Skicross Ruppiges Olympia

Skicross ist neu bei den Spielen. Der Angriff auf die Tradition macht jedenfalls dem Publikum großen Spaß.

Der Franzose Ted Piccard und Daron Rahlves (r.) aus den USA stoßen während eines Skicross-Rennens zusammen

Der Franzose Ted Piccard und Daron Rahlves (r.) aus den USA stoßen während eines Skicross-Rennens zusammen

Der Tag, an dem Olympia etwas Neues wagt, beginnt früh. Die Sonne hat noch nicht die Spitzen der Eisriesen rings um Vancouver berührt, da nähern sich die Zuschauer bereits in einem langen Zug dem Zentrum der Spaßkultur, jener hohen Stahlrohrtribüne an einem Hang der Cypress Mountains. Viereinhalbtausend schreien, trampeln und schwenken Fahnen, als sich um 9.15 Uhr der Deutsche Simon Stickl aus dem Starthäuschen katapultiert – als erster Skicrosser bei Olympischen Spielen überhaupt.

Mit der Premiere in Vancouver erreicht die rasante Geschichte dieser Spektakel-Sportart einen Höhepunkt. Ihre Anfänge liegen irgendwo im Dunkel der 1980er Jahre, »Chinese Downhill« nannte man sie damals, weil einige Dutzend Skifahrer am Start antraten, als seien sie die Terrakotta-Armee des chinesischen Kaisers Qhin Shi. Dann stürzten sich alle gleichzeitig zu Tal, und wer zuerst unten war, hatte gewonnen. Ein Sport als Rebellion gegen den traditionellen Skibetrieb, bei dem man auf die Uhr schauen muss, um den Sieger zu erkennen. Ein Überschreiten von Grenzen, inspiriert von anderen Neueren jener Zeit, von den Mountainbikern bis zu den Grünen. Bald gab es Regeln: Vier Läufer gleichzeitig auf einem abgesteckten Kurs, über die beste Startposition entscheidet wie in der Formel 1 ein Qualifikationslauf auf Zeit, einzeln zu bestreiten. Danach aber gilt: Wer zuerst unten ist, gewinnt.

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Wie beim Windhundrennen stürzen die Athleten aus der Startmaschine, wer als Führender in die erste Kurve kommt, braucht später weniger Ellenbogen. Einen guten Kilometer lang ist der Kurs voller (künstlich angelegter) Sprünge und Steilkurven, es gibt Windschattenfahren, wahnwitzige Überholmanöver und ebensolche Stürze. Eine Mischung aus Autorennen, Motocross und Bullenreiten nennt das der US-Amerikaner Daron Rahlves, der mal Weltmeister im traditionellen Super-G war, ehe er zu einem der Stars des Skicross wurde. Hier aber bekommt er den Bullen nicht in den Griff und stürzt aus vier, fünf Metern Höhe krachend auf den Rücken. Was er dabei gesehen hat, wird auf der großen Videowand im Stadion gezeigt: Jeder Fahrer trägt auf dem Helm eine winzige Kamera, deren wirbelnde Bilder die Zuschauer lustvoll bestöhnen.

Das ist der eigentliche Grund, warum Skicross so schnell olympisch wurde: Es ist die perfekte Fernsehsportart. Denn so viel die Zuschauer am Berg jubeln mögen – die ersten zwei Drittel der 70 Sekunden langen Hatz gucken auch sie nur auf einem Bildschirm, der gefüttert wird von Kameras, die an Stahlseilen über dem Kurs hin- und herflitzen. Nicht zufällig fanden die ersten echten Skicross-Rennen Ende der neunziger Jahre bei den X-Games statt, so etwas wie dem Olympia der Extremsportarten, die der amerikanische Sender ESPN in einer Sommer- und Winterversion veranstaltet und überträgt. Hier wird all das in Szene gesetzt, vor dem Eltern ihre Kinder immer warnen; eine perfekte Verbindung aus Spaß, Rebellion und Ökonomie. Ein Markt, von dessen Geist und Geld auch die so ehrwürdigen wie geschäftstüchtigen Olympier gern ein Stückchen abhaben wollen – und wo sie sich in den vergangenen Jahren auch gern bedient haben, vom Snowboarden bis zum BMX-Fahren, das bei den Sommerspielen in Peking Premiere hatte.

»Sie brauchen eine gute Show, die jeder sofort versteht«

»Das IOC hat das Potenzial dieses Sports im Fernsehen sofort erkannt«, sagt Christian Frison-Roche, der Renndirektor der französischen Skifirma Salomon, die dem Skicross mit der eigenen Rennserie Crossmax (und Investitionen von vier Millionen Euro) den entscheidenden Schub versetzte. »Sie brauchten eine neue, gute Show, die jeder sofort versteht. Und vor allem etwas ohne Kampfrichter – die hasst das IOC.« Denn da gibt es immer nur Ärger und Beschwerden, beim Eiskunstlaufen, aber auch bei den anderen neuen Disziplinen wie dem Snowboarden in der Halfpipe, jener halbierten Rieseneisröhre, die nun neben dem Ziel der Skicrosser im Schatten liegt.

Das 160 Meter lange, 30 Meter breite und 7 Meter hohe Monstrum ist Schauplatz der anderen Begegnung zwischen Jugendkultur und olympischer Tradition: wenn die »fliegende Tomate« Shaun White zum zweiten Mal nach 2006 auf die Olympischen Spiele trifft. Der 23-Jährige aus San Diego ist der Superstar der Snowboarder. Seine fliegenden Drehungen, Windungen und Verschraubungen haben ihm Millionen eingebracht. Er verkörpert das Gegenteil all der Sportsoldaten und Staatsamateure, die in den meisten anderen Wintersportarten am Start sind; ein weltweit vermarkteter Profi, mit der wallend roten Mähne als Markenzeichen. Er hat das freie Unternehmertum im Sport auf die Spitze getrieben, sein Sponsor hat ihm an versteckter Stelle eine eigene Halfpipe gebaut, in der er ständig neue Sprünge erfindet und sich seine Regeln selbst macht. Und so einer soll nun, wenigstens für ein paar Tage, Mitglied der olympischen Familie sein, in der Regeln alles sind?

Aber selbst einer wie White braucht Olympia. Die Marke mit den fünf Ringen ist noch größer als er selbst, erst mit ihrer goldenen Plakette um den Hals wird er wirklich ein globaler Star. Und wenn die Stimmung so überschwappt wie in Vancouver, ist Olympia sogar cool. Also schlüpft White in die karierten Jacken und Pseudo- Baggypants der US-Nationalmannschaft, in denen der Kompromiss zwischen Tradition und Moderne, zwischen Individualismus und Teamgeist Mode wird, und nimmt die zweite Goldmedaille seiner Karriere im Vorbeifliegen mit. Zugleich ist er der einzige Sportler bei diesen Spielen, der aus dem strikten Stundenplan nach den Wettkämpfen ausbrechen darf und die versammelte Weltpresse anderthalb Stunden auf die rituelle Pressekonferenz warten lässt.

Leser-Kommentare
    • trueQ
    • 24.02.2010 um 18:30 Uhr

    Ich habe letzten Sonntag die Skicross-Wettkämpfe auf ZDF.info gesehen - und war (als absoluter Sport- und Olympiamuffel) recht begeistert.

    Es macht wirklich Spaß, den Rennen zuzuschauen. Und im Gegensatz zu den klassischen Alpin-Disziplinen kommt bei jedem Renndurchlauf vom ersten Moment an Spannung auf.

  1. Finde es auch sehr olympisch, dieses Skircross. Es erinnert an die antiken Wagenrennen, in denen auch alle im gleichen Parcours sich drängelten um den Sieg. Man braucht zwar für den Zuschauer wirklich ne Kamera (aber beim traditionellen Bob oder Langlauf im Wald ja genauso), aber die Nutzlosigkeit der Stoppuhr ist hier erfrischend. Man könnte auch mal das tot-langweilige Curling überdenken...vielleicht die Steine den Berg runter rutschen lassen...oder mit Einlochen wie beim Golf.

    • jmikes
    • 26.02.2010 um 14:29 Uhr

    scheinbar sind sie tatsächlich zu alt für diese neuen Themen.
    Aber ein bisschen informieren hätten Sie sich schon können zur Vorbereitung auf dieses Pressegespräch. Zumindest ist Wintersport doch Ihre Domäne und Kompetenz…
    Zählen Sie doch mal auf, wie viele Halfpipes es in den deutschen Skigebieten gibt! Wenn ich mich recht erinnere, war die Zugspitze das einzige deutsche Gebiet, das eine solche Infrastruktur (auf eigene Kosten) bis vor wenigen Jahren noch bereitgestellt hat.
    Oder zählen Sie auch das mit Millionensummen bezuschusste Leistungszentrum des Snowboardverbandes auf dem 880-1307m hoch gelegenen (und damit unwahrscheinlich schneesicheren) Götschen bei Berchtesgaden zu einem verlässlichen Trainingsort?

    Zu ihrem Zweifel an den Kulturen der Skicrosser und auch Snowboarder:
    Es gibt mehr begeisterte Sportler aus diesen Bereichen, die auf eigene Faust und Kosten ihren Traum leben, als Sie denken. Oder glauben Sie, dass die auch bei Olympia erfolgreichen Halfpipe-Snowboarder wie die Olympiasiegerin 1998 Nicola Thost oder der Achte von Turin 2006 Christophe Schmidt durch die oben erwähnten Leistungszentren so gut geworden sind?

    • jmikes
    • 26.02.2010 um 14:30 Uhr

    dass alle diesen erwähnten Athleten und zahlreiche weitere wie auch Olympiasieger und mittlerweile Top-Verdiener der Olympiade Shaun White Ihren Traum verwirklichen konnten – durch eine starke eigene Motivation, Spaß am Sport und vornehmlich auch durch eine nicht geringe Anzahl von zukunftsorientiert denkenden Sponsoren wie Fiat, T-Mobile oder Red Bull, die genau in diese Bereiche investieren. Komisch nur, dass der Verband es in all den Jahren in Punkto Sponsoring nicht geschafft hat, nennenswerte Partner an den Start zu bringen. Aber vielleicht liegt das ja auch an der deutschen, resp. europäischen Begeisterung für Tradition anstatt die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu deuten.

    Übrigens – zwei nicht ganz uninteressante Hinweise noch:

    Am Samstag ist Shaun White zu Gast im aktuellen Sportstudio – soweit zu Ihrer Aussage „So einer wie Shaun White zieht ja bei uns nicht…“ . Unter http://www.youtube.com/sp... können Sie sogar per Videomessage (Filmbotschaft) Ihre Fragen an den Superstar uploaden (publizieren).
    Und - ab Mittwoch 10.März finden in Tignes / Frankreich die ersten europäischen X-Games statt – vielleicht haben Sie ja Lust, sich das anzuschauen. Sollten Sie aufgrund terminlicher Kollisionen hierfür keine Zeit haben, biete ich Ihnen gerne an, Sie gerne zu einem späteren Zeitpunkt in München über die neusten Trends und Entwicklungen zu informieren. Ich freue mich auf Ihren Anruf bei Millhaus.

  2. Skifahren in der Halfpipe soll zu 80% der kommende Sport werden?

    Es gibt schon seit etlichen Jahren professionelles Freeskiing in der Halfpipe, siehe Großevents wie die X-Games. Dabei fahren sie mittlerweile sogar auf höherem Level als Snowboarder. So gehören bei den Profis in der Freeski-Szene die sogennanten "double flips" schon zum Standard-Repertoire.

    Wieso wird Freeskiing in der Halfpipe nicht bei Olympia berücksichtigt? In Attraktivität stehen sie den Boardern auf jeden Fall nicht nach.

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