Leipzig Nur ein Seufzer
Leipzigs neuer Kulturdezernent Michael Faber startete mit einem Paukenschlag. Inzwischen fällt er durch Zurückhaltung auf
Es ist still geworden um Leipzigs neuen Kulturdezernenten Michael Faber. Wer hätte das erwartet nach den Schlagzeilen bei seinem Amtsantritt? Der Untergang des Abendlandes schien gekommen: Ein Linker dirigiert die Bach-Stadt, rot-rote Kungelei, Blamage, Provinzposse, zweite Wahl.
Acht Monate später geht alles seinen Gang, fast so lautlos wie zu Zeiten seines Vorgängers Georg Girardet. Der war die Verkörperung des Diplomaten gewesen. Falls ihm das nicht ohnehin im Blut liegt, lernte das der studierte Jurist in seinen Ämtern. Erst im Bundesbildungsministerium in Bonn, dann in der Ständigen Vertretung der BRD in Ostberlin, schließlich von 1991 an in Leipzig. Hier wurde er selbst so etwas wie eine ständige Vertretung, dreimal wiedergewählt. Er feierte seinen 50., 60. und noch den 66. Geburtstag im Amt, über das er sagt: »Im Prinzip muss man sehr diszipliniert sein und sich völlig zurückhalten.« So erschien er denn auch, wenn die Tür im Amtszimmer aufging: gemessenen Schrittes und mit der formvollendeten Selbstkontrolle eines Diplomaten. Selbst seine Anzüge und Jacketts waren irgendwie diplomatisch, immer tadellos, aber nie ins Auge fallend.
Ganz anders erscheint nun Michael Faber. Er ist so alt wie sein Vorgänger bei Amtsantritt. Doch im Vergleich zu Girardet, der auch mit 49 Jahren schon gesetzt auftrat, wirkt er geradezu spontan. Mit Hornbrille und leicht silbern glänzender Lockenpracht entspricht Faber eher dem Bild des Kunstliebhabers. Als er im Sommer anfing, kam er in weiten Leinenanzügen wie aus Tschechows Zeiten. Jetzt trägt er zur hellen Cordhose eine Brokatweste mit abgestimmter Krawatte. Dazu passend, Manschettenknöpfe aus eingefasstem Bernstein.
Kulturleute geißelten den »Kuhhandel«, der Faber ins Amt gebracht hatte
Gleich sprudelt er los. Vom ersten Tag an fühlte er sich hier angekommen, »wie in einer Heimat«. Das Dezernat: »vorzüglich«, die Zusammenarbeit: »klimatisch hervorragend«. Nicht nur die zwei Vorzimmerdamen, sondern auch alle Referenten blieben an ihrem Platz. Nur die Skulpturen und Bilder im Amtszimmer sind neu. Danach gefragt, ist Michael Faber sichtlich in seinem Element. »Ich habe seit dem Abitur schon Kunst gesammelt«, erzählt er. Das setzte sich dann beim Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Leipzig fort. Anschließend verdiente er beim Börsenverein sein Geld, gab es aber auch weiterhin für Kunst aus. Daraus wurde nach der Wende ein Beruf. Er und sein Vater Elmar Faber, der den Berliner Aufbau Verlag geleitet hatte, gründeten in Leipzig Faber&Faber. Neben Büchern verlegten sie eben auch Werke von Künstlern, für die sich der Sohn starkmachte. Jedes Bild und jede Plastik, die nun sein Amtszimmer schmücken, repräsentieren seinen Geschmack.
Was hing eigentlich bei Georg Girardet im Zimmer? Auch er kannte natürlich Leipzigs Kunstszene. Heisig und Mattheuer hatte er schon zu DDR-Zeiten besucht, wie auch die Alternativen von der Galerie Eigen+Art. Wäre es nicht angebracht gewesen, sich ein Bild der alten oder der aufstrebenden neuen Leipziger Malerschule ins Amtszimmer zu hängen? Um sich gewissermaßen als guter Wessi zu verorten? Stattdessen hingen dort »zwei therapeutische Bilder«, wie Girardet sagt; gekauft, als mal Geld in irgendeinem Topf übrig war. Monochrome Arbeiten in Kobaltblau: »Habe ich mir gerne angesehen, die hatten so was Beruhigendes.«
Vor allem aber mussten sie niemanden beunruhigen mit der Botschaft: Wenn ihm das gefällt, wird ihm jenes nicht gefallen. Michael Faber legte weniger Zurückhaltung an den Tag, als er sich im Frühjahr vergangenen Jahres als Kulturdezernent bewarb. Das heißt: Von einer Bewerbung konnte eigentlich keine Rede sein. Denn der SPD-Oberbürgermeister hatte entschieden, das Amt aus Proporzgründen an die Linke zu vergeben, für die eben Faber als Parteiloser antrat. Dieser »Kuhhandel« verschaffte ihm die ersten Schlagzeilen. Die nächsten galten dem, was die CDU als Fabers Kulturprogramm an die Lokalpresse weiterleitete: Rotstift für »absurde Honorare« in der Hochkultur! Gewandhaus: gut, Oper und Theater: unbefriedigend. Beim Bildermuseum sehe er keine Zukunftskonzeption und in der freien Szene einen »Kompensationsraum für Problemgruppen«.
Das war doch mal was, ein Paukenschlag! Doch Faber erklärt: »Da wollte mich jemand bewusst missverstehen.« Das alles sei total aus dem Zusammenhang gerissen worden, aus einer Fragerunde, mit der er sich in der CDU-Fraktion vorstellte. Doch hatte er von da an nicht nur die CDU, sondern auch die gesamte Kulturszene gegen sich. Die Intendanten und Direktoren fast aller Leipziger Häuser zeichneten ein Protestschreiben gegen den »Kuhhandel«, aber auch gegen die Person des Kandidaten. Doch so richtig in die Öffentlichkeit trauten sie sich damit auch nicht, denn das Schreiben wurde in letzter Minute den politischen Entscheidungsträgern nur verlesen, niemand bekam es als Dokument in die Hand. So war der geordnete Rückzug schon einkalkuliert, als Faber trotzdem gewählt wurde, mit der Mehrheit der Linken und der SPD.
- Datum 25.02.2010 - 14:13 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Als ehemaliger Leipziger empfinde ich es schon als Methode Ihrer Redaktion, dass Sie sich über die Jahre kontinuierlich weigern, sich mit den `harten´ Daten dieser Stadt zu beschäftigen. Stattdessen findet immer ein wenig Feuilleton statt.
Das tut - Stadtmarketingmäßig betrachtet - Niemandem wirklich weh, kommt aber irgendwie sympathisch rüber.
Was Herr Faber in eine Bach-Büste hineininterpretiert (Ihr Zitat: `Holzkopf´) ist reichlich irrelevant ob der fiskalischen und politischen Situation der Kommune.
Leipzig beschäftigt sich gerade damit, wie es eine mehrere hundert Millionen Euro-Forderung internationaler Banken bedienen kann, die durch illegale Finanztransaktionen von Geschäftsführern kommunaler Betriebe ausgelöst worden ist (hier: Kommunale Wasserwerke Leipzig/KWL) und die ZEIT setzt sich mit dem Kulturdezernenten Leipzigs und seinen Befindlichkeiten auseinander. Bravo!
Ich habe 10 Jahre in dieser Stadt gelebt und einige davon für die Kommune gearbeitet. Leipzig ist ein - astronomisch betrachtet - schwarzes Loch, in dem Mrd-große Steuergelder auf seltsame Weise verschwinden, eine für die Bundesrepublik Deutschland exorbitante Kinderarmut herrscht, kommunale & HWK-Spitzenpositionen entweder mit ehemaligen IM des MfS, Ex-SED´lern oder dilletierenden Personalimporten aus Westdeutschland besetzt sind und dessen Verwaltungsspitze von einer kommunalen LVV aus SPD und CDU-Politikern dominiert wird, die sofort zerschlagen werden müsste. Aber wir schreiben über J. S. Bach !
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren