Autoindustrie Jeder mit jedem
Die Autokonzerne haken die Krise ab. Schon hegen sie wieder Expansionspläne. Kooperationen sollen bei der Finanzierung helfen
In dieser Woche fahren die Autokonzerne dieser Welt auf dem Genfer Salon wieder alles auf, was sie haben: neue Modelle zuhauf – Benziner und Diesel, Hybride und reine Elektroautos, sparsame Kleinwagen und ultraschnelle PS-Protze.
Fast scheint es so, als wäre nichts gewesen. Dabei hat die Branche den schlimmsten Einbruch seit Managergedenken hinter sich: Wurden 2007 weltweit fast 59 Millionen Pkw verkauft, waren es 2009 nur noch knapp 53 Millionen. Dabei waren viele Fabriken schon vor der Krise nicht ausgelastet. Auf 30 bis 40 Prozent schätzt Ralf Kalmbach, Autoexperte der Unternehmensberatung Roland Berger, die weltweiten Überkapazitäten.
Was Mitte 2008 mit einem Einbruch der Neuwagenverkäufe in den USA begann, wuchs sich zu einer weltweiten Absatzkrise aus. Erst in den letzten Monaten des Jahres 2009 zeichnete sich eine allmähliche Erholung ab – vor allem Märkte wie China, Brasilien oder Indien legten stark zu. Keiner der international agierenden Hersteller ist ohne Blessuren davongekommen. Toyota, Daimler, PSA Peugeot-Citroën, Fiat oder Renault rutschten tief in die roten Zahlen. Der einst weltgrößte Autokonzern General Motors (GM) und Chrysler mussten Insolvenz anmelden und überlebten nur dank massiver Geldspritzen der Politik. Ohne staatliche Abwrackprämien hätten auch vermeintliche Gewinner wie Volkswagen oder Hyundai weit schlechter ausgesehen. Nicht nur in Deutschland flossen Milliarden an Steuergeldern, um gefährdete Jobs dieser »Schlüsselindustrie« zu retten.
Parallel zur Absatzkrise ist in wichtigen Absatzregionen wie Europa, USA oder China der politische Druck gewachsen, den Spritverbrauch und damit den CO₂-Ausstoß der Fahrzeugflotten drastisch zu verringern. Die etablierten Konzerne sind dadurch gleich mehrfach gefordert. Sie müssen mit viel Aufwand die klassischen Verbrennungsmotoren optimieren und zugleich Milliarden in alternative Antriebe (Hybridantriebe, Elektroautos, Brennstoffzelle/Wasserstoff) investieren. »Da man nicht weiß, welche Antriebsvarianten sich wann durchsetzten, müssen die Hersteller in alle parallel investieren«, schildert Berater Kalmbach die Krux. Kostensparende Kooperationen etwa bei Hybridantrieben und Elektroautos sind nach wie vor selten.
Eine Marktbereinigung scheint angesichts dieser Gemengelage zwingend – das Aus von Unternehmen, Fusionen oder der massive Abbau von Produktionskapazitäten. Bisher jedoch ist wenig geschehen. »Der Rückschnitt ist wegen der Regierungshilfen ausgeblieben«, moniert Eric Heymann von Deutsche Bank Research in einer Analyse. Zwar haben etwa GM, Chrysler und Ford ihre US-Produktion zurückgefahren und auch Fabriken geschlossen, wodurch in Nordamerika Kapazitäten von bis zu zwei Millionen Autos weggefallen sind. Doch außerhalb der USA gab es kaum größere Einschnitte.
In Europa geriet bislang jede geplante Werksschließung zum Politikum. Bei der GM-Tochter Opel will der neue Europachef Nick Reilly die Fertigungskapazität um rund 20 Prozent zurückfahren, doch um das Ende des veralteten Opel-Werks im belgischen Antwerpen wird heftig gestritten. Auch für die Extochter Saab hatte GM schon den Auftrag zur Abwicklung erteilt; jetzt soll die Fabrik der chronisch unrentablen Marke im schwedischen Trollhättan unter neuem Eigner und mithilfe von Staatskrediten doch noch weiterlaufen. Fiat-Chef Sergio Marchionne stößt bei seinem Versuch, eine unrentable Fabrik auf Sizilien zu schließen, auf massiven politischen Widerstand. Und in Frankreich versucht die Regierung, Produktionsverlagerungen von Renault oder Peugeot ins Ausland zu verhindern.
Zwar klagen alle Hersteller über die weltweiten Überkapazitäten, aber die sehen sie in der Regel nur bei der Konkurrenz. Weil Länder mit Wachstumspotenzial wie China, Russland oder Indien hohe Inlandsanteile in der Fertigung (local content) verlangen oder hohe Zölle auf Importe erheben, stellen die Autokonzerne dort sogar munter neue Anlagen und Fabriken auf die grüne Wiese.
- Datum 03.03.2010 - 18:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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...in den 90ern so eine grosse Stückzahl an Autos verkauft worden wäre hätte die Branche gejubelt. Und damals waren mehr Beschäftigte in dieser Branche tätig. Warum vergleichen wir immer nur kurzfristig von Geschäftsjahr zu Geschäftsjahr? Da geht etwas nicht auf
In China sind General Motors und Volkswagen sogar gemeinsam an einem chinesischen Autobauer beteiligt, denn "allein" dürfen sie dort nicht.
Der Autoexperte der Unternehmensberatung Roland Berger schätzt die Überkapazitäten. Wieso können Experten es nie wissen? Schätzen kann ich auch.
Wir bekommen einen SEAT mit VW-Technik, einen Audi mit VW-Technik, einen Mitsubishi, der aussieht wie ein Peugeot und dereinst wird man wohl einen Dodge erstehen können, der gerade mal soviel verbraucht wie ein Fiat Panda. Warum nur?
Weil die Vielfalt sich auf die Benutzeroberfläche beschränkt.
Jüngst sagte mir ein Porsche-Ingenieur im Verlauf eines Gesprächs über den Cayenne V6: Kunden sind so dämlich, die wissen nicht mal, dass der Sechszylinder von VW kommt.
Wem's egal ist: meinetwegen.
Natürlich ist der Bezug von Komponenten vom Spezialisten sinnvoll - kein Hersteller wird auf den Gedanken kommen, selbst Reifen zu entwicklen.
Wenn, wie es zuweilen scheint, die Kooperation dazu genutzt wird, jedem alles bieten zu wollen, müssen sich die "Hersteller" die Frage gefallen lassen, warum man gerade ihre Version der mobilen Uniform nutzen soll. Die Kunst der Ingenieure wird durch das Marketingbudget ersetzt.
Gibt es nur noch Intel inside?
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