chemnitz zu kollabieren. Zehntausende verließen nach der Wende die Stadt. Während Leipzig und Dresden mit Großansiedlungen glänzten, bekam Chemnitz nicht einmal ein Stadtzentrum. Wie soll eine Stadt leben, der das Herz fehlt?
Diese armen Menschen, dachte Ulrich Blum, als er nach der Wende erstmals nach Chemnitz kam. Furchtbar sei es gewesen, dort habe man nicht leben wollen. Blum leitet das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Er sagt, die Startbedingungen seien in Chemnitz nach 1989 nicht schlecht gewesen, sondern extrem schlecht. Danach habe sich aber gezeigt, dass sich Regionen auch ohne das ganz große Fördergeld gut entwickeln könnten – wenn ihre Menschen nicht jammern, sondern klotzen, wenn sie durchhalten, wenn sie geduldig sind, erfinderisch und genügsam. Ulrich Blum sagt: »Wenn ich heute Aktien von einer ostdeutschen Stadt kaufen müsste, dann wären das welche von Chemnitz.«
Unter den 50 größten Städten Deutschlands verzeichnet Chemnitz die geringsten Arbeitskosten, die niedrigsten Mieten, den viertgrößten Zuwachs der Einkommensteuerkraft. Nirgendwo im Osten ist das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen höher als hier. Fast unbemerkt hat sich die Stadt in wichtigen Wirtschaftsdaten an Leipzig und Dresden vorbeigeschoben.
Blum sagt: »Leipzig zum Beispiel wird wahnsinnig überschätzt. Die haben irrsinnig hohe Sozialkosten und viele Firmen mit einem extrem hohen Verlagerungsrisiko. Die Maschinenbaukompetenz aus Chemnitz abzuziehen ist da sehr viel schwieriger.« Die Stadt hat eine Art zweite Industrialisierung erlebt, die ihr mittelständische Weltmarktführer gebracht hat und auch einen gewissen Stolz auf die eigenen Stärken.
»Es gab ja diese postindustrielle Zeit, in der manche dachten, wir könnten alle davon leben, uns gegenseitig die Haare zu schneiden«, sagt Barbara Ludwig. Da sei es schicker gewesen, Messestadt oder Kunstmetropole zu sein. Ludwig, seit 2006 Oberbürgermeisterin von Chemnitz, erinnert sich, dass der Stolz in ihrer Industriestadt trotzig war und dass er erst seit wenigen Jahren zu wirklichem Selbstbewusstsein wächst.
Der Stolz, er ist auch ein Projekt der Oberbürgermeisterin. Die neue Stadtmitte, die schönen neuen Kaufhäuser, die massive Förderung der Kunst – das hatte alles schon ihr Vorgänger besorgt. Ludwig übernahm das Amt nach der Gründerzeit Ende der Neunziger, ihr neues Feld war sauber bestellt. So suchte Ludwig nach ihrer Rolle, und wenn ihr Vorgänger die Stadt aus einer Krise der Infrastruktur befreit hat, dann müsste es die Aufgabe von Barbara Ludwig sein, Chemnitz jetzt wieder eine Identität zu geben.
»Wir sind auf dem Weg, ein fundiertes Selbstwertgefühl zu entwickeln«, sagt sie, und warum dieser Weg kein leichter ist, dass wissen sie hier alle. Die Umbenennung nach 1945, das war der erste Knacks. Ludwig sagt, man wolle und könne das Kapitel Karl-Marx-Stadt nicht auslöschen, »deswegen steht Charly auch noch«, die tonnenschwere Marx-Plastik.
Den zweiten Knacks erlebte Chemnitz nach der Wende, als die Industrie wegbrach und in der Region mit Fördermitteln falsche Akzente gesetzt wurden. »Mit dem Geld hätten nicht Spaßbäder im Erzgebirge subventioniert werden dürfen, es hätte in Forschungsinstitute investiert werden sollen«, sagt Ludwig. Stattdessen floss Geld für Grundlagenforschung nach Dresden und Leipzig, »ein doppelter Aderlass«.
Knacks drei: das ständige Messen mit Dresden und Leipzig. Dieser Vergleich langweile sie, sagt Ludwig, und doch weiß sie um seine Bedeutung, und dass er unumgänglich ist. Dieses »Trauma«, wie Ludwig es nennt, ist nicht mit ein paar Statistiken zum Arbeitsmarkt und der Wirtschaft zu besiegen; dafür ist es viel zu sehr mit der Stadt verwachsen. Das war so in der DDR, als auf Adventskalendern nur Leipzig und Dresden ein großes Bild bekamen und Karl-Marx-Stadt ein kleines erhielt. Das ist noch heute so, da die beiden Konkurrenten sich in der bundesweiten Wahrnehmung als aufstrebende Städte platzieren konnten – und Chemnitz oft noch immer als Symbol für den vermeintlich dümmlichen Osten gilt.
»Die Stadt hat ein Imageproblem«, sagt Ingrid Mössinger, die Generaldirektorin der Kunstsammlungen. Es gab mal die Chance einer Städtepartnerschaft mit Venedig – doch man wählte das finnische Tampere, weil Tampere eben auch eine Industriegeschichte hat. Chemnitz müsse aufpassen, sagt Mössinger, dass es nicht ein Signal der Einseitigkeit und Langeweile sende. »Die Stadt ist am Bergkamm, es kann nach unten gehen, muss aber nicht. Die Frage ist doch: Wird aus einer mittleren Großstadt jetzt eine große Großstadt?«
Für eine große Großstadt aber brauchte es ein paar große Gedanken, und Ingrid Mössinger hat da auch schon Ideen. Ihr schweben eine Chemnitzer Dependance der Dresdner Kunsthochschule vor sowie ein Neubau in Nähe der Kunstsammlungen: das Kunsthochhaus, schmaler Grundriss, sieben Geschosse. Im Industrieverein haben sie sich ebenfalls Gedanken gemacht und gerade ein Papier aufgesetzt. Es ist mit Vision Chemnitz 2030 überschrieben und sieht »die Stadt der Moderne auf Wachstumskurs«.
Dabei gehört zur »Vision 2030« aber auch eine EU-Studie – mit der Prognose, Chemnitz könnte in 20 Jahren europaweit die Stadt mit der ältesten Bevölkerung sein. Sollen die Utopien mit Leben gefüllt werden, dann darf sich die Kommune nicht nur Hochkultur und Wirtschaft widmen, dann sollte sie auch Menschen wie Gregor Eichhorn im Blick haben. Der 26-Jährige ist in Chemnitz aufgewachsen und wird hier im Herbst sein Medizinstudium beenden. Die Klinik wird ihm fünf, vielleicht zehn Prozent mehr Lohn bieten als Krankenhäuser in Dresden oder Leipzig, nur so kann sie konkurrieren. Gregor Eichhorn wird vielleicht trotzdem gehen.
»Ich kann Chemnitz nicht lieben«, sagt er. Die Orte seiner Jugend, die Schule, der erste Probenraum, sie seien längst dicht oder abgerissen – und Eichhorn hat Angst, dass das so weitergeht, dass »diese bleierne Resignation siegt und diese Phalanx der Mittelmäßigkeit«. Der Stadt sei Gestaltungsmüdigkeit vorzuwerfen und Passivität. Die Stadtplanung sei von Verwaltungsakten bestimmt, nicht aber von einem Wunsch nach mehr Urbanität. Stattdessen vereine man dort das Schlechteste aus zwei Systemen, »das Obrigkeitsdenken der DDR und die Betriebswirtschaftlichkeit der BRD«. Ersteres verhindere Eigeninitiative und Veränderungsmut, Letzteres führe zu einer Abrisspolitik, deren Ergebnis Eichhorn so beschreibt: Haus, Lücke, Lücke, Haus, Lücke.
Gregor Eichhorn ist mit seinem Unmut nicht allein, das zeigte vor einiger Zeit ein Streich an der Autobahnabfahrt Chemnitz-Süd. Dort steht auf einem Schild der Leitspruch »Stadt der Moderne«. Ein unbekannter Sprayer machte daraus: »Statt der Moderne«.
Das aufgesprühte »t« wurde schon bald wieder weggewischt. Wenn eine Imagekorrektur nur immer so einfach wäre.
- Datum 27.02.2010 - 18:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Die beste und modernste Schule in Chemnitz, das Chemnitzer Schulmodell, braucht eine neue Schule. Alles wahr schon in Sack und Tüten und nun hört man ein fiskalisches Nein. Das ist Chemnitz und die Zukunft - Bildung und beste Bildung für Alle geht nur über moderne Schulen, Lehrer und Lehrkonzepte.
Da strengen sich die Eltern an und der Direktor und der Verein und Firmen - dann kommen solche Nullnummern.
Die besten Schulen zu haben würde auch Eltern anziehen in dieser Stadt zu leben, Platz ist ja wirklich genug da und grün wird sie im Frühling auch.
Chemnitz, das sächs. Manchester und Umebung zählten neben dem Rheinisch-westf. Industrierevier zum Kernbestand der dt. Industrie. Was wurde in Zwickau und Chemnitz nicht alles prodiziert! Alles!! Ein A. Horch kam aus Köln, um in Zwickau Autos entwickeln und produzieren zu lassen, er hatte gute Gründe. Mittelständisch geprägt, wie heute Württemberg hatte die Stadt C. 1930 360.000 Einwohner.
Schwerste Fehler der Wirtschaftspolitik der Wiedervereiniung bedeuteten zunächst einen unerwarteten Schlag der durch die Planwirtscaft geschwächten Betriebe. 1/5 der Bevölkerung war gezwungen, sich neue Arbeitsstellen im Westen zu suchen. Da tut ein solcher Artikel, der Umschwung verheisst und Zuversicht kündet, gut. Kulturell hat sich die Stadt ja auch manches interessante zugelegt.
Den immensen Bestand an Wohnungen und - zu modernisierender Infrastruktur zu nutzen und nicht zugunsten teurer Millionenstädte wie MUC, F, D, HH weiter verfallen zu lassen, ist an sich eine nationale gesellschaftlice Aufgabe. Vielleicht gelingt sie uns doch noch.
"Aufwärts immer"! Schönes Motto. Der Status quo der Stadt wurde richtig eingefangen. Das Lob ist berechtigt, die Kritik ebenso. Gregor's Statement ist ernst zu nehmen: "...diese bleierne Resignation siegt und diese Phalanx der Mittelmäßigkeit."
Herr Blum hat aus seiner Sicht, der eines Wirtschaftswissenschaftlers, natürlich Recht, wenn er sagt: "Wenn ich heute Aktien von einer ostdeutschen Stadt kaufen müsste, dann wären das welche von Chemnitz."
Was er dabei nicht sagt, ist, ob er auch hier leben würde.
der artikel hat vollkommen recht, wenn er die wirtschaftliche dynamik von chemnitz heraustellt, nur:
auch der längste arbeitstag ist einmal zu ende und damit beginnt das problem in chemnitz. es fehlt einfach urbanes leben: konzerte, künstler und musik.
leere straßen und kneipen in der innenstadt zeugen von dem größten problem der stadt, die flucht der jugend!
eine diversifikation der wirtschaft tut not, um nicht nur technikern und ingenieuren arbeit zu bieten, sondern auch freigeistern und kreativen. erst dann, hat chemnitz eine realistische chance alle bevölkerungsgruppen wieder langfristig an die stadt zu binden.
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