Was jetzt zu tun ist Mal wieder literarisch leben
Wir wollten doch endlich alle wichtigen Klassiker lesen und die Weltkulturerbestätten besuchen! Beginnen wir mit literarischen Ausstellungen und hören Netzradio.
Mit einigem Erschrecken stellen wir fest, dass das Jahr auch schon wieder ein paar unerbittliche Wochen alt ist. Und wieder scheint es so zu sein, dass die seit Ewigkeiten gehegten, zum Jahreswechsel reaktivierten kulturellen Vorsätze unter der zersetzenden Macht des Alltags fast unmerklich zerbröseln. Könnte es sein, dass es in diesem Jahr wieder nichts wird mit der Lektüre von Thomas Manns Joseph-Tetralogie? Bleibt erneut Proust auf der Strecke, obwohl man sich eigentlich vor Scham darüber gar nicht mehr aus dem Haus traut? Was ist eigentlich mit Cervantes, ächz? Und stöhn: Dante wäre ohnehin schon lange überfällig.
Die Panik, die jeden Menschen von einiger Bildung in Abständen überkommt, wenn er sich einmal mehr damit konfrontiert, wie wenig bislang ungelesene Bücher oder großartige Weltkulturerbestätten er in seiner verrinnenden Lebenszeit noch wird erleben können – eine ebenso simple wie beliebte Rechenaufgabe –, wird nur noch gesteigert durch das – deutlich seltenere, daher weitgehend folgenlose – Entsetzen darüber, was er stattdessen so Sinnloses treibt: irgendwelche Artikel über irgendwelche Hegefrauchens lesen zum Beispiel, vielleicht sogar deren Bücher – oder Kolumnen wie diese lesen beziehungsweise schreiben.
Höchste Zeit also für einen Ordnungsruf, wenigstens für ein paar Stunden den Wonnen der Gewöhnlichkeit zu entsagen; dass die ernsten Sachen die wahre Freude sind, wusste ja bereits Seneca. Die Hamburger sollten daher in die Freie Akademie der Künste gehen, wo noch bis zum 21. März die Ausstellung Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland zu sehen ist. Die intellektuellen Debatten in den Ruinen nach 1945, zwischen Emigranten und Mitläufern, zwischen Ost und West, von Thomas Mann über Gottfried Benn bis zur Gruppe 47, werden in zahllosen Dokumenten präsentiert. Die Münchner hingegen sollten unbedingt in ihr Literaturhaus eilen, wo bis zum 11. April die großartige Schau über den Historiker Golo Mann gezeigt wird: als begnadeter Geschichtserzähler, als empfindlicher Sohn im Schatten seines berühmten Vaters, als Emigrant und umtriebiger public intellectual zwischen Willy Brandt und Franz Josef Strauß.
Auf der Suche nach dem ernsten Vergnügen findet der Banalitätsflüchtling sein Paradies auch im viel geschmähten Internet. Seit Januar sendet dort das neue Vollprogramm Deutschlandradio Wissen. Täglicher Höhepunkt am Abend, jeder Zeit downloadbar, ist der Hörsaal: Dort stößt man neben aktuellen Wissenschaftlervorträgen auf große Denker der Vergangenheit, auferstanden aus Tonarchiven. Eine Stunde kann man der schnarrend-nuschelnden Stimme Ernst Blochs lauschen, der 1965 utopisches Denken erklärt; Helmuth Plessner und Arnold Gehlen verhandelten bereits 1951 die »menschliche Umwelt«; 1953 diskutierten Horkheimer und Adorno mit Eugen Kogon über Menschen im Terror. Demnächst werden Konrad Zuse Kybernetik und Karl Jaspers Philosophie erklären; eine Radioserie zur Systemtheorie vom Beginn der siebziger Jahre wird ausgegraben (kaum vorstellbar: den Soziologen Niklas Luhmann und Talcott Parsons wurde ausgiebig Sendeplatz eingeräumt!). Im Internet einer Zeit zuzuhören, in der das Radio intellektuelles Leitmedium war: Solche Wonnen der Ungewöhnlichkeit dürfen das Jahr über andauern.
- Datum 25.02.2010 - 11:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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