Abwege Indien

Als das Kind mir zeigte, wo es langgeht.

Ein Einheimischer fährt auf seinem Roller Richtung Ajuna Beach

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Die Reise ging los am 6. Februar 1988, 22.16 Uhr, in Hamburg, Deutschland, Ankunft im Februar 2008 in Panjim, Indien. Zu Beginn wurde mir ein Gepäckstück übergeben, kompakte zwei Kilo in den Arm gelegt, aufwendig verpackt, offensichtlich extrem temperaturabhängig: fragile Fracht. Ein Junge!

Reise meines Lebens
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Schon der Weg aus dem Kreißsaal in die eigene Wohnung fühlte sich an wie eine Expedition durch vermintes Terrain. Dieser Lärm! Die Abgase! Rasende Radler! Wie sollte das Kind groß werden, ohne überrollt, erstickt zu werden, wahlweise aus dem Fenster zu fallen, die Finger in Steckdosen zu verschmurgeln, Spüli zu schlucken, von Hunden angekaut, von Sportlehrern gedemütigt, von der ersten Liebe abserviert, wie würde man das Kind durch das Kurswirrwarr der Oberstufe lotsen, wo wiederfinden, wenn es beim Freestyle-Snowboarden abseits aller Pisten landen sollte? Kaum zu erklären, wie es passieren konnte, dass dieses gerade noch Neugeborene plötzlich in Indien steckte. Zivildienst! Irgendwas mit CO₂-Projekt. Das Kind schlug vor, die Mutter solle nachreisen. Über Charles de Gaulle. Ich hol dich ab!

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Landung Bengaluru International Airport, des Nachts. Puuuh, gut heiß hier. Viele dunkle Augen, überhaupt sehr viele Menschen hier, sie hängen in verschiedenen Posen der Ergebenheit über Sitzmöbeln oder Gepäckstücken. Taxistreik! Da steht das Kind zwischen diesen Menschen und wedelt mit beiden Armen, wie professionelles Bodenpersonal eine verirrte Boeing einlotst. Das Kind hat einen Freund mit Auto mitgebracht, so heizen wir ins schwarze Bangalore hinein, unter drohenden Baumsilhouetten, auf graue Häuserschatten zu, Vollbremsung. Hunde erheben sich vom Fuße der Mauern. Keine Angst, Mama! Es geht steile Treppen hoch, in einem Raum steht Obst auf dem Tisch. Das Kind gibt Anweisungen, wie sich eine Lady zu kleiden hat (knielange Tunika, knöchellange Schlauchhosen, Stoffbahnen über alle Rundungen drapiert). Es hat Bustickets für eine Nachtreise in das zentrale Ödland inmitten des indischen Subkontinents organisiert. Das Kind, dem Tischsitten beizubringen gefühlte Jahre gebraucht hatte, lehrt einen nun, in einer Strohhütte sitzend, wie man scharfen Sambar und Rassamsoße auf Reis mit den Fingern isst. Es hat Zugtickets nach Goa gebucht, und so landen wir in Panjim, der alten Hafenstadt an der Westküste Indiens, auf einem Platz, wo es in einer Sprache, die in der gymnasialen Oberstufe in Hamburg nicht auf dem Lehrplan steht, über die Anmietung eines Motorrades verhandelt. Das Kind, das das Tragen eines Fahrradhelms erfolgreich verweigert hatte, demonstriert nicht ohne Strenge, wie der Helm aufzusetzen ist (einen Schal als Schutz gegen Ungeziefer um die Haare winden).

Aufsitzen, los. Vierspurige Autobahnen, wie fahren die hier! Die Maschine segelt in Schräglage um einen Kreisverkehr, der Fahrer ruft: Halt dich fest! Wie lange man das Kind nicht mehr festgehalten hat. Das Motorrad jagt jetzt am Mandovi River entlang, über den Fischer ihre Netze gespannt haben, es sind Urbilder, die sich vor Urzeiten den Augen eingebrannt haben. Vor uns liegt Alt-Goa, das die Portugiesen vor Hunderten von Jahren räumen mussten, von Malaria und Cholera vertrieben aus dem Palast des Erzbischofs, der Kathedrale St. Katharina, der Kirche des heiligen Franz von Assisi, aus dem Kloster der heiligen Monika, verscheucht aus ihrem Wahn, die Welt in den Griff zu kriegen. Noch zwanzig Kilometer. Der Wind zerrt am Schal, die Augen tränen, am besten, man schließt sie, duckt sich hinter dem Fahrer und ergibt sich. Eine Reise im Blindflug. Ein irres Gefühl.

 
Leser-Kommentare
  1. .. berauschende Beschreibung.
    Danke

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