Den Fremden gegenüber bleibt man reserviert
Eine seltsame Stadt, wie gesagt. Eine Stadt, die sich der Öffentlichkeit verweigert. Ein großes Dorf, in dem man sich zwar kennt, aber dem Fremden gegenüber eigenartig reserviert bleibt. Man gibt nichts preis von sich, man macht höchstens einen spöttischen Spruch. Man zeigt sich nicht oder höchstens hinter einer Larve. Man tanzt nicht in den schönen alten Gassen – höchstens an der Fasnacht, dann aber im militärischen Gleichschritt.
Für einen Aargauer, wie ich einer bin, ist es manchmal kalt hier. Dann bin ich froh, ins Elsass oder in den Schwarzwald abhauen zu können. Dort wohnen Leute wie ich.
Es klebt offenbar ein Stallgeruch an mir, den ich selber nicht wahrnehmen kann. Aber der Basler wittert ihn sogleich. Das stört manchmal, das eckt an. Denn einem Bauern gegenüber versagt des Baslers Diplomatie. Er wird unsicher, er ahnt urchiges Brauchtum, urtümliche Kraft, wo bloß Neugier ist. Und er antwortet mit Ironie.
Ich wohne schon über fünfzig Jahre hier. Ich bin noch immer ein Fremder. Dieses Fremdsein hat indessen enorme Vorteile. Man lässt mich in Ruhe, sodass ich mich vogelfrei fühle. Das schafft die Distanz, die ich zum Schreiben brauche.
Wer auf der Autobahn durch Basel fährt, sieht nichts außer einer Betonröhre. Die bringt man in zehn Minuten hinter sich. Wer durch Basel schwimmt, sieht eine der schönsten Städte Europas. Man steigt oben beim Birskopf ein, an einem schönen Gestade. Man legt sich auf den Rücken und lässt sich treiben, die Ohren unter Wasser, damit man das Rieseln der Kiesel auf dem Grund hört. Begleitet von dieser zauberhaften Musik schaut man zu, wie die Stadt an einem vorbeigleitet. Links die Kirche St. Alban, die noch aus karolingischer Zeit stammt. Rechts die niedere Häuserfront Kleinbasels. Wieder links die Pfalz mit dem romanischen Münsterchor. Die stolzen Paläste der Augustinergasse, die alte Universität, darüber die Martinskirche. Dann unter der Mittleren Brücke durch, wo Leute stehen und winken. Und schon wittert man die Weite der Tiefebene.
Man kann im Rheinbad St. Johann bequem an Land gehen, einen Kaffee trinken und etwas essen. Man kann sich auch weitertreiben lassen Richtung Meer.
Manchmal in einer Mondnacht ist auf dem Dach des Münsters tatsächlich eine Eule zu sehen. Sie ist kaum zu erkennen, das Licht ist zu schwach. Ihr macht das nichts aus, sie sieht auch in der Dunkelheit. Sie äugt zum Wasser hinunter. Und gleich wird sie losfliegen, vielleicht.
Hansjörg Schneider wurde bekannt durch seine Krimis mit Basel als Schauplatz und Kommissar Hunkeler als Hauptfigur. Zuletzt erschien im Ammann-Verlag »Hunkeler und die goldene Hand«
- Datum 05.03.2010 - 10:23 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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