Architektur Freies Schweifen
Eine Bibliothek für die Generation iPod: Die Technische Hochschule in Lausanne will das Lernen neu erfinden – mit wunderbarer Architektur und weitem Blick auf den Montblanc
© Hisao Suzuki

So sieht sie aus, die hügelige Bildungslandschaft der Zukunft – entworfen vom japanischen Architektenbüro Sanaa
Die Geschichte der modernen Universität ist auch eine Geschichte des architektonischen Elends. Unzählige Riegel, Türme, Hallen sind in den letzten Jahrzehnten entstanden, und die meisten sehen aus, als wäre Bildung nichts als ein trister Verwaltungsvorgang. Graue Bauten für graue Theorie, das schien das Credo vieler Planer.
Auch in Lausanne am Genfer See war das so, auch dort hatte man die Technische Hochschule ins Nirgendwo der Vorstadt abgeschoben, und die Studierenden beugten sich schon deshalb besonders tief über ihre Bücher, um möglichst wenig mitzubekommen von der gebauten Ödnis rundum. Jetzt aber dürfen sie aufschauen, dürfen staunen, dürfen am eigenen Leibe spüren, welche verändernde Macht die Architektur sein kann. Eine neue Bibliothek wurde vorige Woche eröffnet, die sich Rolex Learning Center nennt, in Wahrheit aber ein gigantisches Labor für ästhetische Erfahrung ist. Das Ziel des Versuchsaufbaus: das Lernen neu zu lernen.
Die Technische Hochschule in Lausanne ist klein, kaum mehr als 10.000 Forscher und Studierende arbeiten hier, kaum mehr als 500.000 Bände fasst die Bibliothek. Doch gewaltig ist der Ruf der Schule, für Ingenieurwissenschaftler und Informatiker gibt es in Europa keine bessere. Und sie will noch besser werden, die beste Universität der Welt, wenn es nach den Plänen des Rektors geht – auch deshalb die neue Bibliothek.
Von Weltgeltung allerdings ist zunächst nicht viel zu erblicken, nur ein Pavillon aus Glas lagert breit und unscheinbar am Rande des gewerbegebietsgleichen Campus. Seltsam nur, dass die Glasflügel, die doch so sachlich wirken, sich etwas sehr Unsachliches erlauben: Sie heben ab. Sie verlassen den Boden der Gewöhnlichkeit, üben sich in Leichtigkeit, schlagen irrwitzig weite Bögen und künden so von dem, was uns im Inneren erwartet. Die glasriegelhafte Ratio der Naturwissenschaften lernt das Schweben.
Wer die Bibliothek dann betritt, hat die Universität, wie er sie kannte, hinter sich gelassen: Hier regiert nicht das Diktat der Nützlichkeit, alle Effizienz- und Bolognaregeln sind aufgehoben. Diese Bibliothek will ein Freiraum sein, also das, was Universität eigentlich bedeutet. Ein Freiraum, der von den strengen Üblichkeiten des Denkens und Bauens in Horizontalen und Vertikalen nichts hält, der lieber eine Landschaft sein will, mit sanften Hügeln, kleinen Anhöhen, wilden Serpentinen und unvermuteten Tälern. Kreuz und quer kann man darin herumwandern, es gibt keine vorgeschriebenen Wege. Und während man so geht, manchmal schon pustend die Steigungen erklimmt, findet man, was man nicht suchte: die Bücherregale, die Arbeitsplätze, die kleinen gläsernen Kabinen, in denen man sich trifft zum Gespräch, auch Cafés gibt es, ein Restaurant und überall Sitzsäcke für jene, die sich niederlassen wollen auf dem grauen Teppichfilz, um zu lesen, um kreativ zu dösen oder die Gedanken schweifen zu lassen, bis hinüber zum Montblanc, der in der Ferne leuchtet.
Nichts Geringeres als das Ideal einer Bildungslandschaft haben die Architekten des japanischen Büros Sanaa auf dem Campus der Hochschule ausgebreitet. Eine Landschaft, die offen ist, in der sich alles mit allem verbindet, es praktisch keine Grenzen gibt, in der jeder aufgefordert ist, seinen eigenen Pfad zu finden. Auch Hinweisschilder und Übersichtspläne gibt es, doch die Architektur verleitet zum Umwegemachen, zum nonlinearen Denken. Vielleicht ist das sogar das höhere Lernziel in dieser Bibliothek.
Der reale Raum ist hier allemal aufregender als der virtuelle
Wer hingegen Stille braucht, wer den Rückzug will, den eine Bibliothek klassischerweise bietet, der wird es schwer haben. Es wird zwar eine Art Wetterlärmkarte geben, auf der sich ablesen lässt, in welchen Teilen der Bibliothek es gerade besonders hoch hergeht und wo sich ein stilles Tief findet. Doch Weltabgeschlossenheit sucht man vergeblich, und auch das ist Teil des Konzepts. In einer Zeit, in der sich das Medium Buch verflüchtigt, in der es ohne Weiteres möglich wäre, die ganze Universität mit ihren Vorlesungen und Seminaren ins Internet zu verlegen, weil jeder daheim seine Bücher am Bildschirm lesen und seine Seminararbeit per Videokamera vortragen könnte, in Zeiten der Rundumdigitalisierung muss eine Bibliothek nicht allein ein Ort des Lesens sein. Sie muss vor allem ein Ort sein wider die grassierende Ortlosigkeit. Ein Raum, der in seiner Vielfalt und Lebendigkeit allen virtuellen Räumen überlegen ist.
Viele Fakultäten in Lausanne bewegen sich im Hochabstrakten, ob die der Informatiker oder Hirnforscher. So gut wie nichts von dem, was sie erforschen, ist greifbar. Selbst das Mikroskop versagt, so winzig sind die Vorgänge, denen sie sich nähern wollen. Die Bibliothek hingegen ist hoch real, sie verleitet zur Wirklichkeit. Jeder, der sie betritt, der über die Bildungshügel wandert, spürt sich selbst. Eine Zumutung für alle, vor allem für die Gehbehinderten, denn die Architektur bewegt sich und will uns beweglich halten. Will eine Verlockung sein, sich einzulassen auf das, was Universität auch bedeutet: reales Miteinander.
Alle sehen alle, unweigerlich trifft man sich, geht Kaffee trinken, tauscht sich aus. Die Architektur ist eine Antwort auf das Gechatte, das Getwitter und Gesimse. Sie verführt noch die kontaktscheuesten Techniktüftler zum analogen Gespräch.
Doch setzt sie die Generation iPod keineswegs auf Entzug. Dass Ineinandergleiten, die Erfahrung des Flows, in dem sich die üblichen Raum- und Zeitvorstellungen verlieren, für all das findet die Bibliothek eine dreidimensionale Form. Sie ist, wenn man so will, eine Riesenbildungslounge, geöffnet von 7 bis 24 Uhr, nicht nur für Forscher und Studierende, sondern für alle, die kommen und die Bibliothek für sich einnehmen wollen.
Hier gibt es viele Winkel und Ecken, von denen noch niemand weiß, wie sie einmal genutzt werden sollen. Gläserne Innenhöfe, steile Rampen, lauter Zonen des Unbestimmten, pure Verschwendung, die dazu einlädt, sich ebenfalls zu verschwenden, die eigene Zeit und Kraft ganz einer Frage zu widmen, von der man nicht weiß, wohin sie einen führt. Sich also anstecken zu lassen von der Zweckfreiheit der Architektur und der Forschung, der sie dient.
Ganz zweckfrei ist der Bau natürlich nicht. Er ist durchaus dem Kühlen und Rationalen verpflichtet, er liebt die reduzierte, coole Form. Doch gelingt ihm das Paradox, auf überschwängliche Weise rational, auf expressive Weise sachlich zu sein. Er verfügt keine Richtigkeiten, sondern öffnet sich – und vielleicht ja auch uns – dem Exakten wie dem Spekulativen. Eine Bibliothek als gebaute Wissenschaft.
Ob sie am Ende die Forscher beflügelt? Ob sie Lausanne an die Weltspitze verhilft, weil man hier besonders lebendig arbeiten, besonders behaglich plaudern kann? Klären können das nur die Wissenschaftler. Es wird Zeit, dass die Technische Hochschule eine architektursoziologische Fakultät bekommt.
- Datum 16.03.2010 - 13:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Der Artikel ist gut geschrieben, man kann sich die Bibliothek gut vorstellen. Aber warum gibt es nur ein Bild? Wäre schön, wenn die Möglichkeiten des Internets wie Bildergalerie, (Audio)slideshow mal ein bisschen mehr genutzt werden.
'Rolex Learning Center' in die google bilder suche eingeben, da gibt es genügend...
Ja, darauf bin ich auch alleine gekommen :) Ich meinte es nur als Kritik an der Redaktion, das wäre ein zu erwartender Service für den User gewesen.
So wie Allianz-Arena, nur für Reiche?
Ich habe an der Entwicklung von SANAA Kritik zu äußern. Ist es in einer solch charakteristisch bewegten Landschaft wie die um Lausanne wirklich sinnvoll "Architektur-Landschaften" zum Denken zu schaffen, kann eine solche Architektur wirklich mit der Natur und ihrer Kraft konkurrieren?
Dazu kommt diese - gewissermaßen als Markenzeichen geißelnde - fast schon perfide Sauberkeit der SANAA-Architektur, kann jemand in einem Reagenzglas auf neue Gedanken kommen?
Die Oberflächen in der Bibliothek potenzieren Lärm, erzwingen Kommunikation, dabei ist die wichtigste Erkenntniss der letzten Jahre, dass ein Übermaß an Kommunikation nicht förderlich ist. Hier ist Selektion nur durch Flucht möglich, die der Lärmplan beweist.
Vieles spricht gegen den Entwurf von SANAA, es ist mutig das sie es trotzdem so machen, darf zu hoffen bleiben das es nicht in einem solchem Fiasko endet wie mit der 'School of Management & Design' in der Zeche Zollverein.
Ich bin gespannt wie dieses Gebäude in einigen Jahren funktionieren und leben wird.
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