Staatsaffäre "Lucona" Geheimakte Proksch

Die Dokumente sind geschlossen, die Zweifel aber geblieben. Ein neuer Film beleuchtet die Rätsel eines Jahrhundertskandals.

Der »Herr Udo« hatte wieder einmal eine verwegene Idee. Mitten in der Nacht griff er zum Telefon und bat den befreundeten Formel-1-Weltmeister und Flugunternehmer Niki Lauda, ihn in seinem Hauptquartier, der Hofzuckerbäckerei Demel am Wiener Kohlmarkt, zu besuchen. Er plane, eine Supermarktkette zu gründen, die den Namen des Sporthelden tragen solle. »Als ich dort eintreffe«, erzählt Lauda heute, »sitzen da vier Typen, in deren Nähe ich allein nie kommen möchte, so sehr würde ich mich fürchten.« Es waren die neuen Geschäftspartner der schillerndsten Figur im Wien der siebziger Jahre, »die tiefsten Straßenkämpfer«, wie sich Lauda erinnert. Er schlug die Chance auf ein todsicheres Millionengeschäft auf der Stelle in den Wind. »Glaubst’, das waren Gangster?«, fragte Tausendsassa Udo später. »Dann war’s eh besser.«

Freizügig wie kaum je zuvor berichten nun in einem neuen Dokumentarfilm, der nächste Woche in die Kinos kommt, Freunde, Weggefährten, Lebenspartnerinnen und Zeitzeugen über Leben und Sterben des Udo Proksch und kramen in ihren Erinnerungen an eine Gestalt, die fast zwei Jahrzehnte lang ganz Wien in ihren Bann gezogen hatte.

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Proksch ist die zentrale Figur in der größten Staatsaffäre, welche die Zweite Republik erschütterte, dem Fall Lucona, in dessen Verlauf er wegen sechsfachen Mordes und Versicherungsbetrugs zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Proksch war zugleich auch ein begnadeter Verführungskünstler, ein Wiener Doktor Mabuse, in dessen Netzwerk sich jedermann mit Rang und Namen verfing. »I kann nix dafür, da war ich out of control«, rechtfertigte das Großmaul seine Eskapaden. Out Of Control, so nennt Regisseur Robert Dornhelm auch sein filmisches Puzzle, in dem er die Interviews und Archivalien, von denen Proksch Zehntausende nach seinem Tod bei einer Herztransplantation hinterlassen hatte, zu einem widersprüchlichen und bizarren Lebensbild zusammenfügte.

»Bei mir können sie saufen und fressen, aber sie tanzen nach meiner Pfeife«

Als Proksch 1992 in die Strafanstalt Karlau in Graz eingeliefert wurde, fand eine der erstaunlichsten Karrieren des Landes ihren Abschluss. Proksch, Künstlername Serge Kirchhofer, geboren 1934 in Rostock, Zögling der NS-Kaderschmiede Napola, von Beruf »Schweinehirte«, wie er gerne kokettierte, machte sich im Nachkriegsösterreich zunächst als Brillendesigner einen Namen. In Wien, das damals im kleinbürgerlichen Dämmer schlummerte, hatte ein kreativer Kopf und bunter Hund leichtes Spiel, für Furore zu sorgen. Proksch war ein Frauenfreund und Männerbündler, ein Militärfreak mit Adelstick, Charmeur, Schwerenöter und Teufelskerl.

In einem raffinierten Handstreich okkupierte er die Bastion der Hofratswitwen, die biedermeierlichen Demel-Salons, und etablierte dort seine Schaltzentrale, den Club 45, in dessen verschwiegene Exklusivität er all die klingenden Namen aus Politik, Wirtschaft und Medien lockte, von denen er sich Vorteile versprach. »Ein begnadeter Fallensteller, er hat sie alle gekriegt«, erinnert sich Gerd Bacher, der ehemalige Generalintendant des ORF. Kanzler Bruno Kreisky kam zur Eröffnung, Minister gingen aus und ein, die Hofschranzen der roten Alleinregierung hielten die Hände auf. »Bei mir«, protzte er, »können sie fressen und saufen – aber tanzen werden sie nach meiner Pfeife.«

Im Hinterzimmer des neuen Demel-Herren wurden rauschende Feste gefeiert, bizarre Projekte geschmiedet, Seilschaften geknüpft, krumme Geschäfte ausgehandelt, Provisionen ausgekungelt. Geschmeidig bewegte sich Proksch in diesem merkwürdigen Gemisch aus offiziellen Amtsträgern und inoffiziellen Nutznießern. Er war ein Meistermanipulator, der davon ausging, dass jedermann korrumpierbar sei, und in allen, die ihn umschwirrten, potenzielle Opfer sah. »Er hat ja alle nur benützt«, meint Erich Müller, der Staatsanwalt, der im Sensationsprozess Lucona die Anklage vertrat: »Er hat sie als Abfall gesehen.«

Proksch wähnte sich über den Gesetzen stehend, über jenen des Staates ebenso wie über jenen des gesellschaftlichen Umgangs. Er spielte den Hofnarren, diente sich den Mächtigen an, ohne dass diese merkten, wie sie an seinen Fäden zappelten, während sie sich in seiner Gesellschaft amüsierten. Er war umschmeichelt, verlacht, verhasst, Inbegriff all dessen, was faul war damals in Österreich. »Ein genialischer Hanswurst, in dem das Dämonische unberechenbar war«, erinnerte sich der verstorbene Wiener Bürgermeister Helmut Zilk noch kurz vor seinem Tod an den »guten Bekannten«.

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