Britische Staatsschuld Wachstum für die Insel

Großbritannien muss seine Industrie mit neuen Investitionen und Bildung wiederbeleben. Doch die Wahlkämpfer schert das nicht.

Pub im Finanzdistrikt von London

Pub im Finanzdistrikt von London

Dass Finanzmärkte leicht verführen und leicht verführbar sind, das sollte die Politik ja nun mitbekommen haben, gerade in Großbritannien. Keine andere unter den großen Industrienationen hat sich in den Boomjahren dem Hype der Finanzbranche so bedingungslos angepasst, und kaum irgendwo sind die Folgen der Finanzkrise und der Rezession jetzt nachhaltiger zu spüren. Aufgabe der Politik wäre es da, stabilisierend zu wirken, entgegenzusteuern. Aber weil sie mitten im Wahlkampf sind, folgen Labour und die Konservativen dem alten Polit-Instinkt, komplizierte Sachverhalte auf einfache Phrasen zu verkürzen – damit schüren sie aber nur die jüngste Hysterie auf den Finanzmärkten.

Die Stimmung der Märkte wendet sich gegen das britische Pfund. Großbritanniens staatliche Neuverschuldung könnte in diesem Jahr leicht auf 12,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen. Das wäre sogar mehr als bei dem Pleitekandidaten Griechenland. Die Unkenrufe der vergangenen Monate, dass die Rating-Agenturen drauf und dran seien, die Bonität des Königreichs zurückzustufen und das Land auf den griechischen Weg zu schicken, schienen sich Anfang der Woche zu bewahrheiten. Das Pfund sackte auf einen neuen Tiefstand ab.

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Doch der Vergleich zwischen Griechenland und Großbritannien stimmt ganz und gar nicht. Die griechische Auslandsverschuldung macht 88 Prozent des dortigen BIPs aus. In Großbritannien sind es dagegen nur 18 Prozent. Die Briten sind daher weit weniger vom Geld ausländischer Kapitalgeber abhängig als die Griechen. Noch wichtiger und auch offensichtlicher ist die Tatsache, dass Großbritannien eben nicht zum Euro-Raum gehört und durch die Abwertung des Pfundes um rund 25 Prozent gegenüber dem Euro und dem Dollar seit 2007 seine Exporte fördern konnte. Und schließlich hat die britische Wirtschaft, anders als die griechische, das Rezessionstal, nach allen verfügbaren Daten, wohl bereits verlassen. Das BIP wuchs im vierten Quartal des vergangenen Jahres immerhin um 0,3 Prozent.

Dass die Finanzmärkte dennoch eine derartig gefährliche Situation heraufbeschwören können, daran sind nicht zuletzt Premierminister Gordon Brown und sein konservativer Herausforderer David Cameron schuld. Zwei Monate vor der Parlamentswahl haben die beiden Kontrahenten die Probleme des Vereinigten Königreichs nämlich auf eine einzige Zahl reduziert: 858 Milliarden Pfund (965 Milliarden Euro). Das ist nicht die Neuverschuldung, sondern das gesamte Staatsdefizit, knapp 60 Prozent des BIPs.

Damit käme man immer noch locker in den Euro-Raum.

Vor dem Beginn der Rezession hatte David Cameron seine Partei aus der rechten Ecke geholt und einen politischen Diskurs über den Bau einer besseren Gesellschaft begonnen. Angesichts der prekären Haushaltslage wurde aus dem Wahlkampf nun jedoch ein altmodischer Zweifrontenkrieg, in dem Labour damit wirbt, so lange weiter geborgtes Geld in die Wirtschaft zu pumpen, bis diese wieder wächst, während die Tories den sofortigen Abbau der Staatsschulden versprechen, um auf diese Weise Vertrauen und Stabilität zurückzugewinnen und die Wirtschaft flottzukriegen.

Den Wählern reicht diese holzschnittartige Diskussion nicht.

Leser-Kommentare
  1. Verschuldung in Prozent des BIP...
    Staatsdefizit in Prozent des BIP...

    Eine interessante Untersuchung vom McKinsey Global Institute(Domestic private and public sector debt by country):

    Zitat:
    "Even after removing foreign lending by UK banks, UK debt/GDP remains higher than every country except Japan."

    Quelle:
    http://www.mckinsey.com/m...

  2. Gute Ratings haben nichts mit Höhe der Schulden zu tun. Nur auf die absolute Verlässlichkeit der Rückzahlung kommt es an. Deshalb übernahm die Obamaregierung 2008 die Obligationen der zahlungsunfähigen Versicherungsfirma AIG und überwies sogar mitten in der Finanzkrise Milliarden an die Deutsche Bank aus US-Steuergeldern, denn sie wollten das AAA-Rating der USA nicht einbüßen. - Es versteht sich von selbst, dass Griechenland in seiner ganzen Geschichte noch nie ein AAA-Rating hatte.

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