Autoindustrie Entschuldigen reicht nicht

Bloß eine Krise – oder der Beginn eines spektakulären Niedergangs? Diese Wochen entscheiden über die Zukunft des Autoriesen Toyota

Toyota-Chef Akio Toyoda: Die zentralen Markenwerte und die Erfolgsgrundlage des Unternehmens sind akut bedroht

Toyota-Chef Akio Toyoda: Die zentralen Markenwerte und die Erfolgsgrundlage des Unternehmens sind akut bedroht

Er kommt, er kommt nicht, er kommt. Toyota-Chef Akio Toyoda tat sich bis zuletzt äußerst schwer, der Einladung nach Washington zu folgen. Kein Wunder – die öffentliche Befragung durch Vertreter des US-Kongresses an diesem Mittwoch dürfte die wohl unangenehmste Veranstaltung sein, die der 53-jährige Enkel des Unternehmensgründers jemals über sich ergehen lassen musste. Dem Konzern wird vorgeworfen, zu langsam auf die Sicherheitsprobleme bei Toyota- und Lexus-Modellen reagiert zu haben – und möglicherweise für den Tod von einigen Dutzend Autofahrern in den USA verantwortlich zu sein. Hochkarätige amerikanische PR-Profis hätten Toyoda nun im Schnellkurs auf das »Grillen« vor dem Kongressausschuss vorbereitet, heißt es.

Dem Unternehmenschef blieb keine andere Wahl, als sich in Washington den bohrenden Fragen zu stellen. In den USA und in Japan wird der Konzern mit Kritik geradezu überschüttet, seit Klagen über ungewollte Beschleunigung oder Fehlfunktionen beim Bremsen zum Rückruf von fast neun Millionen Autos geführt haben. Mit diesem Super-GAU sind die zentralen Markenwerte und die Erfolgsgrundlage des Unternehmens akut bedroht: Toyota, das waren bisher qualitativ hochwertige und extrem zuverlässige Autos. Nun hat das Unternehmen mit einer noch nie da gewesenen Verunsicherung seiner Kunden in aller Welt zu kämpfen.

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Wie tief der Schock in den USA sitzt, kann der Toyota-Chef während seiner Amerikavisite bei den Händlern sehen: Dort stehen Corollas und Camrys, Prius und Highlander, die derzeit nicht zu verkaufen sind. Überall geht es wie bei Howard Newman in Hillside im US-Bundesstaat New Jersey: Sein Hof ist voll mit fabrikneuen Wagen, weder Sonderpreise noch Null-Zins-Ratenzahlung können den Verkauf ankurbeln.

Etliche Unfälle mit 34 Todesopfern seit dem Jahr 2000 werden in den USA mit den fehlerhaften Teilen in Verbindung gebracht. Hartnäckig hält sich auch der Vorwurf, dass nicht die von Toyota eingeräumten mechanischen Probleme mit Fußmatten oder klemmenden Pedalen, sondern Elektronikfehler Ursache aller Übel seien. Das wird von Toyota scharf dementiert – ein solcher Defekt würde noch weit mehr Fahrzeuge betreffen.

Dennoch kommen fast täglich neue Sicherheitsrisiken ans Licht; die Rückrufaktionen dominieren die Abendnachrichten im US-Fernsehen. Auf Schadensprozesse spezialisierte Anwälte schalten TV-Werbung, um Toyota-Besitzer zum Klagen zu bewegen. 40 Sammelklagen sind inzwischen aktenkundig. Im Land der unbegrenzten Schadensersatzsummen »könnte dies zum größten Fall dieser Art werden, das ist eine wahre Katastrophe für Toyota«, sagt Mary Yelenick von der Anwaltskanzlei Chadbourne & Parke. Zugleich lockt die Konkurrenz, die mithilfe der amerikanischen Steuerzahler gerade selbst der Pleite entronnen ist, mit Wechselrabatten. Die Folge: Allein im Januar brach der US-Verkauf von Toyota um 16 Prozent ein, während der Markt um 6 Prozent zulegte.

Geschlagen geben will sich der Konzern freilich nicht. Der Absturz soll aufgehalten werden. Während in den amerikanischen Werkstätten und Fabriken die Mechaniker noch mit der Reparatur von Gaspedalen, Bremssoftware oder Servolenkungen beschäftigt sind, arbeiten bereits renommierte PR-Strategen, Lobbyisten und Rechtsanwälte an einem Comeback.

Der Mann, der den Trend umkehren will, kennt Amerika schon seit seiner Studentenzeit: US-Chef Yoshi Inaba, ein 63-jähriger Toyota-Veteran, wurde eigens aus dem Ruhestand geholt. Ins Rampenlicht schickt Inaba allerdings seinen einheimischen Kollegen Jim Lentz. Der ist in den Vereinigten Staaten das Gesicht von Toyota, er tingelt durch die Talkshows, entschuldigt sich und bittet mit feuchten Augen um Vertrauen.

Zugleich sind – etwa während der Live-Übertragungen der Olympischen Spiele – auch die ersten neuen Werbespots zu sehen: Schwarz-Weiß-Bilder aus der Anfangszeit von Toyota in den USA vor fünf Jahrzehnten, sentimentale Musik, Bilder von glücklichen Familien in ihren Autos. Nicht fehlen darf dabei der dezente Hinweis auf die 172.000 Arbeitsplätze, die Toyota in Fabriken, bei Händlern und Zulieferern in den USA geschaffen hat. Und eine sonore Stimme verspricht: Wir lernen aus unseren Fehlern.

Leser-Kommentare
  1. Toyota bleibt die Nummer eins,
    daran ändert auch die von GM (Government Motors)
    und einigen Medien gesteuerte Rufmordkampagne
    nichts.

  2. Die Anhäufung der Mängel und daraus resultierenden Rückrufe ist schon erstaunlich, zumal Toyota wie im Artikel auch erwähnt bisher immer DIE zuverlässigste Marke war. Mich wundert dass bisher noch niemand Sabotage vermutet...

  3. TOYOTA ist und bleibt die mit Abstand beste Automarke der Welt. Dies ist nur eine ueble Show , weil Toyota Fabriken auf dem bankrotten US-Markt schliessen will. Wie tief sind die Amis gesunken und das gilt nicht nur fuer ihrte Autos.

  4. Toyota ist eine Autofirma wie jede andere auch. Und das "Grillen" im Amiland war ja vorauszusehen. Toyota baut größtenteils langweilige Autos - vor allem das Design mutet mitunter stark gewöhnungsbedürftig an. Früher hätte ich einen Toyota trotz seines Aussehens gekauft - sicherlich nie wegen! Heute würde ich eher einen Koreaner kaufen. Für die trifft alles zu, was für Toyota zutrifft - im Negativen wie Positiven. Aber preiswerter sind die noch. Das macht dann den Unterschied!

  5. Gibt es bei GM, Chrysler, Ford in den USA denn keine Todesopfer durch Funktionsmangel der Autos? Oder verstehen es die US-Autohersteller besser, sich ihrer "Todesopfer" zu entledigen?

  6. Toyota ist bald nur noch Geschichte.

  7. 7. medien

    Ich wohne in Japan, und die Medien haben wohl die negativen Aspekte aufgenommen.
    Es ist hier auch ein großes Thema. Alle Todesfälle, die ich im Internet gefunden habe, wurden auch hier im normalen Fernsehen gezeigt.

    ich hoffe, die anderen Artikel sagen die Wahrheit

  8. Die schier endlose Kette verschiedener Probleme zeigt die Schwäche des allzu schnellen Wachstums, wie Herr Toyoda selbst eingestehen musste. Dazu gesellt sich erschwerend die japanische Kultur der Geheimhaltung. Besonders belastend war die Enthüllung eines internen Firmen-Memos von 2007, das stolz berichtete, durch Verhinderung eines Rückrufs 100 Millionen Dollar eingespart zu haben.

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