Bewerbung Leisetreter haben Vorrang
In der Wirtschaftskrise machen sich Hochqualifizierte bei der Jobsuche schlechter, als sie sind
© Scott Barbour/Getty Images

Personaler suchen häufig nicht den besten, sondern nur einen passenden Bewerber für eine offene Stelle. Überdurchschnittliche Leistungen sind manchen suspekt
Seine beruflichen Erfolge gehen niemanden etwas an, findet Jonas Trautwein. Jedenfalls niemanden, bei dem er sich um einen Job bewirbt. In seinen Bewerbungsunterlagen steht deshalb nichts von den 30 Mitarbeitern, für die er zuletzt zuständig war, sondern nur von »mehr als zehn«. Das 1,5 Millionen-Euro-Budget, das er verantwortete, verschweigt der Physiker im Vorstellungsgespräch ebenso wie die 85.000 Euro brutto, die er mit Anfang dreißig jährlich verdient hat. Er hat drei Jahre lang bei einem Chiphersteller in China Testsoftware für Halbleiterchips entwickelt. Im März 2009 ging das Unternehmen pleite und Trautwein zurück nach Deutschland, wo er sich derzeit bewirbt.
Nicht aus Bescheidenheit stellt er sein Licht unter den Scheffel, sondern weil er fürchtet, dass ihm seine Erfolge schaden könnten. Neulich zum Beispiel, wieder ein Vorstellungsgespräch, wieder so eine Frage: »Ihnen ist schon klar, dass Sie auf dieser Position nur drei Leute unter sich hätten?« Unausgesprochen klang die Frage so: »Wissen Sie wirklich, worauf Sie sich mit dieser Bewerbung einlassen? Ist das nicht unter Ihrem Niveau? Springen Sie nicht wieder ab, sobald Sie ein besseres Angebot haben?«
Gerade ehrgeizige, gut ausgebildete Leute wie Trautwein, die früh aufsteigen und sich in großen Unternehmen schnell spezialisieren, laufen Gefahr, zum Opfer ihrer früheren Erfolge zu werden. Trautwein, Mitte 30, der sich seit einem Jahr bewirbt und mit Rücksicht darauf seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, will das vermeiden – und betreibt Downgrading in eigener Sache.
Je nach Jobprofil spielt er Erfahrung in der Personalführung, die ihm eigentlich Pluspunkte bringen müssten, gezielt herunter – und umgekehrt. Seine Befürchtung: »Wenn die Leute ›Teamleiter‹ lesen, fragen sie sich: Warum will er jetzt wieder als Ingenieur arbeiten? Konnte er sich als Teamleiter nicht halten?«
Personalverantwortliche geben vor, den besten Kandidaten zu suchen. Doch häufig nehmen sie den Naheliegendsten. Personalcoach Lars Krone, der unter anderem für Transfergesellschaften arbeitet, kennt diese verquere Logik: Was er »hohes Risikobewusstsein im Personalwesen« nennt, ist ein Grundpessimismus, der dem Bewerber entgegengebracht wird. Der ist umso höher, je vielversprechender seine Unterlagen auf den ersten Blick scheinen. Warum interessiert sich so ein Hochkaräter überhaupt für uns? Welche Defizite verschweigt er im Lebenslauf? Fachlich mag er ja gut sein, aber als Teamleiter? Oder eben umgekehrt. Besonders schwierig seien deshalb Quereinstiege.
- Datum 06.03.2010 - 11:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Alles Krank ! Kranke Gesellschaft...
das ist nicht krank, das ist einfach nur das Ergebnis komplexer Welten, die auf kommunikativen Prozessen beruhen.
Das kann man nun gut oder schlecht finden, aber so ist es eben in komplexen Welten, deren commitment auf Kommunikationsprozessen beruht.
Als Unternehmen stellt man ja auch kundenspezfische Stärken heraus, wenn man sich um einen Auftrag bewirbt. Und was bitte ist verkehrt daran, sich bei einer Bewerbung Gedanken darüber zu machen, wie einzelne Qualifikationen aufgefasst und interpretiert werden könnten?
Anzüge bei geschäftlichen Terminen zu tragen ist im Grunde doch auch nichts anderes - Commitment auf einen Code!
kallewestrich - Jeder, der Arbeit sucht, macht das fast automatisch. Resultat: Hier kontert der Arbeitgeber mit "Sie sind überqualifiziert" - blöd, gell?
Nachdem mir von bescheuerten Personalern/Geschäftsführern immer wieder entgegengeschleudert wurde: "Sie sind überqualifiziert." lass ich auch die Hälfte meiner Qualifikationen und teilweise sogar mein Studium und Diplom weg. Klar, manche haben davor Angst, dass der "Neue" einfach zu schlau sein könnte. Denn es schadet nix, wenn die Angestellten ein wenig dümmer sind, dann kann man das eigene Ego besser raushängen lassen, auch wenn man selbst nicht so viel "auf der Pfanne hat".
Mein Mitleid mit " Highroller " wie Sie haelt sich in Grenzen.
Wenn Sie als Personalchef taetig sind wuerden Sie sicher genauso handeln und die " Ueberqualifizierten " aussortieren.
Im Firmeninteresse. Wer will schon Fachkraefte die auf der 'Durchreise" zu besseren Jobs sind.
Mein Mitleid mit " Highroller " wie Sie haelt sich in Grenzen.
Wenn Sie als Personalchef taetig sind wuerden Sie sicher genauso handeln und die " Ueberqualifizierten " aussortieren.
Im Firmeninteresse. Wer will schon Fachkraefte die auf der 'Durchreise" zu besseren Jobs sind.
Ich erinnere mich an einen Film der Anfang der 90er in die Kinos kam, zu der Zeit als die ersten "Outsourcing"-Wellen brutal zuschlugen. Von der Handlung ging es um eine Gruppe ehrgeiziger Uni-Absolventen die ihre ersten ernüchternden Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt sammeln durften.
Die Hauptdarstellerin (dargestellt von Winona Ryder) hatte sich in einer Szene bitter beklagt, daß sie einen Doktor mit Bestnote hat, und trotzdem keinen Job kriegt. Worauf ihre Freundin nur meinte "Kannst du diesen Doktor nicht einfach aus deinem Lebenslauf rauslassen?"
Das Kinopublikum war damals noch bei dieser Szene schockiert. Heutzutage würde das niemanden mehr von Hocker reißen. Und ich (ich war gerade frischgebackener Student im ersten Semester) hatte zum ersten Mal eine leise Ahnung davon bekommen, daß unsere Eltern und Lehrer uns vielleicht ein schönes Märchen aufgetischt hatten, als sie uns erzählt hatten "Mach einen guten Abschluß, wenn möglich noch den Doktor, geh danach zu einem Großkonzern, und du mußt dir keinerlei Sorgen mehr machen"
"Denn es schadet nix, wenn die Angestellten ein wenig dümmer sind, dann kann man das eigene Ego besser raushängen lassen, auch wenn man selbst nicht so viel "auf der Pfanne hat".
Das bringt es doch sehr gut auf den Punkt. ;-)
Man lese dazu noch einmal die - Achtung! satirisch überspitzte - Kolumne von Harald Martenstein über seine Angst vor zu gut qualifizierten Bewerbern:
http://www.zeit.de/2010/0...
Mein Mitleid mit " Highroller " wie Sie haelt sich in Grenzen.
Wenn Sie als Personalchef taetig sind wuerden Sie sicher genauso handeln und die " Ueberqualifizierten " aussortieren.
Im Firmeninteresse. Wer will schon Fachkraefte die auf der 'Durchreise" zu besseren Jobs sind.
Der jetzige Bewerber könnte ein zutreffendes Bild
von jener Firma mitnehmen, die ihm beim durchreisen half.
Da verägerte frühere Mitarbeiter einer Firma schaden können,
dürften begeisterte frühere Mitarbeiter prima Gut-Helfer sein.
Das ist einfache Logik
und das ist Wahrheit.
Der jetzige Bewerber könnte ein zutreffendes Bild
von jener Firma mitnehmen, die ihm beim durchreisen half.
Da verägerte frühere Mitarbeiter einer Firma schaden können,
dürften begeisterte frühere Mitarbeiter prima Gut-Helfer sein.
Das ist einfache Logik
und das ist Wahrheit.
Ist es denn wirklich so schwer zu begreifen, dass es nicht um Qualifikationen und Berufserfahrungen geht, sondern allein darum, Gehälter zu drücken? Andreas Unger spielt mit seinem Bericht dabei nur die ihm zugedachte Rolle.
Seit vielen Jahren jammert die Industrie über fehlende Qualifizierungen, fordert den Import möglichst billiger Fachkräfte (um finanziellen Druck auf die deutschen Fachkräfte ausüben zu können) und bemängelt, dass es vielen Bewerbern vorallem an Führungskompetenzen, an Sozialem und an Berufspraxis mangelt. Gleichzeitig sind das genau jene Punkte, die nun weggelassen werden sollen, um überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben.
Da fragt man sich doch unwillkürlich: Gibt es überhaupt einen Platz zwischen unterqualifiziert und überqualifiziert?
Ebenfalls seit vielen Jahren will die Industrie uns glauben machen, dass lebenslange Weiterbildung, der Wirtschaftslage angemessene Neuorientierungen und branchenfernen Lernen die einzige Möglichkeit auf einem variablen Arbeitsmarkt ist. Trotzdem haben Quereinsteiger keine Chance und werden völlig unabhänig von Leistung und Qualifikation systematisch ausgesiebt.
Seit vielen Jahren fordert die Industrie einen flexiblen Arbeitsmarkt, bei dem Entlassungen im Tagesrythmus möglich sind. Trotzdem wird jer Jobwechsel heutzutage zu Einstellungskiller und jeder Stellenabbau und jede Firmenpleite dem Bewerber angelastet.
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