Geschichte Der Herrgott von Wien
Er modernisierte die Metropole, war das Idol von Adolf Hitler und erfand den politischen Antisemitismus. Vor 100 Jahren starb der legendäre Bürgermeister Karl Lueger.
Sigmund Freud, der dem Nikotin verfallen war, fiel es schwer, sich in diesen Tagen an die ärztliche Anweisung zu halten. Er hatte gerade zum ersten Mal das Rätsel eines Traumes geknackt. Er quälte sich mit der Niederschrift eines Entwurfs der Psychologie. Sein Befinden war verdrießlich – auch weil der befreundete Hals- und Nasenspezialist Wilhelm Fließ, der ihn unlängst am Siebbein operiert hatte, ihm den Genuss der geliebten Zigarren strengstens untersagt hatte. »Ich halte mich sonst an die Vorschrift«, schrieb der Nervenarzt an den Freund, »nur an diesem Tag habe ich aus Freude exzediert.«
Es war der 13. November 1895, und in Wien herrschte Aufruhr. Die Garnison der Residenzstadt war in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Soldaten fassten scharfe Munition aus, an einzelne Artillerieeinheiten wurden Schrapnells ausgegeben. Zwischen Parlament und Rathaus lieferte sich eine aufgebrachte Menschenmenge blutige Straßenschlachten mit der Polizei. Nur mit Mühe gelang es dem Wachregiment, den Mob, der bereits bis in den inneren Burghof vorgedrungen war, wieder aus dem Palast zu vertreiben. »Judenkaiser, Judenkaiser!«, schallte es zu den Gemächern des Monarchen hoch. In ihrer Mitte trug die Menge das Porträt ihres Idols. Es zeigte einen vollbärtigen Hünen in Märtyrerpose, die Dornenkrone auf dem Haupt.
Ausgelöst hatte den Tumult ein Machtwort Franz Josephs I. Bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage hatte sich der Herrscher geweigert, den damals 51-jährigen Volkstribunen Karl Lueger in seinem Amt als Bürgermeister zu bestätigen, in das ihn zwei Drittel der Gemeinderäte gewählt hatten. Stattdessen ließ er die Volksvertretung auflösen. Schon der Name, unter dem dieser Mehrheitsblock, eine antiliberale Koalition aus Klerikalen, Deutschnationalen und Radikaldemokraten, auftrat, verriet sein Programm: Vereinigte Antisemiten. Der Vollblutpolitiker Lueger war im Begriff, aus diesem zerstrittenen Haufen, den einzig ein gemeinsames Feindbild verband, eine neue Massenpartei zu formen, die ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke Österreichs bestimmen sollte: die Christlichsozialen, die im austrofaschistischen Ständestaat der Ersten Republik ihr unrühmliches Ende fanden und zumindest im ehrenden Angedenken der modernen ÖVP bis heute fortleben.
Der damals schon betagte Kaiser hatte seinen Entschluss, den die Wiener Kleinbürger, die Lueger bedingungslos verehrten, als Affront empfanden, keineswegs leichtfertig getroffen. Doch einflussreiche jüdische Familien, allen voran die Rothschilds, ließen den Hof wissen, sie würden emigrieren, sollte der wortgewaltige Demagoge Lueger an die Macht kommen. Anlässlich einer Audienz erhob auch der ungarische Ministerpräsident Gabor Balffy vehement Einspruch gegen die Bestellung des Antisemiten, der in seinen Wählerversammlungen gerne gegen »Judäomagyaren« und »Judapest« vom Leder zog. Schließlich dürfte ein nur wenige Monate alter Bericht der Polizeidirektion Wien den Ausschlag für den absolutistischen Hoheitsakt gegeben haben. Der neue Heros der kleinen Leute, heißt es darin, habe eine »terroristisch auftretende Partei« ins Leben gerufen, die sich lediglich einen »christlichsozialen Anstrich« gebe, tatsächlich aber erfüllt sei von »Intoleranz und feindlicher Gesinnung gegen das Judentum«, an die »rohen Instinkte der Massen« appelliere und sich der »Verhetzung und Erregung des Volkes« schuldig mache.
Modern gesagt: Nach Einschätzung der kaiserlichen Ordnungshüter war Lueger der erste radikale Populist, ein Krawallpolitiker, der seinen Aufstieg einem neuen Phänomen verdankte, das er selbst erfunden und zur Mobilisierung der Modernisierungsverlierer jener Tage perfektioniert hatte – den politischen Antisemitismus. Antisemitismus war zu diesem Zeitpunkt ein noch junger Kampfbegriff, den der Hamburger Journalist und Gründer einer Antisemitenliga, Wilhelm Marr, kurz zuvor in einem Pamphlet geprägt hatte, um den traditionellen, vornehmlich katholischen Antijudaismus über die religiöse Sphäre hinaus auf alle sozioökonomischen Bereiche auszuweiten. Im Wesentlichen verkündeten die Hassprediger damals: Schuld an allen Übeln, die der gesellschaftliche Wandel mit sich brachte, seien die Juden.
Ihr erster Wortführer war der feurige Volksredner Karl Lueger. Wenn er in einer Reichsratsrede die Juden bloß »Raubtiere in Menschengestalt« nannte, so hatte er einen ausgesprochen milden Tag. In Wien kursierten bald Flugblätter mit merkwürdigen Gebetstexten: »Ich glaube an Dr. Lueger…, ein allgemeines, deutsches Wien, Gemeinschaft der Antisemiten, Export der Juden nach Palästina…« Oder: »Vater Lueger, gelobt sei Dein Name… Vergib uns Schuldnern, die durch jüdische Wucherhände sind betrogen worden…, erlöse uns von dem Juden-Übel. Amen.«
Vor allem in der multinationalen Doppelmonarchie, in der die zentrifugalen Kräfte der unterschiedlichen Volksgruppen immer stärker wurden, waren Drohungen gegen loyale Untertanen, wie es die Juden waren, verhängnisvoll. Schon aus Staatsräson hegte Franz Joseph daher die »Allerhöchste Willensmeinung«, der starke Mann der Antisemiten dürfe nicht in das wichtigste Amt gelangen, das zu jenem Zeitpunkt auf demokratischem Weg erreichbar war (Regierungsmitglieder ernannte der Kaiser nach eigenem Gutdünken).
Doch die Macht des Monarchen reichte nicht aus. Vier Monate nach den Straßenkrawallen, nach einem neuerlichen Triumph bei den Neuwahlen (96 von 138 Mandaten), zu denen Luegers Heerscharen neuerlich unter der Bezeichnung Vereinigte Antisemiten angetreten waren, arrangierte sich der Kaiser mit dem Unruhestifter: Ein Jahr lang begnügte sich Lueger mit dem Amt des Ersten Vizebürgermeisters (an seiner Stelle regierte eine Marionette, der Obmann des Margarethener Hausherren-Verbandes), dann am 20. April 1897 war der ehrgeizige Parteiführer am Ziel seiner Wünsche: Er bekam die wuchtige Bürgermeisterkette um den Hals gelegt, ein Schmuckstück, das er in den nächsten 13 Jahren aus jedem erdenklichen Anlass stolz zur Schau stellte.
Versöhnt versicherte Lueger der Monarchie seine Loyalität. In den Augen seiner Anhänger hatte er dem Herrscher großmütig vergeben. Fortan residierten zwei Kaiser in Wien: ein Habsburgerkaiser und ein Volkskaiser. Der Schriftsteller Felix Salten (der Erfinder sowohl von Bambi als auch der Josefine Mutzenbacher) spottete in einem Essay: »Am Ziele angelangt, nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische Verwaltung, nahm die Volkshymne in städtische Regie.«
Auf dem Bürgermeisterstuhl zeigte Lueger erstaunliches pragmatisches Talent. Er mäßigte den Ton seiner antisemitischen Tiraden, wenn es die Gelegenheit erforderte. Er arrangierte sich sogar mit der Israelitischen Kultusgemeinde und versicherte, seine antisemitische Rhetorik sei lediglich »ein die Masse köderndes Schlagwort«. Er marginalisierte die deutschnationalen Verbündeten der frühen Jahre, verbreiterte seine Machtbasis, indem er trickreich die Bestimmungen des Kurienwahlrechts ausnutzte. Er führte eine gnadenlose Parteibuchwirtschaft ein, verlangte von seinen Beamten, einen politischen Treueeid abzulegen, und duldete hemmungslose Korruption in seiner Umgebung, ohne selbst je seine weiße Weste zu beflecken.
Wien erlebte in seiner Amtszeit einen gewaltigen Expansionsschub, und die zahlreichen kommunalen Aufträge, die in der Wachstumsphase vergeben wurden, schufen zusätzliche Abhängigkeiten. Jede der vielen städtischen Einrichtungen, die in rascher Folge eröffnet wurden, Gas- und Elektrizitätswerke, Straßenbahnremisen, Spitäler, Schulen, Brauhäuser, Bestattungsunternehmen oder Wasserreservoirs, nutzte er als Bühne zur Selbstdarstellung.
Stets war der »schöne Karl« bei diesen Anlässen umringt von seinen Getreuen, die eine eigene Uniform trugen (grüner Frack mit schwarzem Samtaufschlag und gelben Wappenknöpfen), gefolgt von hohen Klerikern in prächtigem Ornat und umjubelt von den sogenannten Lueger-Amazonen aus den Frauenorganisationen der katholischen Pfarrhäuser. Er war nun tatsächlich der »Herrgott von Wien«, wie es ehrfürchtig hieß. »Und überall wird hineingemeißelt: Erbaut unter Dr. Karl Lueger«, erinnerte sich voller Bewunderung noch Jahrzehnte später einer, der gerade nach Wien kam, als Lueger im Zenit stand – eine verkrachte Existenz namens Adolf Hitler.
»Auch ich befand mich unter den vielen Hunderttausenden, die dem Trauerzug zusahen«, erzählte Hitler in Mein Kampf, wo er in seitenlangen Elogen dem »wahrhaft genialen Bürgermeister«, dem Idol seiner Wiener »Lehr- und Leidensjahre« huldigte. Nach langem Siechtum war der fast erblindete Volkstribun am 10. März 1910 gestorben. Der Leichenkondukt bestand aus über tausend Wagen, die Stadt war schwarz beflaggt, die meisten Geschäfte hatten geschlossen, 40.000 Uniformierte säumten den Weg des Zuges. Noch 1943 erinnerte die NS-Filmindustrie in dem Propagandastreifen Wien 1910 an diesen Volkstrauertag.
Der politische Antisemitismus, wie ihn Lueger praktizierte, meint John Boyer, Historiker an der Universität Chicago, der nun die erste umfassende und fundierte Lueger-Biografie vorlegt, sei »weniger dafür bemerkenswert, was er war, als dafür, was er schließlich möglich machte«. Einerseits zertrümmerte er im Sturmlauf einer kleinbürgerlichen Protestbewegung die Vormacht der liberalen Honoratiorenpartei; in der Folge strahlte seine Wirkung jedoch auch weit über die Grenzen der Stadt und die Lebenszeit seines Begründers hinaus.
Der Rechtsanwalt aus kleinen Verhältnissen, strebsamer Sohn eines Schulwartes, hatte lange nach einem Weg gesucht, der ihn an die Spitze führen könnte. Sein erster Mentor, der jüdische Arzt Ignaz Mandl, ein Radikaldemokrat, führte in die Kunst der Biertischdemagogie ein. Zehn Oppositionsjahre lang versuchte Lueger sich in der verwirrenden Welt der Wiener Bezirkspolitik vergeblich links und rechts der liberalen Mittelpartei, bei Demokraten aller Schattierungen und selbst bei Deutschnationalen. Erst als Führer der Interessenkoalition aus kleinen Gewerbetreibenden und dem niederem Klerus, die sich beide durch liberale Reformen in ihrer gesellschaftlichen Stellung bedroht fühlten, entdeckte er die simple Zauberformel, die seine Christlichsozialen zur einer Massenpartei anschwellen ließen: »Groß-Wien darf nicht Groß-Jerusalem werden.« Mehr steckte nicht dahinter.
In einem Erinnerungsartikel anlässlich der Enthüllung eines Lueger-Denkmals in Wien urteilte Felix Salten 1926 bereits milde: »Er hat die Ärzte und die Professoren und die Bildung und die Juden wohl kaum in Wahrheit gehaßt. Er war ein echter Wiener Kleinbürger, das heißt, kein richtiger Hasser, nur ein rechter Schimpfer.« Als er diese Zeilen las, lobte Sigmund Freud den Autor, sein Urteil sei »taktvoll, würdig und wahrheitsgemäß«.
- Datum 03.03.2010 - 15:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Der Artikel verwirrt mich ein wenig. Alle mir zugänglichen Quellen nennen die Wahlgemeinschaft von Lueger "Vereinigte Christen". Ist Ihnen da eine peinliche Freud'sche Fehlleistung passiert, oder irren alle sonstigen Quellen?
wir haben Ihre Frage an den Autor weitergeleitet und er schreibt dazu:
"Karl Luegers Wahlliste trat tatsächlich mehrmals unter dem Namen Vereinigte Antisemiten an: Darunter ist ein Bündnis unterschiedlicher christlicher, deutschnationaler (u.a. des so genannten Fortschrittsklubs), radikaldemokratischer (also weitgehend alle nicht-liberalen) Abgeordneten des Wiener Gemeinderates zu verstehen.
Allerdings ist die Wiener Bezirkspolitik, aus der Lueger hervorging, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ziemlich verworren. Lueger verstand es somit, den existierenden, traditionellen und klerikal geprägten Antisemitismus zu einem politischen Kampfinstrument umzufunktionieren.
Verwiesen sei auf zwei grundlegende Studien:
(1) Auf die soeben erschienenen Biografie von John B. Boyer sowie (2) auf die vor fünf Jahren erschienene, umfangreiche Studie "Hitlers Vätergeneration - Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie" von Michael Wladika. (http://www.amazon.de/Hitlers-Vätergeneration-Ursprünge-Nationalsozialismus-Monarchie/dp/3205773373) Da wird diese Entwicklung ausführlich dargelegt."
Freundliche Grüße aus der Wissenschaftsredaktion!
wir haben Ihre Frage an den Autor weitergeleitet und er schreibt dazu:
"Karl Luegers Wahlliste trat tatsächlich mehrmals unter dem Namen Vereinigte Antisemiten an: Darunter ist ein Bündnis unterschiedlicher christlicher, deutschnationaler (u.a. des so genannten Fortschrittsklubs), radikaldemokratischer (also weitgehend alle nicht-liberalen) Abgeordneten des Wiener Gemeinderates zu verstehen.
Allerdings ist die Wiener Bezirkspolitik, aus der Lueger hervorging, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ziemlich verworren. Lueger verstand es somit, den existierenden, traditionellen und klerikal geprägten Antisemitismus zu einem politischen Kampfinstrument umzufunktionieren.
Verwiesen sei auf zwei grundlegende Studien:
(1) Auf die soeben erschienenen Biografie von John B. Boyer sowie (2) auf die vor fünf Jahren erschienene, umfangreiche Studie "Hitlers Vätergeneration - Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie" von Michael Wladika. (http://www.amazon.de/Hitlers-Vätergeneration-Ursprünge-Nationalsozialismus-Monarchie/dp/3205773373) Da wird diese Entwicklung ausführlich dargelegt."
Freundliche Grüße aus der Wissenschaftsredaktion!
wir haben Ihre Frage an den Autor weitergeleitet und er schreibt dazu:
"Karl Luegers Wahlliste trat tatsächlich mehrmals unter dem Namen Vereinigte Antisemiten an: Darunter ist ein Bündnis unterschiedlicher christlicher, deutschnationaler (u.a. des so genannten Fortschrittsklubs), radikaldemokratischer (also weitgehend alle nicht-liberalen) Abgeordneten des Wiener Gemeinderates zu verstehen.
Allerdings ist die Wiener Bezirkspolitik, aus der Lueger hervorging, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ziemlich verworren. Lueger verstand es somit, den existierenden, traditionellen und klerikal geprägten Antisemitismus zu einem politischen Kampfinstrument umzufunktionieren.
Verwiesen sei auf zwei grundlegende Studien:
(1) Auf die soeben erschienenen Biografie von John B. Boyer sowie (2) auf die vor fünf Jahren erschienene, umfangreiche Studie "Hitlers Vätergeneration - Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie" von Michael Wladika. (http://www.amazon.de/Hitlers-Vätergeneration-Ursprünge-Nationalsozialismus-Monarchie/dp/3205773373) Da wird diese Entwicklung ausführlich dargelegt."
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