Förderschulen Schwache helfen Schwächeren

Förderschulen bleiben notwendig, sagt der Waldorf-Pädagoge Rüdiger Wohlfeld

Die ZEIT: Die Raphael-Schule ist als Heilpädagogische Waldorfschule die einzige in Hamburg, die Kinder mit den unterschiedlichsten Behinderungen aufnimmt. Was versprechen Sie sich davon?

Rüdiger Wohlfeld: Wir glauben, dass die Schwachen den noch Schwächeren helfen können. In unseren Klassen treffen geistig behinderte Kinder auf emotional auffällige Kinder und solche mit Lernschwierigkeiten. Manchmal sind wir aber auch für psychisch kranke Kinder, die an den normalen Schulen scheitern, der letzte Rettungsanker.

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ZEIT: Wie schaffen Sie es, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden?

Wohlfeld: Das funktioniert nur, indem wir uns am Entwicklungsstand jedes Einzelnen orientieren. Wir müssen stark differenzieren. Trotzdem lassen wir die Kinder die gesamte Schulzeit über in einer Klasse zusammen. Es gibt kein Sitzenbleiben und kein Klasse-Überspringen. Was der Einzelne leistet, zeigt sich oft in den schriftlichen Arbeiten. Die einen schreiben und gestalten mehrere Seiten, ein anderer malt nur zwei Wörter aufs Papier, was aber eine ungeheure Leistung für dieses Kind ist. In der Oberstufe können die Jugendlichen in vier Werkbereichen intensiv handwerkliches Können erwerben. Die Schule dauert zwölf Jahre und kann mit einem Hauptschulabschluss enden, mehr kommt es uns aber noch auf die Stärkung der Persönlichkeit an.

ZEIT: Worin unterscheidet sich Ihre Schule von den staatlichen Sonder- und Förderschulen?

Wohlfeld: Zunächst vor allem darin, dass wir nicht nach Behinderungen trennen. Wir gehen davon aus, dass in jedem Menschen ein gesunder Kern steckt, egal, wie ausgeprägt die Behinderung ist. Nur kann sich dieser Kern eben oft nicht zeigen. Es stellt sich jedoch heraus, dass sich die Kinder im gegenseitigen Umgang miteinander sehr gut tun. Ein autistisches Kind zum Beispiel, bei dem selbst der Lehrer oft Probleme hat, eine wirkliche Beziehung herzustellen, kann bei uns erleben, wie selbstverständlich es von den Kindern mit Down-Syndrom integriert und aufgenommen wird.

ZEIT: Sie bezeichnen sich als »Schule für Seelenpflege«, ein Begriff, der noch von Rudolf Steiner geprägt wurde. Hat er heute noch Gültigkeit?

Wohlfeld: Rudolf Steiner hat gesagt, es komme nicht nur auf die körperliche Pflege behinderter Menschen an, sondern vor allem auf ihr seelisches Wohlbefinden. Wir müssen uns als Lehrer oft selbst auf diesen Pflegebegriff zurückbesinnen. Aber wir beobachten immer wieder, wie Schüler hierherkommen und erst mal aufatmen, weil der Druck und das Unbehagen plötzlich weg sind, das sie aus anderen Schulen kennen. Ein Mädchen kam erst in der 9. Klasse zu uns. Sie hatte Depressionen und sich an ihrer früheren Schule extrem zurückgezogen und verweigert. Nach wenigen Wochen bei uns ist sie regelrecht aufgeblüht.

ZEIT: Derzeit wird sehr viel von Integration und Inklusion behinderter Kinder in die normalen Schulen gesprochen. Gerade durch die Hamburger Schulreform sollen sich die Strukturen stark ändern, Förderschulen in einigen Jahren überflüssig sein. Erscheint das aus Ihrer Perspektive sinnvoll?

Wohlfeld: Wir glauben nicht, dass die normalen staatlichen Schulen wirklich alle Kinder auffangen können. Integration und Inklusion lassen sich nicht von oben verordnen. Solange Menschen erschrocken zurückweichen, wenn sie eine Gruppe Behinderter sehen, ist eine Menge zu tun. Wie stark eine Gesellschaft wirklich ist, zeigt sich immer auch in ihrem Umgang mit den Schwächsten. Uns werden seit Jahren systematisch die staatlichen Finanzierungshilfen gekürzt. Im Vergleich zu 2007 bekommen wir pro Monat 27.000 Euro weniger. Wir mussten sechs Lehrerstellen einsparen, und die Gehälter fallen niedriger aus. Es ist kein gutes Gefühl, dass unsere Arbeit offenbar so wenig wertgeschätzt wird. Wir bekommen oft Kinder, die woanders als nicht beschulbar gelten. Nur selten schaffen wir es, künftige Steuerzahler aus unserer Schule zu entlassen. Vielleicht aber ist gerade das der Maßstab, an dem uns die Schulbehörde misst.

Die Fragen stellte Jeannette Otto

 
Leser-Kommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf teilweise beleidigende Pauschalisierungen. Beachten Sie außerdem, dass die Kommentarfunktion nicht für wiederholte Unterstellungen gegenüber Personen oder Gruppen gedacht ist. Die Redaktion/sh

    • ztc77
    • 10.03.2010 um 20:39 Uhr

    Was immer Steiner vor 100 Jahren gesagt oder geschrieben haben mag, es kommt auf das glaubwürdige pädagogische Konzept an, das die heutigen Sonderpädagogen ausstrahlen! Ich habe sehr gute Erfahrungen mit der Arbeit von Sonderpädagogen anthroposophischer Prägung gemacht und habe erlebt, wie ein sehr aggressives und chaotisches Kind nach Jahren in einem anthroposophischen Internat (Georgenhof Überlingen) als liebenswertes und charmantes Kind zurückkam. Nichts wird verheimlicht, Eltern (oder Stiefeltern) werden in die ganzheitliche Betreuung mit einbezogen, der Entwicklungsprozess wird offen begleitet und zusammen immer wieder reflektiert. Heute ist das Kind erwachsen und in einem Betrieb der IT-Branche vollverantwortlich tätig.
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    Eine solche hochwertige Arbeit setzt auch Eltern voraus, die das eigene Verhalten in Frage stellen und nötigenfalls zu ändern bereit sind, Eltern, die ein Kind loslassen können.
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    Wer korinthenkackerisch sich selbst für das Maß aller Dinge hält und bei Andern zuallererst nach dem Haar in der Suppe sucht, sollte sein Kind woanders unterbringen!

  2. Das ist meine Erfahrung mit solch einer anthroposophischen
    Förderschule.
    Mein Kind war einige Jahre dort und hat leider keine guten Erfahrungen gemacht.
    Seine individuellen Bedürfnisse wurden nicht beachtet - das war in dem streng reglementierten Schulalltag auch gar nicht vorgesehen.
    Notwendige Förderungsmaßnahmen gab es eigentlich nicht.
    Der starre Waldorf-Lehrplan gab das vor, was für die behinderten Kinder gut sein sollte, aber das war für einige zu wenig oder unpassend.
    Z.B. brauchen gerade autistische Kinder viel mehr als das, was hier im Interview angesprochen wird.
    Dazu gehören neben großem Fachwissen und viel Erfahrung vor allem eine intensive Auseinandersetzing mit diesem Verhaltensspektrum.
    Ich kenne einige Kinder mit autistischen Verhaltensweisen, die wegen unvereinbarer Differenzen mit den Lehrkräften Waldorf-Förderschulen verließen.
    Gerade in diesem Bereich zeigt sich die anthroposophische Heilpädagogik als nicht geeignet.
    Zu wenig Verständnis und Zuneigung.

  3. Nun ja, den Körper füttern wir jeden Tag mehrmals und die Seele sowie den Geist lassen wir hungern? Man braucht ja nur zu lesen, um zu sehen, wie wenig satt und zufrieden wir in uns drin sind.
    Wenn jemand wie Rudolf Steiner sich das Defizit unserer Seele auf seine Weise - die man nicht übernehmen muss - etwas gründlicher angeschaut hat, um tiefgehender zu helfen, muss man ja nicht zur Attacke blasen, blos weil man nur mittelmäßige Steinerkopien erlebt hat.
    Als Ich-kann-Schule-Lehrer beobachte ich seit Jahren, dass immer die die heftigsten Attacken für das Gute reiten, die es selber nicht tun. Ich selber habe ausgezeichnete Erfahrungen gemacht, wenn ich mich um die Seele gekümmert habe. Und wenn wir Menschen miteinander sein lassen und dabei ihre seelischen und geistigen Potentiale nicht kleinkariert in Schablonen einordnen sondern sie mit suggestiver Kraft achten und heben, dann ergeben sich Dinge, die keine noch so perfekte Schablone konstruieren kann.
    Die Probleme muss der lösen, der es kann. Und wer es am konkreten Beispiel vormacht, der verdient Achtung. Darüber reden sollte man dann, wenn man selber das erste Poblem gelöst hat - eher nicht. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und das wiederholte Verweisen auf externe Websites. Die Redaktion/sh

  5. Schön, dass die ZEIT sich immer wieder mit Bildungspolitik befasst – nur sollte die Auswahl der Interviewpartner etwas sorgfältiger erfolgen!
    Was dieser Herr Wohlfeld da von sich gibt, ist nur „Gelaber“, unsäglich trivial, schlicht falsch oder eine „gelungene“ Kombination aus alledem.
    Er glaubt nicht, dass die „normalen staatlichen Schulen“ alle Kinder aufnehmen können – natürlich können sie das nicht, das ist doch offensichtlich! Keiner der Integrations- und Inklusionsbefürworter hat je behauptet, das könnten sie. Bei der Inklusion geht es ja gerade darum, dass die Schule insgesamt so verändert werden muss, dass keiner ausgegrenzt und jeder entsprechend seinen Fähigkeiten gefördert wird.
    Und: ja, natürlich „ist eine Menge zu tun“, „solange Menschen erschrocken zurückweichen, wenn sie eine Gruppe Behinderter sehen“ – aber das ist doch kein Argument gegen Inklusion, sondern vielmehr eins dafür! Wo soll man denn anfangen, wenn nicht bei den Kindern, also beim Schulsystem? Wenn es eine echte „Schule für alle“ gäbe, würden sich alle von klein auf daran gewöhnen, dass Menschen mit Behinderung Teil der Gesellschaft sind.

  6. Der hier angesprochene Link wurde mittlerweile entfernt. Die Redaktion/sh

    Will man sich über den Umgang mit dem wichtigen Thema Inklusion wirklich kundig machen, so findet sich unter www.verband-anthro.de die Zeitschrift PUNKT UND KREIS als pdf, deren Ausgabe von Michaeli 2009 sich als Schwerpunkt differenziert mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beschäftigt.

  7. Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich zum Thema und verzichten Sie auf Unterstellungen. Die Redaktion/sh

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