Debatte um einen Mindestlohn
ZEIT: Wie lösen wir dann das Problem des Lohnabstands, also des Unterschieds zwischen Hartz IV und Niedriglohn?
Hüther: Indem wir sehr genau schauen, was wir mit den Regelsätzen machen. Noch mal: Es gibt keine Automatik, sie zu erhöhen. Herr Horn dramatisiert außerdem die Entwicklung der Aufstocker. Es gibt weniger als 100.000 Alleinstehende, die wirklich das ganze Jahr voll arbeiten und auf Hartz IV angewiesen sind. Es wäre wohl kaum effizient, einen Mindestlohn einzuführen, der in die Lohnsetzung von 40 Millionen Erwerbstätigen eingreift, weil wir bei einer kleinen Gruppe ein Problem haben!
Horn: Es geht nicht nur um die Aufstocker, die es ja auch bei Familien gibt. Das ganze Lohngefüge ist durch die Reformen ins Rutschen geraten. Die Kluft zwischen mittleren und niedrigen Einkommen ist in Deutschland stärker als in allen OECD-Ländern gewachsen. Die Ungleichheit hat vom Jahr 2000 an extrem zugenommen. Und jetzt kollidieren die Niedriglöhne mit unserem Sozialsystem!
Hüther: Richtig ist, dass sich die Spreizung der Einkommen zwischen Mitte der neunziger und der 2000er Jahre vergrößert hat. Danach hat sie sich aber zurückgebildet. Und: Das zentrale Armutsrisiko ist die Arbeitslosigkeit. Also müssen wir alles tun, um Menschen in Jobs zu bringen. Dabei hat die Lohnzurückhaltung von 1997 an geholfen. Wir stehen ja selbst in dieser Krise am Arbeitsmarkt noch erstaunlich gut da. Das Fatale ist nur, dass sich durch die Zuverdienstregeln bei Hartz IV vor allem Minijobs für die Empfänger richtig lohnen. Das ist falsch. Genauso wie die hohe Steuerbelastung bei Geringverdienern. Das trägt zur Spaltung bei.
Horn: Da sind wir uns einig. Aber dass die Lohnzurückhaltung positiv war, bestreite ich. Dadurch sind zwar 400.000 bis 500.000 Arbeitsplätze in der Exportindustrie entstanden, aber die Wirkung auf unsere Binnennachfrage war fatal. In keinem anderen großen Industrieland hat sie sich derartig schwach entwickelt wie in Deutschland. Das hat auch zur Ungleichheit beigetragen, und per Saldo haben wir Jobs verloren.
Hüther: Das mit der Binnennachfrage stimmt doch nicht. Länder wie Frankreich und Großbritannien haben in den vergangenen Jahren gar kein Wachstum über den Export erreicht. Das halte ich für ungesund. Aber Deutschlands Wachstum kam sowohl aus dem Export wie aus dem Inland. Im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2008 trug das Ausland bei uns 0,7 Prozentpunkte zum Wachstum bei und das Inland 1,2 Prozentpunkte. Also, die Binnennachfrage war nicht schwach.
Horn: Ich sprach von den ausgelösten Beschäftigungseffekten, und die waren schwach.
ZEIT: Noch mal zum Lohnabstand: Herr Horn, stimmt es, dass man einen recht hohen Mindestlohn brauchte, wenn es in jeder Familienkonstellation zum Leben reichen soll?
Horn: Nein, schon die 7,50 Euro, wie sie Gewerkschaften gefordert haben, wären eine Hilfe. Familien bekommen zu ihrem Lohn ja auch noch das Kindergeld hinzu.
Hüther: 7,50 Euro pro Stunde, das betrifft ohne Auszubildende 10,4 Prozent der Erwerbstätigen. Das würde massiv Jobs kosten.
Horn: Nein, internationale Studien zum Mindestlohn zeigen sehr geringe Beschäftigungseffekte – mal negative, mal positive. Ein großer Stellenabbau ist jedenfalls nicht zu erwarten.
Hüther: Wichtig ist, wie hoch der Mindestlohn im Verhältnis zum Durchschnittslohn festgesetzt wird. Und wenn Sie 7,50 Euro nehmen, wäre das deutlich höher als etwa bei der Einführung des Mindestlohns in Großbritannien. In den neuen Ländern wären über 20 Prozent der Beschäftigten betroffen! Da muss man mit Jobverlusten rechnen. Dabei brauchen wir niedrig bezahlte Jobs als Einstieg in den Arbeitsmarkt.
ZEIT: 3,2 Millionen Menschen hierzulande verdienen weniger als sechs Euro die Stunde. Aber nur jeder Achte kommt aus dem Niedriglohn heraus.
Hüther: Das hat mit den Sozialstaatsfallen zu tun, von denen ich bereits gesprochen habe. Was wir aber noch gar nicht angesprochen haben: Unser Problem bei der Arbeitslosigkeit sind doch die Geringqualifizierten. Dahinter steckt eine lange Vorgeschichte, ein bildungspolitisches Versagen, ein integrationspolitisches Versagen. Niemand sollte glauben, wir könnten das kurzfristig lösen. Insbesondere bei der Bildung liegt für mich die eigentliche sozialstaatliche Aufgabe.
Horn: Das ist richtig. Geringe Bildung und falsche Qualifikation spielen eine zentrale Rolle. Aber gerade deshalb reicht es nicht, finanzielle Anreize zu ändern. Wir haben ja schon 1,8 Millionen Geringverdiener, die ergänzend Hartz IV beantragen könnten, das aber nicht tun. Materielle Anreize sind eben nicht alles. Um unsere Beschäftigungsprobleme zu lösen, brauchen wir nachhaltiges Wachstum und dazu wiederum ein Bildungssystem, das zu den besten der Welt gehört.
Das Gespräch führten Kolja Rudzio und Christian Tenbrock
- Datum 02.03.2010 - 09:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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muss in der Berliner Stadtbibliothek relativ viel Geld bezahlen, weil Bücher nicht an allen Standorten verfügbar sind.
könnte Familien aus der "Armutsfalle trotz Arbeit" holen.
Ich finde es interessant, daß beide Professoren, die ja weder Minister noch Abgeordnete sind, häufig die "wir"-Form benutzen. "Wir müssen dieses und jenes tun..." Diese blinde Identifikation mit dem Staatsapparat hat selbstverständlich ihre Gründe. Hartz-IV Empfänger und Professoren haben gemeinsam, daß sie von Transferleistungen leben. Beide werden letztlich vom Steuerzahler bezahlt, beide haben somit ein vitales Interesse daran, daß der Staat auch weiter in der Lage ist, die Umverteilung vom Leistungserbringer zum Leistungsempfänger zu gewährleisten.
horn - boeckler stiftung
"Finanziert wird die Stiftung aus Zuwendungen von gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmervertretern, die Mandate in einem Aufsichtsrat innehaben und Teile der dabei erworbenen Tantiemen abführen, sowie durch Spenden und zweckgebundene Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung."
huether - diw
"Es wird von Verbänden und Unternehmen der privaten Wirtschaft finanziert. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie."
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im uebrigen sollte man immer mit erwaehnen.
horn - boeckler stiftung
"Finanziert wird die Stiftung aus Zuwendungen von gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmervertretern, die Mandate in einem Aufsichtsrat innehaben und Teile der dabei erworbenen Tantiemen abführen, sowie durch Spenden und zweckgebundene Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung."
huether - diw
"Es wird von Verbänden und Unternehmen der privaten Wirtschaft finanziert. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie."
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im uebrigen sollte man immer mit erwaehnen.
bewirkt, dass jeder Bürger, der bezahlte Arbeit finden kann, mehr Geld zur Verfügung hat, als einer der keine finden kann. Dieter Althaus/CDU ließ als Ministerpräsident von Thüringen ein Modell durchrechnen: 800 Euro sind durch Bürokratieabbau für jeden Bürger finanzierbar, sie würden als Einkommen beim Finanzamt anderen Einkommen zugerechnet und versteuert.
Ein Grundeinkommen unterstützt Geringverdiener, es entlastet Arbeitgeber, aber auch Existenzgründer, Freischaffende...
Das Hartz4System erkennt Arbeit nur als Arbeit an, falls sie fair bezahlt wird, das heißt: Bürger, die respektiert arbeiten, müssen in Deutschland im Sozialhilfestatus leben, falls sie im Gegensatz zu Rechtsanwälten, Ärzten... über keine zahlungskräftigen Lobbyverbände verfügen, die Einfluss auf Politiker ausüben, Zwangsbeiträge, Tarifschutz, Gebührenordnungen realisieren. Das ist eine Unrechtsgesellschaft.
Ein Mindestlohn wäre also sinnvoll und machbar wie unsere Nachbarländer zeigen.
Wenn man sich fragt, warum die Armut und die Zahl der Hartz IV-Empfänger gegenüber früher (60er, 70er Jahre)um soviel gestiegen sind, liegt für mich die Ursache zum größten Teil in den vielen Scheidungen. Jede 2. Ehe wird in unserem Land geschieden, mit allen diesen Folgen: Alleinerziehende mit Kindern heißt nicht eine gemeinsame Wohnung, sondern zwei. Die Kinder werden hin und her gerissen zwischen Vater und Mutter usw. Sind daran Egoismus und der übertriebene Drang nach Selbstverwirklichung schuld? Hierüber müsste mehr nachgedacht werden. Die Ursachen müssen an der Wurzel behoben werden. Nicht die steigende Armut einfach als gegeben hinnehmen und schauen, wie der Staat den Armen das Leben mit höheren Vergütungen erleichtern kann.
Vom Blödsinn "billiger waschsalon" bis zum weltfremden Umzugsvorschlag. Das reißen sich die vermieter ja drum, hm jamjam, ein Langzeitarbeitsloser, den nehmen wir doch gerne.Umgekehrt sieht das Problem aus: Immer häufiger werden die Mietkosten nur teilweise übernommmen, die pauschalen Obergrenzen einzelner Gemeinden sind auf dem Wohnungsmarkt nicht existent und Hunderttausende müssen deshalb vom regelsatz Mieten mitleisten.Aber was soll schon kommen aus dem Elfenbeinturm wo die Kanzlerin schon der irrigen Meinung war Stromkosten würden übernommen..
Waschsalon geht gar nicht. Das ist ja fascho... Ich geh in einen Waschsalon Wäsche wachsen und in die Bibliothek Bücher ausleihen.
Mann, ich fühle mich trotz meines Besserverdienergehaltes jetzt echt prekär.
Wie menschenunwürdig!
Waschsalon geht gar nicht. Das ist ja fascho... Ich geh in einen Waschsalon Wäsche wachsen und in die Bibliothek Bücher ausleihen.
Mann, ich fühle mich trotz meines Besserverdienergehaltes jetzt echt prekär.
Wie menschenunwürdig!
Herr Horn kritisiert Hartz IV: "Viele empfinden es als ungerecht, dass jemand nach 30 Jahren Arbeit innerhalb von einem Jahr auf Sozialhilfeniveau fällt." Er meint damit natürlich nur die versicherungspflichtig Beschäftigten. Freiberufler oder kleine Unternehmer sind aber schon seit jeher, wenn Aufträge ausblieben, bei Bedürftigkeit auf Sozialhilfeniveau gefallen - und zwar nicht nach einem Jahr, sondern direkt. Da sah bezeichnenderweise nie jemand die Menschenwürde gefährdet, auch wenn jemand 30 Jahre gearbeitet hatte.
Versicherungspflichtig Beschäftigte sind durch die Arbeitlosenversicherung ein Jahr lang abgesichert, das haben sie durch ihre Versicherungsleistungen selber finanziert. Nach diesem Jahr wird die Absicherung für Arbeitslose aus Steuergeldern finanziert. Und hier ist wirklich die Frage, weshalb die Gruppe der ehemaligen Arbeitnehmer aus Steuermitteln besser gestellt werden soll als andere Bürger, die z.B. als Handwerksmeister mit eigenem Betrieb 30 Jahre lang erheblich in den Steuertopf einbezahlt haben.
Es geht also nicht um "30 Jahre Arbeit" (viele Selbstständige arbeiten sehr hart, z.T. wesentlich härter als der durchschnittliche Angestellte), sondern um eine Besserstellung von Arbeitnehmern. Diese muss aber aus Versicherungsgeldern finanziert werden. Nur hier wagt man sich ungerne heran, da so die Lohnkosten erhöht werden. Die Diskussion braucht ein wenig mehr Ehrlichkeit - gerade weil immer mehr Menschen ohne Sozialversicherung arbeiten müssen.
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