Elf Freunde müsst ihr sein. Hat Sepp Herberger das gesagt? Dem Weltmeister-Trainer von 1954 verdanken wir ja etliche fußballphilosophische Weisheiten: Der Ball ist rund. Das nächste Spiel ist immer das schwerste.

Nein, die elf Freunde prangten schon auf der Viktoria-Statue, der Vorgängerin der heutigen Meisterschale. Das war im Jahre 1903, da kam Herberger gerade in die Schule. Wenn zwei junge Fußballfans fast hundert Jahre später ein Magazin namens 11 Freunde gründen, dann sind sie entweder hoffnungslos naiv oder ziemlich clever. Oder beides. Natürlich wissen Philipp Köster und Reinaldo Coddou, dass die Sache mit den elf Freunden immer eine Lüge war, wenn auch eine noble.

Kein Spieler muss heute mehr mit gebrochenem Wadenbein bis zum Ende durchhalten, wie der Kölner Wolfgang Weber im Viertelfinale des Europapokals gegen den FC Liverpool 1965. Denn bald darauf wird der Auswechselspieler erfunden, aus elf Freunden werden zwölf, dreizehn, vierzehn Rivalen. Die Geschichte des Auswechselspielers und seiner Auswirkungen auf den Mannschaftsgeist – das wäre mal ein schönes Thema für das Magazin für Fußballkultur.

Mit diesem Untertitel signalisiert das Heft Distanz zum kicker und zu anderen Blättern. Fußball ist jetzt Kultur. Die Feuilletonisierung des Massenphänomens ist selbst ein Massenphänomen. Das Schreiben über Fußball hat sich verändert. Weniger Zahlen, Daten, Fakten, mehr Atmosphäre, Psychologie, Fanperspektive und mehr Geschichtenerzählen.

Über zehn Jahre und hundert Hefte haben die 11 Freunde beigetragen zur Feuilletonisierung des Sportjournalismus und zur Veränderung der Fußballkultur. Enthusiasten würden sagen: Es hat eine Entmilitarisierung stattgefunden.

Dazu haben Köster und seine Freunde, ganz Underdogs, ihre Schwächen zur Waffe gemacht. Geld und Logistik für aktuelle Berichterstattung sind nicht vorhanden. Also macht man ein Monatsmagazin. Keine Ergebnisse, keine Statistiken, keine Tabellen. Die kennt der Fußballfan längst, wenn er 11 Freunde kauft. Ja, er. Neun unter zehn Lesern sind männlich. Sie finden Hintergrundgeschichten, Bilderstrecken und Kolumnen aus edlen Federn, von Christoph Biermann zum Beispiel.

Mit dem langen Atem des Monatsblatts verfolgt 11 Freunde über eine komplette Saison das Schicksal von Rot-Weiß Oberhausen in der Zweiten Liga, Homestory vom Kartenspielen und Küchenplausch mit dem Zeugwart inklusive. Für so ein Experiment in embedded journalism »braucht es Vertrauen von beiden Seiten, man dringt in Räume ein, die sonst tabu sind, Mannschaftsbus, Kabine. Das hat uns einen Haufen Geld gekostet«, erzählt Philipp Köster, 38, Gründer und Chefredakteur. Wie viel ist ein Haufen Geld? »Bestimmt 15.000 Euro.« Eine lebenshaltige, aufwendig recherchierte Story von zwanzig Seiten mit Farbfotos für 15.000 Euro? Über solche Beträge können kicker oder Sport-Bild nur lachen, so eine Story würden sie nie machen.

 

Tatsächlich erzählt 11 Freunde von Freunden und Freundschaften im Oberhausener Team, verliert aber nicht aus dem Auge, dass es sich hier um Berufssportler handelt, die bei aller Freundschaft immer auch Konkurrenten sind und morgen schon weiterziehen (müssen). Nächster Klub, nächstes Land, nächster Kontinent. Die besten Artikel verbinden die ewig naive (Jungs-)Freude am Spiel mit dem analytischen Blick auf die so gar nicht spielerischen Rahmenbedingungen.

Wenn Philipp Köster zum Fußballtalk Sky 90 ins Fernsehen eingeladen wird, um mit Stefan Effenberg und Oliver Bierhoff DFB-Querelen zu diskutieren, dann wird er vom Moderator als »Fußballromantiker« vorgestellt. Ein vergiftetes Lob. Komm du erst mal in der Realität des Geschäfts an, Kleiner. Dabei sind das keine Nostalgiker, sie spielen nur mit der Nostalgie. Ihre Sehnsucht nach einer Zeit, von der sie wissen, dass sie gar nicht existiert hat, der Zeit, als elf Freunde spielten, um zu gewinnen, diese utopische Nostalgie lassen 11 Freunde auf die Gewissheit prallen, dass es so einen Quatsch wie unschuldigen Fußball nicht gibt. Dass man den verdammten Fußball aber trotzdem liebt. Aus dieser Spannung entsteht das Magazin für den kulturellen Bastard: den reflektierten Fan. Eigentlich ein Unding.

Tatsächlich kommen die 11 Freunde aus der Fankurve. In den Neunzigern verkaufen Köster und Coddou vor dem Bielefelder Stadion ihr selbst gemachtes Fanzine. Das Stadion heißt Alm, das Fanzine: Um halb vier war die Welt noch in Ordnung . Vorbilder sind Millerntor Roar und Übersteiger, Poesiealben von Fans des FC St. Pauli . Das Leitmotiv stiftet Nick Hornby . »Fußball hat nicht die Literatur, die er verdient«, hat der englische Schriftsteller und Arsenal-Fan festgestellt. Dann hat er den Roman geschrieben, den der Fußball verdient: Fever Pitch .

Fünfzehn Jahre später spielt Philipp Kösters Lieblingsverein Arminia Bielefeld in der Schüco-Arena, und Um halb vier war die Welt noch in Ordnung heißt 11 Freunde . Auflage 60.000, Tendenz steigend.

Nur mit Romantik geht das nicht. Der Zauber maroder Pissoirs, verbrannter Bratwürste und die Trauer um die schönen alten Stadionnamen haben sich überlebt. Aus dem Protest gegen die Commerzbank-Arenen dieser Welt lasse sich kein Monatsheft machen, meint Philipp Köster. »Mir hat neulich ein junges Mädchen gesagt: ›Auch wenn das HSV-Stadion jetzt HSH Nordbank Arena heißt, für mich bleibt es immer die AOL Arena.‹« Zu jung, um dem Volksparkstadion nachzuweinen.

Das Fußballland gratuliert.