Hartz IV »Sie waren wohl noch nie im Waschsalon!«

Tut der Staat genug für Menschen in Not – oder tut er zu viel? Zwei Ökonomen streiten über Respekt, Würde und Waschmaschinen

DIE ZEIT: Es tobt eine Debatte um Gerechtigkeit zwischen Arbeitslosen und Steuerzahlern. Manche sagen, wir brauchen einen Neuentwurf des Sozialstaats. Stimmt das?

Michael Hüther: Das würde ich so nicht sagen. Aber wir müssen uns die Frage stellen, ob unser Sozialstaat leistet, was er leisten soll: jedem Menschen Respekt einzuräumen. Wie schaffen wir das in Zeiten, in denen Ungleichheit unvermeidbar ist, weil sie zum Marktsystem gehört und weil die Erwerbschancen geringer werden? Wie können wir den wechselseitigen Respekt erhalten zwischen jenen, die Hilfe bekommen, und jenen, die mit ihren Steuern diese Hilfe ermöglichen? Das ist im Kern die Frage.

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Gustav Horn: Den Anstoß zu dieser Debatte hat ja das Bundesverfassungsgericht gegeben. Es sagt: Hartz-IV-Empfängern gebührt Menschenwürde. Diese Würde und den damit verbundenen Respekt kann man nur haben, wenn man am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Dazu gehört eine materielle Grundlage, die müssen wir sicherstellen. Außerdem ist das Sozialsystem auch ökonomisch wichtig. Es stabilisiert in Krisenzeiten die Volkswirtschaft, es sichert Einkommen. Ohne den von Herrn Westerwelle kritisierten Sozialstaat hätten wir diese Krise viel schlechter verkraftet.

Im Streitgespräch

Die beiden Ökonomen Michael Hüther und Gustav Horn streiten sich stellvertretend für große Teile der Republik. Hüther, 47, ist Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft. Horn, 55, leitet das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Doch so kontrovers es zugeht, sind sich die beiden manchmal sehr einig – etwa darin, dass Geringverdiener oft mit zu hohen Abgaben belegt werden.

Hartz IV-Debatte

Das Bundesverfassungsgericht hat mit seinem Votum zu Hartz IV die neue deutsche Sozialstaatsdebatte angestoßen, Guido Westerwelle hat sie auf seine eigene Art verschärft. Längst geht es nicht mehr nur um faire Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger, sondern auch um die Philosophie des deutschen Sozialwesens. Und um das Menschenbild, auf dem es aufbaut: Wie solidarisch sind die da oben, wie leistungswillig die da unten? Mehr Fördern, so verlangen es die eher Linksstehenden und sehen sich von Karlsruhe ermuntert. Mehr Fordern, rufen viele Liberale und Konservative – und wollen die Umverteilung vermindern.

ZEIT: Aber ist unser Sozialstaat nicht überfordert, wenn diejenigen, die arbeiten und ihn damit finanzieren, fast schon eine Minderheit sind?

Horn: Das sollte man nicht dramatisieren, das ist zum Teil Folge der Demografie. Wir haben mehr ältere Menschen und damit auch mehr Rentenempfänger. Fragen muss man doch eher, ob wir den Sozialstaat durch die Steuersenkungen der vergangenen Jahre nicht seiner Mittel beraubt haben und er sich deshalb schwertut, manche seiner Aufgaben wahrzunehmen. Man kann nicht die Einnahmen reduzieren und dann Überforderung beklagen.

ZEIT: In den fünfziger und sechziger Jahren lebten 45 Prozent der Bevölkerung in Deutschland nicht von eigener Arbeit oder dem Sozialamt, sondern von der Unterstützung in ihrer Familie. Heute sind es nur noch 27 Prozent. Ist das kein Problem?

Horn: Es gibt zwar nicht mehr die Großfamilie, die alle Risiken abfedert. Aber das müssen wir akzeptieren, das gehört auch zu einer arbeitsteiligen Industriegesellschaft. Der Staat ist heute mehr gefordert, aber er kann das bewältigen.

Hüther: Grundsätzlich stimme ich zu. Ein Beispiel, wie der Staat auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren kann, ist bei aller Kritik an der Umsetzung die Pflegeversicherung. Wo wir uns dagegen noch schwertun, ist die Situation der Alleinerziehenden.

ZEIT: Also brauchen wir keinen Neuentwurf?

Hüther: Nein, wir haben mit Hartz IV gerade eine große Reform gemacht. Das haben die Menschen auch so wahrgenommen. Jetzt geht es darum, Fehler zu korrigieren und Hartz IV zu optimieren.

Horn: Es geht nicht um »Optimierung«. Ja, Hartz IV war eine massive Umgestaltung des Sozialstaates. Aber durch die Reform sind die Gerechtigkeitsvorstellungen vieler Menschen verletzt worden. Deshalb haben wir heute auch ein anderes Parteiensystem. Viele empfinden es als ungerecht, dass jemand nach 30 Jahren Arbeit innerhalb von einem Jahr auf Sozialhilfeniveau fällt. Wir brauchen deshalb kein völlig neues Sozialwesen, aber wichtige Korrekturen für mehr Gerechtigkeit.

ZEIT: Optimieren, korrigieren – wie wichtig ist das Karlsruher Urteil?

Hüther: Eigentlich geht es da nur um Technikalien. Die Höhe der Hartz-IV-Leistungen wurde nicht beanstandet. Der Staat muss sie allerdings sorgfältiger berechnen und begründen. Ich meine, wir sollten das für grundlegende Verbesserungen nutzen. Erstens könnten wir den Transferempfängern mehr Entscheidungsfreiheit zubilligen, das hat auch etwas mit Respekt zu tun. Ein Beispiel: Zieht ein Hartz-IV-Empfänger heute in eine billigere Wohnung, bringt ihm das nichts. Er bekommt dann einfach weniger Geld für die Mietkosten überwiesen. Würden wir die Wohnkosten als ortsübliche Pauschale zahlen, könnte er frei entscheiden, was ihm wichtig ist. Er könnte umziehen und das gesparte Geld für andere Dinge verwenden – etwa für eine Weiterbildung. Zweitens müssen wir dringend die Regeln ändern, nach denen Zuverdienste auf die Hartz-IV-Leistungen angerechnet werden. Diese Regeln sind heute demotivierend.

Leser-Kommentare
  1. muss in der Berliner Stadtbibliothek relativ viel Geld bezahlen, weil Bücher nicht an allen Standorten verfügbar sind.

  2. könnte Familien aus der "Armutsfalle trotz Arbeit" holen.

  3. Ich finde es interessant, daß beide Professoren, die ja weder Minister noch Abgeordnete sind, häufig die "wir"-Form benutzen. "Wir müssen dieses und jenes tun..." Diese blinde Identifikation mit dem Staatsapparat hat selbstverständlich ihre Gründe. Hartz-IV Empfänger und Professoren haben gemeinsam, daß sie von Transferleistungen leben. Beide werden letztlich vom Steuerzahler bezahlt, beide haben somit ein vitales Interesse daran, daß der Staat auch weiter in der Lage ist, die Umverteilung vom Leistungserbringer zum Leistungsempfänger zu gewährleisten.

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    • NoG
    • 02.03.2010 um 11:54 Uhr

    horn - boeckler stiftung

    "Finanziert wird die Stiftung aus Zuwendungen von gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmervertretern, die Mandate in einem Aufsichtsrat innehaben und Teile der dabei erworbenen Tantiemen abführen, sowie durch Spenden und zweckgebundene Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung."

    huether - diw

    "Es wird von Verbänden und Unternehmen der privaten Wirtschaft finanziert. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie."

    ____________________________________________

    im uebrigen sollte man immer mit erwaehnen.

    • NoG
    • 02.03.2010 um 11:54 Uhr

    horn - boeckler stiftung

    "Finanziert wird die Stiftung aus Zuwendungen von gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmervertretern, die Mandate in einem Aufsichtsrat innehaben und Teile der dabei erworbenen Tantiemen abführen, sowie durch Spenden und zweckgebundene Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung."

    huether - diw

    "Es wird von Verbänden und Unternehmen der privaten Wirtschaft finanziert. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie."

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    im uebrigen sollte man immer mit erwaehnen.

  4. bewirkt, dass jeder Bürger, der bezahlte Arbeit finden kann, mehr Geld zur Verfügung hat, als einer der keine finden kann. Dieter Althaus/CDU ließ als Ministerpräsident von Thüringen ein Modell durchrechnen: 800 Euro sind durch Bürokratieabbau für jeden Bürger finanzierbar, sie würden als Einkommen beim Finanzamt anderen Einkommen zugerechnet und versteuert.

    Ein Grundeinkommen unterstützt Geringverdiener, es entlastet Arbeitgeber, aber auch Existenzgründer, Freischaffende...

    Das Hartz4System erkennt Arbeit nur als Arbeit an, falls sie fair bezahlt wird, das heißt: Bürger, die respektiert arbeiten, müssen in Deutschland im Sozialhilfestatus leben, falls sie im Gegensatz zu Rechtsanwälten, Ärzten... über keine zahlungskräftigen Lobbyverbände verfügen, die Einfluss auf Politiker ausüben, Zwangsbeiträge, Tarifschutz, Gebührenordnungen realisieren. Das ist eine Unrechtsgesellschaft.

  5. Ein Mindestlohn wäre also sinnvoll und machbar wie unsere Nachbarländer zeigen.

  6. Wenn man sich fragt, warum die Armut und die Zahl der Hartz IV-Empfänger gegenüber früher (60er, 70er Jahre)um soviel gestiegen sind, liegt für mich die Ursache zum größten Teil in den vielen Scheidungen. Jede 2. Ehe wird in unserem Land geschieden, mit allen diesen Folgen: Alleinerziehende mit Kindern heißt nicht eine gemeinsame Wohnung, sondern zwei. Die Kinder werden hin und her gerissen zwischen Vater und Mutter usw. Sind daran Egoismus und der übertriebene Drang nach Selbstverwirklichung schuld? Hierüber müsste mehr nachgedacht werden. Die Ursachen müssen an der Wurzel behoben werden. Nicht die steigende Armut einfach als gegeben hinnehmen und schauen, wie der Staat den Armen das Leben mit höheren Vergütungen erleichtern kann.

  7. Vom Blödsinn "billiger waschsalon" bis zum weltfremden Umzugsvorschlag. Das reißen sich die vermieter ja drum, hm jamjam, ein Langzeitarbeitsloser, den nehmen wir doch gerne.Umgekehrt sieht das Problem aus: Immer häufiger werden die Mietkosten nur teilweise übernommmen, die pauschalen Obergrenzen einzelner Gemeinden sind auf dem Wohnungsmarkt nicht existent und Hunderttausende müssen deshalb vom regelsatz Mieten mitleisten.Aber was soll schon kommen aus dem Elfenbeinturm wo die Kanzlerin schon der irrigen Meinung war Stromkosten würden übernommen..

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    Waschsalon geht gar nicht. Das ist ja fascho... Ich geh in einen Waschsalon Wäsche wachsen und in die Bibliothek Bücher ausleihen.

    Mann, ich fühle mich trotz meines Besserverdienergehaltes jetzt echt prekär.

    Wie menschenunwürdig!

    Waschsalon geht gar nicht. Das ist ja fascho... Ich geh in einen Waschsalon Wäsche wachsen und in die Bibliothek Bücher ausleihen.

    Mann, ich fühle mich trotz meines Besserverdienergehaltes jetzt echt prekär.

    Wie menschenunwürdig!

  8. Herr Horn kritisiert Hartz IV: "Viele empfinden es als ungerecht, dass jemand nach 30 Jahren Arbeit innerhalb von einem Jahr auf Sozialhilfeniveau fällt." Er meint damit natürlich nur die versicherungspflichtig Beschäftigten. Freiberufler oder kleine Unternehmer sind aber schon seit jeher, wenn Aufträge ausblieben, bei Bedürftigkeit auf Sozialhilfeniveau gefallen - und zwar nicht nach einem Jahr, sondern direkt. Da sah bezeichnenderweise nie jemand die Menschenwürde gefährdet, auch wenn jemand 30 Jahre gearbeitet hatte.

    Versicherungspflichtig Beschäftigte sind durch die Arbeitlosenversicherung ein Jahr lang abgesichert, das haben sie durch ihre Versicherungsleistungen selber finanziert. Nach diesem Jahr wird die Absicherung für Arbeitslose aus Steuergeldern finanziert. Und hier ist wirklich die Frage, weshalb die Gruppe der ehemaligen Arbeitnehmer aus Steuermitteln besser gestellt werden soll als andere Bürger, die z.B. als Handwerksmeister mit eigenem Betrieb 30 Jahre lang erheblich in den Steuertopf einbezahlt haben.

    Es geht also nicht um "30 Jahre Arbeit" (viele Selbstständige arbeiten sehr hart, z.T. wesentlich härter als der durchschnittliche Angestellte), sondern um eine Besserstellung von Arbeitnehmern. Diese muss aber aus Versicherungsgeldern finanziert werden. Nur hier wagt man sich ungerne heran, da so die Lohnkosten erhöht werden. Die Diskussion braucht ein wenig mehr Ehrlichkeit - gerade weil immer mehr Menschen ohne Sozialversicherung arbeiten müssen.

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