Reise nach Nordirland Belfast ChildSeite 4/4
Geh nach Hause, Kleine.
Mach Fotos von deiner Mama, von deinem Arsch, aber hier nicht, kapiert.
Kriege ich den wieder, frage ich zittrig und zeige auf den Film.
Klar, sagt der Soldat und schleudert den Film auf den Bürgersteig. Ein anderer tritt noch darauf. Dann springen sie in den Wagen und fahren davon, sie lachen, ich weiß nicht, warum. Ich könnte umdrehen, mich in mein fettiges Zimmer setzen, mit Seamus im Gang Fußball spielen, im Werkraum Stühle lackieren, wo es egal ist, wer auf welcher Seite steht.
Stattdessen gehe ich langsam weiter in die Innenstadt, zerknautsche in meiner Jackentasche den Film und zähle mein Geld. Ich werde mir etwas kaufen, ein TShirt, ein Paar Ohrringe, eine Kassette mit irischer Harfenmusik, etwas Hübsches, einfach ein bisschen Geld ausgeben.
Belfast Telly, gellt der Ruf der Zeitungsjungen durch die Einkaufsstraßen. Am Rathaus prangt ein riesiges Banner: Ulster says No. Ich werde nicht darüber nachdenken, wer aus welchen Gründen wozu Nein sagt. Ich werfe den Film in einen Papierkorb und gehe durch die Absperrung, mit der sich die Innenstadt vor Autobomben schützt. Die Auslagen der Modekaufhäuser sind übertrieben glänzend, als wollte man die Schäbigkeit der Vororte wieder aufwiegen, alles in Lila mit nuttigem Glitzer, Nieten und Perlen, ich könnte so etwas versuchen zu tragen, wie die irischen Mädchen, die in unserer Schule arbeiten und nicht schlechter sind, nur weil sie glitzern, vielleicht hilft das Geglitzer, eine Tarnkappe, ein Schutzanzug, aussehen wie die Mädchen von hier (schminken lernen), so sprechen wie sie (aber wie welche Seite? Prod oder taig?), so lachen wie sie (sehr hoch und schrill), wässriges Bier trinken oder starken Apfelwein, teuer ist hier nichts, und ich trete aus dem Nieselregen in den Wärmedunst des erstbesten Kaufhauses, da reißt jemand an meinem Ärmel.
Taschenkontrolle. Bitte öffnen Sie Ihre Tasche.
In meiner Tasche ist der Fotoapparat, ich will ihn nicht schon wieder hergeben, ich lasse nicht dauernd an mir herumzerren, ich werde die Tasche nicht öffnen.
Hallo? Öffnen Sie die Tasche. Die Kontrolleurin am Eingang hält mich mitten im schwülen Gebläse der Heizung, das meine Haare durcheinanderwirbelt wie ein falscher Sturm, schmerzhaft am Handgelenk. Da kommen mir die Tränen.
Ich bin doch nur Touristin, murmele ich, ich mache Ferien hier.
Ferien? Die Frau lässt unwillkürlich meinen Arm los. Ferien in Belfast? Na dann, have fun, Kleine. Sie schaut mir nach, fassungslos, amüsiert.
Ich tauche ein in die überheizte Kauflust der irischen Mädchen, kein Mann zu sehen, kein Junge, die Mädchen kaufen glänzende Hemdchen und schminken sich aus den Probiertuben, und ich gehe mit verheulten Augen herum und habe die Reise meines Lebens verraten.
Hast du etwas Schönes gekauft?
Nein, sage ich trotzig, es gibt nichts. Die Betreuerinnen kichern, nicht boshaft, nur ein wenig belustigt, dass das deutsche Mädchen in ganz Belfast nichts Schönes findet, dann kochen sie Tee und bringen Plätzchen und machen den Fernseher an, und ich schenke mir eine Tasse ein, lots of milk, two sugar, und schaue den Kindern zu, die vorgefertigte Weihnachtssterne mit Glitzer beschmieren, Caroline hat Klebstoff im Haar, Seamus schlägt die Wasserfarben vom Tisch, alles sehr friedlich, und als die Nachrichten kommen, gehe ich hinüber in mein fettiges Zimmer und schreibe Ansichtskarten nach Hause.
- Datum 10.03.2010 - 17:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Wollte die Autorin automatisch "hassen", so als naive Frieden-über-alles Tante.
Hat leider nicht ganz so funktioniert, wie es gerne zu meinen Vorurteilen gepasst hätte.
Kann nicht mal sagen, WAS genau mir an ihrem Artikel gefallen hat, ausser vielleicht, das sie bereit war zuzugeben, dass sie nicht alles weiß.
Egal. Ich sag nur, schreiben Sie weiter. Was sie sagen, geht so ein bisschen unter die Haut.
Meine perönliche Meinung. Wer eine andere Meinung hat, darf sie behalten. :-P
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