Die dunklen Augen von Holger schauen furchtsam und zugleich trotzig-neugierig auf den Boxhagener Platz. Befremdliches finden sie dort, mitten im Ost-Berlin des Jahres 1968, mitten im proletarischen Bezirk Friedrichshain, zwischen Kittelschürzen und Klub der Volkssolidarität, zwischen Komödie und Drama: Der Zwölfjährige sieht, wie seiner Oma Otti (Gudrun Ritter) gesetzte Herren bis auf den Friedhof hinterherlaufen, während daheim ihr sechster Mann Rudi bettlägerig dem Ende entgegenvegetiert. Holgers fesche Mutter Renate (Meret Becker) träumt von einem anderen Leben, am besten im Westen, ist eifersüchtig auf ihren "hormonsexuellen" Bruder Bodo (Milan Peschel) und will von ihrem Mann Klaus-Dieter (Jürgen Vogel) nichts mehr wissen: Beim Abendbrot erlebt der Junge die kaputte Ehe der dauergewellten Friseuse und des aufrechten Volkspolizisten, der als Abschnittsbevollmächtigter die Ordnung im Kiez sichert.

Und diese Ordnung ist plötzlich gefährdet: Zunächst wird Fisch-Winkler umgebracht, der mit Karpfen aus seinem Laden Ottis Gunst erringen wollte, dann taucht ein Bekennerschreiben eines "Revolutionären Studentenbundes Kommune 25 der Freien Universität Berlin" auf, das mit "Tod den Nazis!" endet. Fisch-Winkler war so einer; mit einem knackigen "Stellt euch vor, das ist ein Russe" beförderte er seine Fische ins Jenseits. Schließlich segeln Flugblätter auf die Straße, auf denen "Russen rauss aus Prag! Prodestiert" gefordert wird. Ist die Welt voller geheimer Zusammenhänge? Der vom besseren Sozialismus träumende Ex-Spartakist Karl (Michael Gwisdek) erklärt Holger nicht nur, warum die Kommune 1 im Westen mit Gruppensex gegen das Kapital kämpft und dass Ulbricht mit Goebbels einst auf der Tribüne stand. Karl weiß auch, dass Frauen Geheimnisse lieben.

Regisseur Matti Geschonneck ist am Boxhagener Platz aufgewachsen und kehrt mit seiner Verfilmung von Torsten Schulz’ Roman Boxhagener Platz dorthin zurück, wo heute die Party-Jugend Falafel mampft und Cocktails schlürft. Damals soff man Schnaps und Eierlikör, je mehr, desto besser. Dieser humorvolle, nicht sonderlich bedeutende, aber genau beobachtende Film erzählt diesseits urbaner Mythen von der Kleinstadthaftigkeit – und könnte daher zum Großstadtklassiker werden. Er ist eine Hommage an jenes untergegangene, im Sanierungskrieg zerstörte Ost-Berlin: mit Brandmauern und Aschemülleimern auf den Bürgersteigen, mit braunem Lederranzen, Rouladen und Gräupchensuppe.

Alles "riecht" in diesem langsamen Film. Historisch unbedarfte Zuschauer, die den Trommelwirbel der Pioniere mit blauen Halstüchern nicht richtig zuordnen können, wüssten wohl kaum zu sagen, ob der Film 1938 oder 1968 spielt.

Wo Leander Haußmanns Sonnenallee und Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen den Erfahrungsraum DDR breitwandgerecht stilisierten, gelingt Geschonneck eine Milieustudie in der Manier eines postsozialistischen Realismus – endlich einmal berlinern die Schauspieler nicht klischeehaft übertrieben. Dennoch vermischen sich Mief und Menschlichkeit nicht zum Idyll. Abgründe lauern, wenn die Staatsbürgerkundelehrerin indoktriniert und Holger rebelliert, wenn der Wirt zu Spitzeldiensten erpresst und Karl am versoffenen Heiligen Abend verhaftet wird.

Glücklich endet es nicht, aber das Leben geht weiter. Und Otti hört im Rauschen der Bäume auf dem Friedhof die Scheintoten aus der Vergangenheit.