Architektur Freies SchweifenSeite 2/2

Viele Fakultäten in Lausanne bewegen sich im Hochabstrakten, ob die der Informatiker oder Hirnforscher. So gut wie nichts von dem, was sie erforschen, ist greifbar. Selbst das Mikroskop versagt, so winzig sind die Vorgänge, denen sie sich nähern wollen. Die Bibliothek hingegen ist hoch real, sie verleitet zur Wirklichkeit. Jeder, der sie betritt, der über die Bildungshügel wandert, spürt sich selbst. Eine Zumutung für alle, vor allem für die Gehbehinderten, denn die Architektur bewegt sich und will uns beweglich halten. Will eine Verlockung sein, sich einzulassen auf das, was Universität auch bedeutet: reales Miteinander.

Alle sehen alle, unweigerlich trifft man sich, geht Kaffee trinken, tauscht sich aus. Die Architektur ist eine Antwort auf das Gechatte, das Getwitter und Gesimse. Sie verführt noch die kontaktscheuesten Techniktüftler zum analogen Gespräch.

Doch setzt sie die Generation iPod keineswegs auf Entzug. Dass Ineinandergleiten, die Erfahrung des Flows, in dem sich die üblichen Raum- und Zeitvorstellungen verlieren, für all das findet die Bibliothek eine dreidimensionale Form. Sie ist, wenn man so will, eine Riesenbildungslounge, geöffnet von 7 bis 24 Uhr, nicht nur für Forscher und Studierende, sondern für alle, die kommen und die Bibliothek für sich einnehmen wollen.

Hier gibt es viele Winkel und Ecken, von denen noch niemand weiß, wie sie einmal genutzt werden sollen. Gläserne Innenhöfe, steile Rampen, lauter Zonen des Unbestimmten, pure Verschwendung, die dazu einlädt, sich ebenfalls zu verschwenden, die eigene Zeit und Kraft ganz einer Frage zu widmen, von der man nicht weiß, wohin sie einen führt. Sich also anstecken zu lassen von der Zweckfreiheit der Architektur und der Forschung, der sie dient.

Ganz zweckfrei ist der Bau natürlich nicht. Er ist durchaus dem Kühlen und Rationalen verpflichtet, er liebt die reduzierte, coole Form. Doch gelingt ihm das Paradox, auf überschwängliche Weise rational, auf expressive Weise sachlich zu sein. Er verfügt keine Richtigkeiten, sondern öffnet sich – und vielleicht ja auch uns – dem Exakten wie dem Spekulativen. Eine Bibliothek als gebaute Wissenschaft.

Ob sie am Ende die Forscher beflügelt? Ob sie Lausanne an die Weltspitze verhilft, weil man hier besonders lebendig arbeiten, besonders behaglich plaudern kann? Klären können das nur die Wissenschaftler. Es wird Zeit, dass die Technische Hochschule eine architektursoziologische Fakultät bekommt.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Artikel ist gut geschrieben, man kann sich die Bibliothek gut vorstellen. Aber warum gibt es nur ein Bild? Wäre schön, wenn die Möglichkeiten des Internets wie Bildergalerie, (Audio)slideshow mal ein bisschen mehr genutzt werden.

  2. 'Rolex Learning Center' in die google bilder suche eingeben, da gibt es genügend...

  3. 3. Jawoll

    Ja, darauf bin ich auch alleine gekommen :) Ich meinte es nur als Kritik an der Redaktion, das wäre ein zu erwartender Service für den User gewesen.

    • oooo
    • 17.03.2010 um 15:51 Uhr

    So wie Allianz-Arena, nur für Reiche?

  4. 5. Kritik

    Ich habe an der Entwicklung von SANAA Kritik zu äußern. Ist es in einer solch charakteristisch bewegten Landschaft wie die um Lausanne wirklich sinnvoll "Architektur-Landschaften" zum Denken zu schaffen, kann eine solche Architektur wirklich mit der Natur und ihrer Kraft konkurrieren?
    Dazu kommt diese - gewissermaßen als Markenzeichen geißelnde - fast schon perfide Sauberkeit der SANAA-Architektur, kann jemand in einem Reagenzglas auf neue Gedanken kommen?
    Die Oberflächen in der Bibliothek potenzieren Lärm, erzwingen Kommunikation, dabei ist die wichtigste Erkenntniss der letzten Jahre, dass ein Übermaß an Kommunikation nicht förderlich ist. Hier ist Selektion nur durch Flucht möglich, die der Lärmplan beweist.

    Vieles spricht gegen den Entwurf von SANAA, es ist mutig das sie es trotzdem so machen, darf zu hoffen bleiben das es nicht in einem solchem Fiasko endet wie mit der 'School of Management & Design' in der Zeche Zollverein.

    Ich bin gespannt wie dieses Gebäude in einigen Jahren funktionieren und leben wird.

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