Hartz IV-Debatte Entpöret euch!
Immer mehr Hartz IV? Falsch. Sorgen muss uns der Sockel
© Miguel Villagran/Getty Images

Die Arbeitsagenturen bleiben wie bisher bestehen
Unser Außenminister, der Prophet der »spätrömischen Dekadenz«, hat die erste Empörungsrunde nach Punkten gewonnen, genauer: mit drei, denn so viel hat die FDP in den Umfragen zugelegt. Ob es die Republik auch schafft, ein wenig über die Sache zu reden?
Vorweg ein paar Zahlen zur Nach-Aschermittwoch-Ernüchterung. Die Hartz-IV-Empfänger vermehren sich, die Aufwendungen auch, nicht wahr? Falsch. 2005 waren’s 6,7 Millionen (in Bedarfsgemeinschaften), 2009 dito. Damals kostete Alg II plus Zusatz-Wohltaten 3,1 Milliarden Euro, heute etwas weniger: 3,05. Die Durchschnitts-Alimentierung ist leicht gestiegen: von 840 auf 855 Euro. Das Vaterland versinkt also nicht in einem Meer von immer mehr.
Bedrückend aber sind andere Zahlen. Heute ist die Arbeitslosigkeit niedriger als 2005, und doch ist die Menge der Hartz-IV-Empfänger gleich geblieben – ebenso wie es die Ausgaben sind. 2007, als die Konjunktur für deutsche Verhältnisse noch boomte, war es sogar eine halbe Million Menschen mehr. Es gibt also einen Hartz-Sockel, der unberührt bleibt vom Auf und Ab der Wirtschaft.

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier
Dieser harte Kern am Rande der Gesellschaft ist das Problem. Wir sind, was wir tun; wir beziehen Sinn und Würde aus Arbeit. Deshalb heißt es auch Homo Faber und nicht Homo Faulenz. Die guten Menschen, die den Staat von hoher moralischer Warte aus verpflichten wollen, das Schicksal aller Zukurzgekommenen zu richten, müssen diesen vor allem Arbeit wünschen. Die aber fehlt in Deutschland, der Anreiz dazu ebenso.
Es hat keinen Sinn, darüber zu lamentieren, dass die Löhne bei Lidl zu knapp sind. Erhöhe das Entgelt für niedrig qualifizierte Arbeit, und diese Jobs verschwinden. Wem hilft das? In einer Welt offener Grenzen und verschwindender Einfach-Jobs würde nicht einmal Karl Marx dozieren, höhere Löhne bei niedriger Produktivität schafften mehr Arbeit. Besser, man orientiert sich zum Beispiel an der negativen Einkommensteuer, die in der Clintonschen Wohlfahrtsreform Wunder gewirkt hat. Nehmen wir eine Frau mit zwei Kindern. Verdient sie nur 12000 Dollar im Jahr, kriegt sie knapp 5000 obendrauf. Und jetzt der Clou: Verdient sie 38000, kriegt sie den gleichen Bonus. So schafft man Anreiz zum Arbeiten.
Nüchtern notiert die OECD: In Deutschland müsse eine solche Frau schon einen gut bezahlten Job finden, bevor ihr Netto die Sozialleistungen übertreffe. In Frankreich aber steige das Netto »bei Arbeitsaufnahme schon ab dem ersten Euro stetig an«. Für Irland gilt: Ab soundso vielen Wochenstunden liegt das Netto sogar über dem Brutto.
Über solche Anreize und über hundert Stellschrauben mehr (leider auch über Aufsicht und Abschreckung von Dauerverweigerung) lohnt es sich zu streiten. Die erprobten Ideen gibt es auch in Dänemark, Holland und Australien. Ist das zu ökonomistisch gedacht, ist der Mensch immun gegen Anreiz und Abschreckung? In Dänemark lag die Arbeitslosigkeit im Krisenjahr 2008 bei einem Drittel des Wertes von 1995. In Amerika hat sich die Zahl der Wohlfahrtsempfänger nach der Clinton-Reform ebenfalls gedrittelt. Die Deutschen leben nicht auf einem anderen Stern.
- Datum 28.02.2010 - 18:55 Uhr
- Serie Zeitgeist
- Quelle DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09
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Herr Joffe ist intellektuell nicht mehr satisfactionsfähig.
....für Sie ist natürlich, dass der Mann da recht hat. Wo also sehen Sie Grund für ein Duell?
....für Sie ist natürlich, dass der Mann da recht hat. Wo also sehen Sie Grund für ein Duell?
Was müsste man Herrn Joffe bieten, damit er über die Ursachen der Arbeitslosigkeit nachdenkt?
Es wäre hier völlig anders, hätten wir ein anderes Sozialversicherungssystem. Da sollte man aktiv werden, allerdings geht es nicht ohne die Damen und Herren Hauptakteure des Gesundheitssystems empfindlich in ihrer Selbstbedienungsmentalität zu stören und die Krankenkassen weitgehend aufzulösen.
Wer das Geld, das er verdient, auch wirklich bekommt, um frei darüber verfügen zu können, kann sich ganz anders einrichten. Warum also ist in Deutschland die Arbeitswelt so übermäßig bürokratisiert und warum gibt es so viele Zwangsabgaben?
Ist im Grunde so ganz gut, denn was glauben sie wieviele Menschen es gibt, die sich NICHT versichen würden, wenn es nicht Pflicht wäre.
Und am Ende würden diese Menschen kaputt gehen, aus finanzieller Sicht, weil sich kein normaler Mensch einen längeren Krankenhausaufenthalt erlauben kann.
Diese unverwantwortlichen will dann niemand mehr mitfinanzieren...ein Blick in die USA genügt.
mfg
Ist im Grunde so ganz gut, denn was glauben sie wieviele Menschen es gibt, die sich NICHT versichen würden, wenn es nicht Pflicht wäre.
Und am Ende würden diese Menschen kaputt gehen, aus finanzieller Sicht, weil sich kein normaler Mensch einen längeren Krankenhausaufenthalt erlauben kann.
Diese unverwantwortlichen will dann niemand mehr mitfinanzieren...ein Blick in die USA genügt.
mfg
Es ist doch immer dasselbe, was man in dieser Kolumne zu lesen bekommt. Diesmal zitiert er sich sogar selbst, indem er die wohlvertraute Clinton-Schiene wieder über den Klee lobt.
Beim Dozieren aber macht er sich es abermals zu einfach: "Erhöhe das Entgelt für niedrig qualifizierte Arbeit, und diese Jobs verschwinden. Wem hilft das?"
Auch Sie, Herr Joffe, wissen selbstverständlich, dass es auch in Ländern mit Mindestlohn einen Niedriglohnsektor gibt. Nur liegt dieser eben nicht ganz so katastrophal niedrig wie in Deutschland.
Jeder ist einverstanden, wenn es darum geht, dass Arbeit sich für die Menschen, die sie annehmen lohnen muss. Es kann aber weder angehen, dass die abwärts weisende Lohnspirale staatlich unterstützt wird, indem die Sätze der Grundversorgung sinken noch dürfen staatliche Subventionen den Dumpinglohn-Sektor zusätzlich vergrößern. Letzteres passiert aber nach dem Vorbild, dass Joffe predigt. Der Staat nimmt Privatunternehmen weitere Kosten ab. Wer aber zahlt die? Und vor allem: Wer verhindert, dass immer mehr Lohngruppen davon betroffen sind?
"Es hat keinen Sinn, darüber zu lamentieren, dass die Löhne bei Lidl zu knapp sind. Erhöhe das Entgelt für niedrig qualifizierte Arbeit, und diese Jobs verschwinden."
Wandert dann Lidl nach China ab, so dass man einen Interkontinantalflug zum Wochenendeinkauf braucht? Oder machen die einfach den Laden dicht und überlassen das Feld einfach Rewe und Co? Oder unterlassen sie es einfach ihre Kunden abzukassieren und sparen so Personal ein? Man darf gespannt sein!
In Großbritannien gibt es sie schon im Supermarkt, hierzulande habe ich persönlich sie bislang nur in Elektronikmärkten und beim Schwedenmöbler gesehen:
SB-Kassen, an denen der Kunde zum Kassierer wird. Der findet's erst spaßig, gewöhnt sich dann daran, und schon wieder sind Arbeitsplätze flöten.
Und gerade LIDL ist ein gutes Beipiel, die bringen - wie man so hört - das Know-How für die Kameraüberwachung der Kassen schon mit. Spart dann auch den Niedriglohn-Wachmann, der beim Schweden für vier SB-Kassen zur Abschreckung zuständig ist...
Es ist nicht schön, aber auch im Dienstleistungssektor lassen sich Arbeitsplätze "einsparen". Der Kunde gewöhnt sich daran, mehr und mehr selber zu übernehmen, für ein paar Cent weniger (unabhängig von der eigenen wirtschaftlichen Situation), oder sogar nur aus Bequemlichkeit, weil selber zu kassieren, um im Beispiel zu bleiben, gefühlt schneller geht.
Persönlich muss ich sagen, die negative Einkommensteuer hat was. Erhält im Gegensatz zum Aufstocken die Würde der Niedriglöhner, sie müssen nicht zum Amt und um Stütze bitten. Erhält auch mehr Arbeitsplätze, weil der gering entlohnte Arbeitsplatz für den Arbeitgeber nicht teurer wird (siehe SB-Kasse).
In Großbritannien gibt es sie schon im Supermarkt, hierzulande habe ich persönlich sie bislang nur in Elektronikmärkten und beim Schwedenmöbler gesehen:
SB-Kassen, an denen der Kunde zum Kassierer wird. Der findet's erst spaßig, gewöhnt sich dann daran, und schon wieder sind Arbeitsplätze flöten.
Und gerade LIDL ist ein gutes Beipiel, die bringen - wie man so hört - das Know-How für die Kameraüberwachung der Kassen schon mit. Spart dann auch den Niedriglohn-Wachmann, der beim Schweden für vier SB-Kassen zur Abschreckung zuständig ist...
Es ist nicht schön, aber auch im Dienstleistungssektor lassen sich Arbeitsplätze "einsparen". Der Kunde gewöhnt sich daran, mehr und mehr selber zu übernehmen, für ein paar Cent weniger (unabhängig von der eigenen wirtschaftlichen Situation), oder sogar nur aus Bequemlichkeit, weil selber zu kassieren, um im Beispiel zu bleiben, gefühlt schneller geht.
Persönlich muss ich sagen, die negative Einkommensteuer hat was. Erhält im Gegensatz zum Aufstocken die Würde der Niedriglöhner, sie müssen nicht zum Amt und um Stütze bitten. Erhält auch mehr Arbeitsplätze, weil der gering entlohnte Arbeitsplatz für den Arbeitgeber nicht teurer wird (siehe SB-Kasse).
"Wir sind, was wir tun; wir beziehen Sinn und Würde aus Arbeit."
Somit dürften Rentner, Studenten, Privatiers, Schüler, chronisch Kranke, Arbeitslose, Hausfrauen/männer und Behinderte wohl keine Quelle des Sinns und der Würde haben! Interessante Position!
... nicht zu vergessen diejenigen, die so unendlich viel geerbt haben und bis heute nicht arbeiten müssen, nicht zu vergessen die Ehehälften, die ohne Arbeit durch Ehegattensplitting vom Staat alimentiert werden, nicht zu vergessen jene Bänker, die ohne jedes Arbeitsprodukt Geld "verdienen": alles sinn- und würdelose Menschen im Sinne des Artikels?
... nicht zu vergessen diejenigen, die so unendlich viel geerbt haben und bis heute nicht arbeiten müssen, nicht zu vergessen die Ehehälften, die ohne Arbeit durch Ehegattensplitting vom Staat alimentiert werden, nicht zu vergessen jene Bänker, die ohne jedes Arbeitsprodukt Geld "verdienen": alles sinn- und würdelose Menschen im Sinne des Artikels?
"... Damals kostete Alg II plus Zusatz-Wohltaten 3,1 Milliarden Euro, heute etwas weniger: 3,05..."
Das sind wohl Monatswerte, oder? Sollen wir hier auf eine falsche Fährte gelockt werden?
Wenn das die ALG II-Kosten/a wären, bräuchten wir darüber kein einziges Wort verlieren.
viereggtext - Völlig richtig, dass wir an einem Anreiz- und Rückführungssystem in die Arbeit basteln müssen. Der "harte Kern" von Hartz-IV-Beziehern hat sich gut eingerichtet. Mit gebärfreudigem Verhalten und eventuell noch der schwarzen Einkommenszugabe kommen Familien schon auf 30.000 EUR, ohne Qualifikation wohlgemerkt. Viele Extras zuzüglich, Putzfrau, Brille, Kleider, Möbel. Für dieses Geld arbeiten auch Akademiker, mit Berufserfahrung und vielfältigen Qualifikationen, z.B. in der Kultur- und Medienlandschaft - natürlich ohne Extras. Und für erheblich weniger reißen sich andere Angestellte ein Bein aus - auch ohne Extras. Das kann ja wohl nicht sein.
dann beschleicht mich immer das Gefühl, dass es nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistiges H IV gibt.
Prost von mir an die Stammtischbrüder! *rülps*
Wir _müssen_ erwirtschaften, was wir ausgeben. Diese Erkenntnis muss sich endlich mal durchsetzen.
dann beschleicht mich immer das Gefühl, dass es nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistiges H IV gibt.
Prost von mir an die Stammtischbrüder! *rülps*
Wir _müssen_ erwirtschaften, was wir ausgeben. Diese Erkenntnis muss sich endlich mal durchsetzen.
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