Guido Westerwelle Die WutprobeSeite 2/2

Es geht eben nicht um die finanzielle, es geht um emotionale Entlastung der Mittelschicht. Westerwelle hat einen neuen Großversuch mit den Chancen und Risiken von Wutpolitik in Deutschland gestartet. Wer den Grund für seine Kampagne allein in den sinkenden Umfragewerten der FDP sieht, greift zu kurz. Erst der Blick auf eine deutsche Besonderheit erklärt dieses für einen Vizekanzler zunächst merkwürdige Vorgehen.

Anders als in den Nachbarländern geht die Politik bei uns mit den Wutpotenzialen recht zivil um. Pauschal gesprochen, haben sich die Parteien das bisschen marodierende Aggression bisher so aufgeteilt: die Linke gegen die da oben, die FDP gegen den Staat, die CDU gegen islamistischen Terror, die CSU gegen dies und das. Schön war das nicht, aber harmlos, die Wut wurde auf vielfältige Weise aufgenommen, zerstreut und zivilisiert.

Dieses deutsche System funktioniert seit einiger Zeit nicht mehr. Die Union hat sich rundum so sehr liberalisiert und macht eine derart unpolemische Politik, dass sie für die politische Aggressionsabfuhr ungeeignet ist. Die CSU versucht es zwar noch, hat sich aber von der großen bayerischen Volkspartei zum großen bayerischen Weichei gewandelt, dem man keinerlei Härte mehr abnimmt. Die Linkspartei treibt ihren Populismus mittlerweile ohne Oskar Lafontaine – mithin ohne Wirkung. Die Liberalen wiederum haben den Furor der Mitte lange Zeit auf den Staat gelenkt und bei jeder denkbaren Gelegenheit Steuersenkungen gefordert. Seit sie regieren, ist jedoch klar, dass es damit vorerst nicht viel werden wird.

Kurzum: Der Weg ist frei für eine populistische Partei der Mitte, die das brachliegende Wutpotenzial nutzt. Man muss diesen Weg nicht gehen, aber Westerwelle hat den ersten Schritt getan. Und er wurde dafür zunächst belohnt, mit immenser Aufmerksamkeit und mit steigenden Umfragewerten.

Was nun als Nächstes geschehen würde, wenn alles seinen normalen, langweiligen, bundesrepublikanischen Gang ginge, ist klar: Der Effekt der Westerwelle-Kampagne gegen Hartz-IV-Empfänger würde sich binnen Wochen verbrauchen und die NRW-Wahl kaum beeinflussen, der FDP-Vorsitzende würde in seinem Nebenamt als Außenminister resozialisiert. Schließlich würde die Bundesregierung noch einmal Geld in die Hand nehmen und gemäß dem Karlsruher Urteil Hartz-IV-Kindern etwas mehr geben und ansonsten die Zuverdienstmöglichkeiten verbessern.

Das reicht Westerwelle und der FDP in NRW womöglich nicht. Die Fragen sind darum: Was wird er als Nächstes tun, und wo will er noch hin? Konsequent im Sinne einer populistischen Partei der Mitte wäre es, die Wut aus Gründen der Ausgewogenheit auch gegen die da oben zu richten. So könnte Westerwelle zum wahren Nachfolger Lafontaines avancieren. Nur, glaubt man das einer Partei, die gegen das Odium der Mövenpick- und Apotheker-Partei ankämpfen muss?

Denkbar wäre auch die Ausweitung der zu kritisierenden Minderheiten. Infrage kommen da nach niederländisch-schweizerischem Vorbild die Muslime, ihre Minarette, ihre angebliche und tatsächliche Frauen- und Schwulenfeindlichkeit. Das wäre jedoch ein äußerst riskanter Schritt, weil Westerwelle dann fast alle Medien, Parteien und die Kirchen gegen sich hätte.

Jeder nächste Schritt könnte der Schritt zu weit sein. Deshalb darf man noch immer darauf hoffen, dass Westerwelle sich endlich auf seine Verantwortung als Minister besinnt. Er steht vor der größten Wahl seines Lebens: Will er ordentlich regieren oder dauerhaft 15 Prozent? Will er koalieren oder rebellieren? Will er Hans-Dietrich Genscher werden oder Jörg Haider?

Westerwelle hat eine Alternative. Die Wähler haben sie auch. In drei Monaten wird in NRW gewählt – Schwarz-Gelb oder Schwarz-Grün. Manche nennen das schon eine Schicksalswahl. Das ist übertrieben. Aber nicht sehr.

 
Leser-Kommentare
  1. "Will er Genscher werden oder Haider?" schreiben Sie über Guido Westerwelle. Unsachlicher und polemischer gehts nun wirklich nicht mehr. Westerwelle ist Reformer, einen den das Land dringend braucht. Denn selbst der Basta-kanzler Schröder war mit seiner einsicht in die Notwendigkeit von marktwirtschaftlichen Reformen deutlich weiter als die von ihrer Zeit als FDJ-Agitatorin geprägte CDU Kanzlerin Merkel.

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    • joG
    • 27.02.2010 um 15:55 Uhr

    ...aber berechenbar wie polemisch und faktenlos die einzelnen Medien berichten. Ich glaube nicht, dass man seit den 30ern viel dazugelernt hat.

    Sie schreiben: "Westerwelle ist Reformer,"

    Ich weiß nicht, soll ich da lachen oder weinen oder einfach nur den Kopf schütteln, Deckel drauf und zu? Ist vielleich am besten so: Deckel drauf und zu und hoffen, dass Leute wie Sie und Westerwelle nicht das ganze Geschirr zerschlagen, von dem wir doch alle essen wollen (müssen).

    der auf Amazon die Thesen von Eva Herrmann lobt und einen Zussammenhang zwischen Sadam Hussein und dem islamischen Terror sieht?
    Der auf Twitter Frau Merkel 'sozialistisch' nennt und auf taz.de selbst Roosevelt als Solzialist bezeichnet? Nun um sich anschliessend in die Feststellung zu steigern, die USA seien ein Land der Freiheit?

    Ihre Sicht der Welt scheint eine Mischung aus mehreren radikalen Meinungen zu sein. Ich würde ihre Einstellung zum Minarettverbot, zur EU-Mitgliedschaft der Türkei und zum Glühlampenverbot interessieren ;-)

    Noch vor wenigen Monaten pumpte dieser Staat Milliarden von Steuergeldern in diverse "Geldinstitute", damit die selbsternannten "Leistungsträger" weiter spielen können.
    Wenig später hetzt der Vorsitzende einer albernen Partei, der es wie auch immer geschafft hat, Aussenminister der Bundesrepublik Deutschland zu werden,den Pöbel gegen den Pöbel auf, um seine "Bezugsgruppe" zu erbauen.
    Mich überfällt ein leichtes Unbehagen bei dem Gedanken, daß es funktioniert und irgendwann ganz viele glauben, das dieses Land soche "Reformer" braucht.

    • joG
    • 27.02.2010 um 15:55 Uhr

    ...aber berechenbar wie polemisch und faktenlos die einzelnen Medien berichten. Ich glaube nicht, dass man seit den 30ern viel dazugelernt hat.

    Sie schreiben: "Westerwelle ist Reformer,"

    Ich weiß nicht, soll ich da lachen oder weinen oder einfach nur den Kopf schütteln, Deckel drauf und zu? Ist vielleich am besten so: Deckel drauf und zu und hoffen, dass Leute wie Sie und Westerwelle nicht das ganze Geschirr zerschlagen, von dem wir doch alle essen wollen (müssen).

    der auf Amazon die Thesen von Eva Herrmann lobt und einen Zussammenhang zwischen Sadam Hussein und dem islamischen Terror sieht?
    Der auf Twitter Frau Merkel 'sozialistisch' nennt und auf taz.de selbst Roosevelt als Solzialist bezeichnet? Nun um sich anschliessend in die Feststellung zu steigern, die USA seien ein Land der Freiheit?

    Ihre Sicht der Welt scheint eine Mischung aus mehreren radikalen Meinungen zu sein. Ich würde ihre Einstellung zum Minarettverbot, zur EU-Mitgliedschaft der Türkei und zum Glühlampenverbot interessieren ;-)

    Noch vor wenigen Monaten pumpte dieser Staat Milliarden von Steuergeldern in diverse "Geldinstitute", damit die selbsternannten "Leistungsträger" weiter spielen können.
    Wenig später hetzt der Vorsitzende einer albernen Partei, der es wie auch immer geschafft hat, Aussenminister der Bundesrepublik Deutschland zu werden,den Pöbel gegen den Pöbel auf, um seine "Bezugsgruppe" zu erbauen.
    Mich überfällt ein leichtes Unbehagen bei dem Gedanken, daß es funktioniert und irgendwann ganz viele glauben, das dieses Land soche "Reformer" braucht.

  2. Schöner Artikel! Wer nicht zwischen den Zeilen der Politiker lesen kann, wird Ihren Artikel als unsachlich beschreiben.

  3. Der Autor schreibt, dass die Politik daran nichts ändern kann.
    Das ist sachlich falsch - sie will es nicht.
    Schröder hat - und darauf ist er stolz - den größten Billiglohnsektor Europas geschaffen. Schuld daran ist Hartz4, das im Übrigen jährlich 10 Milliarden teurer ist als die frühere Regelung. Man lässt die Arbeitslosen auf Kosten der Steuerzahler verarmen.
    Ach ja, die Wutdebatte des Herrn Westerwelle. Hartz4 kostet jährlich 36 Milliarden Euro. Allein die Rettung der HRE in München hat den Steuerzahler über 100 Milliarden gekostet. Wo bleibt da die Wut des Westerwelle? Oh, ich vergaß. Es ist ja Leistung, sich viel Geld anzeueignen, wie man es macht, ist egal, nur viel muss es sein. Deshalb werden die Deregulierungen nicht zurückgenommen, deshalb hat die FDP Sawicki raus geworfen.
    Westerwlle hätte gerne den Klassenkampf ins Armenhaus getragen. Die Bevölkerungsschichten, die seit Jahren unter dem Reallohnverzicht leiden, sollen gegen die ausgespielt werden, ddie Hartz4 beziehen.
    Ich deenke nicht, dass es funktionoeren wird. Hartz44 ist schon seit langem in den Familien der Mitte angekommen.
    Derlukrativste Werdegang, den man seinem Nachwuchs empfehlen kann, ist, Jura studieren, große Klaooe antrainieren und sspätestens mit 17 in die FDP eintreten. Hat man erst ein mal ein Pöstchen ergattert, fängt das Kassieren an. Freunde werden gerne mitversorgt.

    • Slink
    • 27.02.2010 um 15:51 Uhr

    Schon interessant, wie dieser Mann täglich von ZEIT,. Süddeutsche, Spiegel,... unerbittlich ins Visier genommen wird..

    Interessant, weil besagte Medien im Politischen oft sehr nahe am Neoliberalismus bauen und man diese Kampagnen eigentlich eher gegen einen Linken erwarten würde.
    Polemisieren und polarisieren hat W. schliesslich nicht erfunden.
    Es muss also mit dieser Person Westerwelle zu tun haben, die scheinbar nur ganz wenige Eingefleischte überzeugt, ansonsten für pure menschliche Ablehnung sorgt.
    Westerwelle scheint die Verkörperung der Aufgesetztheit zu sein, seine Glaubwürdigkeit geht gefühlt gegen Null bzw. Minus Unendlich.
    Woran liegt es? Agiert er nur zu hölzern, ist es seine hysterische Tonlage, seine gespielte Inbrunst, seine Steuersenkungslitanei oder hat es doch etwas mit im Volk noch tief verwurzelter Homophobie zu tun?

    Ich denke, es hat damit zu tun, dass sich der Bürger in diesen ungewissen Zeiten nach starken Führungspersönlichkeiten sehnt, beruhigt werden will und dass wir leider mit Merkel und CO. schwer enttäuscht werden.

    Merkel verhält sich teflonartig unangreifbar und profitiert vom Frauenbonus - FRAUEN SCHLÄGT MAN NICHT.
    Seehofer baut auf seinen Hundeblick und seine versöhnliche, oft pastorale Sprechweise...
    da bleibt nur noch ein Prügelknabe: der Ungehörige.

    Ok - ich selbst finde diesen Westerwelle auch völlig fehl am Platz, da noch einfältiger, falscher und selbstzentrierter als der Rest der Volksvertreter.

    Trotzdem: wer sägt da kräftig mit?

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    • joG
    • 28.02.2010 um 8:56 Uhr

    ....wieso die Medien sich so auf Westerwelle eingeschossen haben. Immerhin vertritt er Positionen, die durchaus Hand und Fuß haben und erst durch die selektive Darstellung unhaltbar scheinen.
    Ob das alleine an der Persona des Mannes liegt also an seiner Art oder an unterschwelligen Folgen seiner Politik ist dabei schwer zu sagen. Immerhin träfen die Folgen seiner Politik wesentliche Gruppen der Gesellschaft, indem Bürokratien gestutzt und stärker kontrolliert würden oder Transferempfänger zunächst Einkommen verlieren würden und gezwungen wären ihre Lebensgewohnheiten zu ändern.

    • joG
    • 28.02.2010 um 8:56 Uhr

    ....wieso die Medien sich so auf Westerwelle eingeschossen haben. Immerhin vertritt er Positionen, die durchaus Hand und Fuß haben und erst durch die selektive Darstellung unhaltbar scheinen.
    Ob das alleine an der Persona des Mannes liegt also an seiner Art oder an unterschwelligen Folgen seiner Politik ist dabei schwer zu sagen. Immerhin träfen die Folgen seiner Politik wesentliche Gruppen der Gesellschaft, indem Bürokratien gestutzt und stärker kontrolliert würden oder Transferempfänger zunächst Einkommen verlieren würden und gezwungen wären ihre Lebensgewohnheiten zu ändern.

    • joG
    • 27.02.2010 um 15:55 Uhr

    ...aber berechenbar wie polemisch und faktenlos die einzelnen Medien berichten. Ich glaube nicht, dass man seit den 30ern viel dazugelernt hat.

    Antwort auf "Reformer Westerwelle"
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    Tja - andere haben seit 1933 nichts dazu gelernt. Angeblich ewig linke Medien, Kriege im Ausland, Arbeitsdienste und Sozialschwache und Migranten als Aussätzige ...

    Tja - andere haben seit 1933 nichts dazu gelernt. Angeblich ewig linke Medien, Kriege im Ausland, Arbeitsdienste und Sozialschwache und Migranten als Aussätzige ...

  4. Sie tun Jörg Haider Unrecht, wenn Sie Westerwelle mit ihm vergleichen. Jörg Haider hat nie die Armen gegen die noch ärmeren aufgehetzt.

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    Nein, und noch nie hat eine linke Regierung den Armen gegeben und nicht nur genommen wie die Rot-Grünen Volksausbeuter.

    Die Linken wollen Armut nicth beseitigen, wer verliert schon gerne seine Stammwähler, denen man zwar alles versprechen kann - und sie glauben es - und wenn man an der Macht ist alles nehmen - siehe hartzIV, Riesterrente und Co, die nur eingeführt wurden, um Versicherungen - Carsten Maschmeyer läßt grüßen - zu versorgen.

    Nein, und noch nie hat eine linke Regierung den Armen gegeben und nicht nur genommen wie die Rot-Grünen Volksausbeuter.

    Die Linken wollen Armut nicth beseitigen, wer verliert schon gerne seine Stammwähler, denen man zwar alles versprechen kann - und sie glauben es - und wenn man an der Macht ist alles nehmen - siehe hartzIV, Riesterrente und Co, die nur eingeführt wurden, um Versicherungen - Carsten Maschmeyer läßt grüßen - zu versorgen.

    • keox
    • 27.02.2010 um 16:02 Uhr

    Deutschland hat also ein emotionales Problem.

    Dann wäre das ja nun endlich geklärt.

    Und nun?

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    Der Artikel gefällt mir, abgesehen von den unnötigen Seitenhieben Richtung Lafontaine.

    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Westerwelle den Deutschen eine Wut einreden möchte, die bei der überwältigenden Mehrheit gar nicht vorhanden ist. Genauso wie er mir dauernd weismachen will, dass sich meine "Leistung wieder lohnen muss". Sorry, Westerwelle, ich habe weder Wut auf Hartz IV-Empfänger, noch habe ich das Gefühl, dass sich meine Leistung nicht lohnt.

    Ach, da fällt mir noch ein: ich hab ne Riesenwut. Auf die FDP.

    (Interessant finde ich, dass die SPD im Artikel überhaupt nicht vorkommt. Hoffentlich liegt es daran, dass sie für keinerlei Wutpolitik steht.)

    Der Artikel gefällt mir, abgesehen von den unnötigen Seitenhieben Richtung Lafontaine.

    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Westerwelle den Deutschen eine Wut einreden möchte, die bei der überwältigenden Mehrheit gar nicht vorhanden ist. Genauso wie er mir dauernd weismachen will, dass sich meine "Leistung wieder lohnen muss". Sorry, Westerwelle, ich habe weder Wut auf Hartz IV-Empfänger, noch habe ich das Gefühl, dass sich meine Leistung nicht lohnt.

    Ach, da fällt mir noch ein: ich hab ne Riesenwut. Auf die FDP.

    (Interessant finde ich, dass die SPD im Artikel überhaupt nicht vorkommt. Hoffentlich liegt es daran, dass sie für keinerlei Wutpolitik steht.)

  5. Ach, die Frage ist doch nicht, ob Westerwellchen Genscher oder Haider oder Haischer oder Gender werden will. Die Frage ist, ob er dazu die Fähigkeiten hat. Oder etwa andere Fähigkeiten. Die Antwort lautet: Was auch immer er macht, er bleibt nur ein Look-alike. Auch seine Aufregung ist nur Aufgeregtheit - so als ob.
    Was für Riesen hatte einmal die FDP: Vom Grafen über Genschman bis Baum nebst vielen vielen anderen. Wen hat die FDP heute unter Westerwellchens Leitung?
    Guidos Resterampe!

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