Abwege Mallorca
Was geschah, als ich mir von einer Fremden den Badeanzug auslieh.
© Jasper Juinen/Getty Images

Sonnenuntergang am Strand von Ciudad Jardin
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Einmal wollte ich nach Sevilla reisen, um mich mit einem Philosophen über die arabische Spur der Aufklärung zu unterhalten, aber dann landete ich notgedrungen, wegen einer Panne, auf Mallorca. Da war ich zuvor nie gewesen. Spätabends, es war Ende August, herrschte noch eine glühende Hitze, servicehalber wurde ich in einem jener Hotels zwischengelagert, deren Raison d’être ein Freiluftpool in der sonnenliegenumstellten Mitte des Gebäudekomplexes ist, und ich dachte, wenn ich schon hier bin, gehe ich schwimmen. Doch wer einen Philosophen in Sevilla aufsuchen will, hat für Mallorca keinen Badeanzug dabei, und es gab um diese Zeit auch keinen zu kaufen.
Nur das Gespräch mit einer noch am Pool verbliebenen Touristin konnte da helfen, die sehr blond war, sehr single und an einem Glas nippte, das dem Stereotyp ebenfalls nicht besser hätte entsprechen können. Ob ich mir ihren Badeanzug ausleihen könne, um schwimmen zu gehen? Er war pink und barg in sich ein Gestänge, das sich dem Körpergedächtnis gleich als versuchter Betrug dauerhaft einprägte, aber auch jene Kühle des Wassers, die ich der Leihgabe verdanke, ist unvergessen. Ich gab der Besitzerin dann ihr Unding zurück. Sie fragte, was mich hierher führe, ohne das Wesentliche im Gepäck.
Da ist es passiert: Ein Gespräch unter gänzlich Fremden begann, das bald von hier nach dort führte, raus aus den Regionen der Gemeinplätze des Redens. Als es Morgen wurde, hatte ich über viele Stunden von einem Mann erzählt bekommen, wovon sonst, doch kein Wort der Erzählung meinte ich je vorher gehört zu haben. So neu war sie, wie in einem der besten Romane erfunden. In dieser Frau verband sich auf merkwürdige Weise ihre Gewissheit, nichts Besonderes darzustellen, mit der Würde, das Erlebte doch besonders beachtlich zu finden. Ich erinnere mich nur, wie ich meinen inneren Reiseplan weglegte und bloß zuhören wollte, wie es weiterging, denn in dieser Geschichte lag nichts nahe, gar nichts stand fest. Irgendwann wurde es hell, ich brach nach Sevilla auf, aber es kam mir doch vor, als sei die Reise schon an ihr Ziel gelangt.
- Datum 08.04.2010 - 18:11 Uhr
- Serie Reise meines Lebens
- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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