Donnerstalk Sex in der Stadt
Alfred Dorfer begibt sich auf die Suche nach dem Wesen des Swing.
Nur wenige Wiener wussten bisher, dass Ursula Stenzel, die unumschränkte Herrscherin der Innenstadt, eine feinsinnige Musikliebhaberin ist. Sofort dachte die Bezirksvorsteherin daher an den grandiosen Duke Ellington, als sie ersucht wurde, ein Kunstprojekt zu genehmigen, das vorsieht, eine Zeit lang einen Swingerklub im Gebäude der Secession in Betrieb zu nehmen. Beschwingt summte sie das unsterbliche It don’t mean a thing if it ain’t got that swing und genehmigte frohgemut den Plan. Doch ach, was musste die allen modernen Dingen gegenüber so aufgeschlossene Hüterin des Guten, Wahren und Schönen in der Stadt bald erkennen: Sie ward perfide hinters Licht geführt. Die arglistigen Künstler hatten nämlich gar keine Stätte des rhythmischen Vergnügens im Sinn, sondern einen Ort des Lasters. »Ja wieso kann denn Swing Sünde sein?«, grübelte Frau Stenzel. Es wird zwar da wie dort geschwungen, denn alles schwingt, das wusste man bereits in der Antike, und auch die moderne Physik bestätigt diese vorsokratische Erkenntnis. Doch in diesem Fall wurde der Swingbegriff eindeutig zu einseitig ausgelegt, und deshalb schwang sich die empörte Musikliebhaberin zu einem resoluten Protest auf. Schwingende Hüften ja, aber nicht ohne Jazz. Vielleicht schwingt da auch ein bisschen die Enttäuschung mit, dermaßen hintergangen worden zu sein. Der freie Partnertausch ist für die Volkspartei an sich nichts Ungewöhnliches, hier kommt allerdings auch ihr soziales Gewissen zum Tragen. Kunst sollte erschwinglich sein, was aber hinter den Schwingtüren der Secession eben nicht der Fall ist. Die Grande Dame der Kommunalpolitik verdankt dieser Episode die Einsicht, dass es oft nur ein kleiner Schritt ist vom Swing zum Schwank. Sie könnte Trost bei Goethe finden: »Es soll sich regen, schaffend handeln, / Erst sich gestalten, dann verwandeln; / Nur scheinbar stehts Momente still. / Das Ewige regt sich fort in allen: / Denn alles muß in Nichts zerfallen, / Wenn es im Sein beharren will.«
- Datum 04.03.2010 - 09:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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