Schöne, neue Arbeitswelt: In Zukunft könnten feste Arbeitsplätze abgeschafft werden. Dann könnten sich Freizeit und Arbeit immer stärker miteinander vermischen © Spencer Platt/Getty Images

»Nein«, sagt Ilse Neuwirth in den Hörer, »er ist wahrscheinlich noch in einem Gespräch. Ja, ich gehe ihn gleich mal suchen.« Neuwirth lässt das Telefon sinken und seufzt. »Sehen Sie«, sagt sie, »das nervt mich zum Beispiel: dass ich nicht weiß, wo er gerade steckt.« Die resolute 54-Jährige mit den kurzen, dunklen Haaren redet über ihren Chef. Und dass sie als seine persönliche Assistentin nicht weiß, ob er gerade telefoniert, sich mit Kollegen bespricht oder im Haus unterwegs ist, liegt daran, dass ein ganzes Stockwerk zwischen ihnen liegt.

Ilse Neuwirth arbeitet im Innovation Center der Firma Freudenberg, die Dichtungen, Filter und Vliesstoffe entwickelt und produziert. Das Innovation Center ist eine Art Denkfabrik für Ideen im Unternehmensbereich Dichtungs- und Schwingungstechnik. Wer es besuchen will, muss quer über das Firmengelände laufen, vorbei an Dutzenden massiven Gebäuden und Hallen. In den meisten von ihnen wird gearbeitet wie überall in Deutschland. Doch im Innovation Center probieren bis zu 90 Mitarbeiter schon seit drei Jahren das aus, was als besonders modern gilt: Für jeden Arbeitsprozess soll es hier die perfekte Umgebung geben. Denn fragt man Experten nach dem Arbeitsplatz von morgen , dann ist die klare Antwort: Den gibt es nicht. Aber es gibt die Idee, dass sich das Büro der Zukunft an die jeweilige Tätigkeit anpasst. Wie das aussehen könnte, erprobt Freudenberg in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart.

Auch der Chef hat keinen festen Platz

Wer im Innovation Center konzentriert arbeiten will, geht in eine der Einzelzellen. Teamarbeit findet im Großraumbüro statt, und Brainstormings werden oft in den Konferenzsaal verlegt – denn da regen farbige Lampen und kuschelige Sitzmöbel die Kreativität an. Nach Meinung von Josephine Hofmann, Abteilungsleiterin beim Fraunhofer-Institut, ist das die ideale Umgebung für die Menschen, die hier an Ideen für Dichtungen in Autos und Windkraftanlagen tüfteln. Sie arbeiten in wechselnden Teams, je nach Themengebiet. Und sie müssen auf Knopfdruck kreativ sein. Feste Arbeitsplätze wurden einfach abgeschafft. Wer morgens ankommt, holt sich stattdessen seinen persönlichen Rollcontainer ab und schiebt ihn zum Arbeitsplatz seiner Wahl. Das erklärt, warum Ilse Neuwirth nichts über den Verbleib ihres Chefs weiß: Auch er verfährt nach dem Nomaden-Prinzip. Während er gestern seinen Laptop auf dem Nebentisch hier im Großraumbüro aufklappte, hat er sich heute Morgen in eine der Einzelzellen gesetzt. Und zwar ein Stockwerk unter ihr.

Wenn man den Arbeitsforschern glaubt, dann ist diese Form des flexiblen Arbeitens auf dem Vormarsch. Der Journalist Markus Albers behauptet in seinem Buch Morgen komm ich später rein sogar: »Zum ersten Mal können Festangestellte ihren Tag ähnlich strukturieren wie Freiberufler.« Easy Economy nennt er es, wenn diese Flexibilität auf die Spitze getrieben wird: arbeiten, wann man will, wo man will – und dabei auch noch produktiver sein. Doch wie wahrscheinlich ist eine solche totale Freiheit in der Arbeitswelt? Und gibt es nicht genug Menschen, die die festen Strukturen eines typischen Arbeitstages, eines eigenen Büros schätzen?

»Ganz ehrlich: Ich find’s manchmal schön, wenn ich meine Bürotür zumachen kann«, sagt Josephine Hofmann. Trotzdem rät sie Unternehmen wie Freudenberg, öfter auf genau diese Bürotüren zu verzichten. Hofmann erzählt vom Computerhersteller IBM in den USA , wo jeder neue Mitarbeiter sofort einen Firmenrechner mit nach Hause bekomme. Dort sei von vornherein klar, dass es keine festen Büros gebe. »In 15 Jahren wird das auch bei uns viel selbstverständlicher sein«, sagt Hofmann. »Dann ist eine Generation auf dem Arbeitsmarkt, die mit Chats und Skype groß geworden ist.« Diese neuen Formen der Kommunikation sind unentbehrlich, wenn die Mitarbeiter von unterwegs arbeiten. Vor allem in Beratungsunternehmen, Versicherungen oder IT-Firmen ist das schon heute oft der Fall. Wenn die Angestellten nur dann in die Firma kommen, wenn es wirklich notwendig ist, spart das Unternehmen nebenbei auch Fläche und Kosten für persönliche Arbeitsplätze ein. Doch wie geht man mit so viel Mobilität um? Die Herausforderungen in dieser neuen Arbeitswelt sind ganz andere als früher, die Frage ist jetzt, wie man seine Mitarbeiter an einen Tisch bekommt, wenn kreative Lösungen gesucht werden. Oder wie man eine Videokonferenz sinnvoll einsetzt. »Darauf werden die Leute an den Universitäten noch gar nicht vorbereitet«, sagt Hofmann. »Das erfordert Kompetenzen in der Kommunikation, die wir ihnen ganz neu beibringen müssen.«

Läuft es also tatsächlich darauf hinaus, dass irgendwann alle Arbeitnehmer außerhalb der Firma umherschwirren, der eine im Café seine Mails abarbeitet, der andere zu Hause einen Bericht schreibt, ein Dritter von irgendwo aus Spanien anruft? Hofmann grenzt ein: Keinesfalls wolle sie das Büro völlig abschaffen. Stattdessen will sie Aufteilung: Für kreative Prozesse muss man gemeinsam arbeiten können, für konzentriertes Nachdenken ist womöglich der Schreibtisch zu Hause ideal – oder eben eine Einzelzelle in der Firma, falls daheim die Kinder lärmen.

Im Innovation Center der Firma Freudenberg sind selbst diese Einzelzellen noch von Glaswänden umgeben. Hier soll der Blick frei schweifen können. Ein Atrium öffnet den Blick in die anderen Stockwerke, durch die großen Fenster fällt viel Licht auf jeden Arbeitsplatz. Doch auch Geräusche treffen auf kaum eine Grenze. Die Chefassistentin Ilse Neuwirth sieht daher die Nachteile dieser Offenheit: Als in 20 Meter Entfernung mehrere Mitarbeiter um ein laut gestelltes Telefon herumstehen, schüttelt sie den Kopf. »Das ist unmöglich. Da muss man immer wieder an die Disziplin der Leute appellieren.« Neuwirth hat, wie sie selbst sagt, »ihren Ruf weg« als jemand, der deutlich macht, wenn es ihm zu bunt wird. »Wenn die Leute im Coffeeshop zu laut reden, dann höre ich das bis in meine Ecke.« Das, was Neuwirth Coffeeshop nennt, ist ein Bereich mit Stehtischen und Kaffeeküche, auch Kopierer und Drucker befinden sich hier – man soll möglichst oft ins Gespräch kommen.