Stadtentwicklung Chemnitz Aufwärts immerSeite 3/3

Dabei gehört zur »Vision 2030« aber auch eine EU-Studie – mit der Prognose, Chemnitz könnte in 20 Jahren europaweit die Stadt mit der ältesten Bevölkerung sein. Sollen die Utopien mit Leben gefüllt werden, dann darf sich die Kommune nicht nur Hochkultur und Wirtschaft widmen, dann sollte sie auch Menschen wie Gregor Eichhorn im Blick haben. Der 26-Jährige ist in Chemnitz aufgewachsen und wird hier im Herbst sein Medizinstudium beenden. Die Klinik wird ihm fünf, vielleicht zehn Prozent mehr Lohn bieten als Krankenhäuser in Dresden oder Leipzig, nur so kann sie konkurrieren. Gregor Eichhorn wird vielleicht trotzdem gehen.

»Ich kann Chemnitz nicht lieben«, sagt er. Die Orte seiner Jugend, die Schule, der erste Probenraum, sie seien längst dicht oder abgerissen – und Eichhorn hat Angst, dass das so weitergeht, dass »diese bleierne Resignation siegt und diese Phalanx der Mittelmäßigkeit«. Der Stadt sei Gestaltungsmüdigkeit vorzuwerfen und Passivität. Die Stadtplanung sei von Verwaltungsakten bestimmt, nicht aber von einem Wunsch nach mehr Urbanität. Stattdessen vereine man dort das Schlechteste aus zwei Systemen, »das Obrigkeitsdenken der DDR und die Betriebswirtschaftlichkeit der BRD«. Ersteres verhindere Eigeninitiative und Veränderungsmut, Letzteres führe zu einer Abrisspolitik, deren Ergebnis Eichhorn so beschreibt: Haus, Lücke, Lücke, Haus, Lücke.

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Gregor Eichhorn ist mit seinem Unmut nicht allein, das zeigte vor einiger Zeit ein Streich an der Autobahnabfahrt Chemnitz-Süd. Dort steht auf einem Schild der Leitspruch »Stadt der Moderne«. Ein unbekannter Sprayer machte daraus: »Statt der Moderne«.

Das aufgesprühte »t« wurde schon bald wieder weggewischt. Wenn eine Imagekorrektur nur immer so einfach wäre.

 
Leser-Kommentare
  1. Die beste und modernste Schule in Chemnitz, das Chemnitzer Schulmodell, braucht eine neue Schule. Alles wahr schon in Sack und Tüten und nun hört man ein fiskalisches Nein. Das ist Chemnitz und die Zukunft - Bildung und beste Bildung für Alle geht nur über moderne Schulen, Lehrer und Lehrkonzepte.

    Da strengen sich die Eltern an und der Direktor und der Verein und Firmen - dann kommen solche Nullnummern.

    Die besten Schulen zu haben würde auch Eltern anziehen in dieser Stadt zu leben, Platz ist ja wirklich genug da und grün wird sie im Frühling auch.

  2. Chemnitz, das sächs. Manchester und Umebung zählten neben dem Rheinisch-westf. Industrierevier zum Kernbestand der dt. Industrie. Was wurde in Zwickau und Chemnitz nicht alles prodiziert! Alles!! Ein A. Horch kam aus Köln, um in Zwickau Autos entwickeln und produzieren zu lassen, er hatte gute Gründe. Mittelständisch geprägt, wie heute Württemberg hatte die Stadt C. 1930 360.000 Einwohner.

    Schwerste Fehler der Wirtschaftspolitik der Wiedervereiniung bedeuteten zunächst einen unerwarteten Schlag der durch die Planwirtscaft geschwächten Betriebe. 1/5 der Bevölkerung war gezwungen, sich neue Arbeitsstellen im Westen zu suchen. Da tut ein solcher Artikel, der Umschwung verheisst und Zuversicht kündet, gut. Kulturell hat sich die Stadt ja auch manches interessante zugelegt.

    Den immensen Bestand an Wohnungen und - zu modernisierender Infrastruktur zu nutzen und nicht zugunsten teurer Millionenstädte wie MUC, F, D, HH weiter verfallen zu lassen, ist an sich eine nationale gesellschaftlice Aufgabe. Vielleicht gelingt sie uns doch noch.

  3. "Aufwärts immer"! Schönes Motto. Der Status quo der Stadt wurde richtig eingefangen. Das Lob ist berechtigt, die Kritik ebenso. Gregor's Statement ist ernst zu nehmen: "...diese bleierne Resignation siegt und diese Phalanx der Mittelmäßigkeit."

  4. Herr Blum hat aus seiner Sicht, der eines Wirtschaftswissenschaftlers, natürlich Recht, wenn er sagt: "Wenn ich heute Aktien von einer ostdeutschen Stadt kaufen müsste, dann wären das welche von Chemnitz."

    Was er dabei nicht sagt, ist, ob er auch hier leben würde.

  5. der artikel hat vollkommen recht, wenn er die wirtschaftliche dynamik von chemnitz heraustellt, nur:

    auch der längste arbeitstag ist einmal zu ende und damit beginnt das problem in chemnitz. es fehlt einfach urbanes leben: konzerte, künstler und musik.
    leere straßen und kneipen in der innenstadt zeugen von dem größten problem der stadt, die flucht der jugend!

    eine diversifikation der wirtschaft tut not, um nicht nur technikern und ingenieuren arbeit zu bieten, sondern auch freigeistern und kreativen. erst dann, hat chemnitz eine realistische chance alle bevölkerungsgruppen wieder langfristig an die stadt zu binden.

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