Erinnerung an Frankreich Ein Eis für Lisa
Familienurlaub in Südfrankreich. Wilhelm Genazino und seine Frau beobachten ihr glückliches Kind am Strand. Plötzlich ist es verschwunden
© Valery Hache/AFP/Getty Images

"Ich beschloss, die Küste noch bis zum nächsten Dorf entlangzugehen. Der Strand leerte sich. Das reglos werdende Bild ängstigte mich"
Die Autofahrt war lang und quälend, aber wir sangen fröhliche Lieder. Am ersten Tag wollten wir bis Lyon kommen, am zweiten Tag bis zur Küste. In Saintes-Maries-de-la-Mer würden wir uns ein kleines Hotel suchen und vierzehn Tage Badeurlaub machen. Teresa und ich kannten die Küste, unsere kleine Lisa hatte das Meer noch nie gesehen. Sie war fast fünf Jahre alt und fragte nach jeder zweiten Minute: Wann sind wir endlich da? Dann sangen wir wieder ein törichtes Lied. Von den blauen Bergen kommen wir / unser Lehrer ist genauso dumm wie wir. Wenn wir Pferde sahen, mussten wir anhalten und aussteigen. Lisa wollte jedes Pferd streicheln und kleine Zuckerstückchen verteilen. Dann kamen wir ans Meer. Es war blau und ruhig und flimmerte hell. Das Kind wollte sofort zum Strand. Es tapste in das Wasser und wollte nicht mehr heraus. Wir sagten immer wieder: Du darfst nicht weiter als bis zu den Knien. Hast du das verstanden? Das Kind nickte und vergaß. Nach einer Weile wieder: Du darfst nur bis zu den Knien ins Wasser, hast du gehört? Wir setzten uns auf die Wolldecke und betrachteten das glückliche Kind. Es hob kleine Steine in die Höhe und brachte uns viele Muscheln.
Am Spätnachmittag des dritten Tages war das Kind weg. Wir sahen nach links, wir sahen nach rechts, wir sahen auf das Meer und hinter uns auf die Straße, das Kind war verschwunden. Ein paar Minuten leugneten wir: Das kann nicht sein! Wir fragten die Leute ringsum: Haben Sie nicht die kleine Blonde gesehen? Niemand hatte. Panik erfasste uns. Wir hatten bereits ein Kind zu Grabe getragen, es war noch nicht allzu lange her. Teresa schlug die Hände vor das Gesicht. Was soll man tun: in einem anderen Land, am Frühabend, ratlos am Meer? Teresa blieb zurück auf der Decke, ich lief den Strand entlang und suchte das Kind.
- Der Autor
Wilhelm Genazino, 67, war Journalist, bevor er in den siebziger Jahren mit seinen Abschaffel-Romanen berühmt wurde. Seither sind seine Helden meist Untüchtige und Zweifler, die ein »Recht auf Unentschlossenheit« für sich beanspruchen. 2004 erhielt der Mannheimer den Büchner-Preis. Sein letzter Roman, »Das Glück in glücksfernen Zeiten« (Hanser), wurde mit dem Rinke-Sprachpreis bedacht. Genazino lebt in Frankfurt am Main
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Unser erstes Kind war noch sehr klein gewesen. Eines Abends hatte es hohes Fieber, wir riefen die Ärztin. Sie kam rasch und entschied: Das Kind muss in die Klinik, sofort. Am nächsten Morgen war das Kind tot, gestorben in der Klinik. Der Chefarzt bat uns zu einem Gespräch. Er hatte uns nicht viel zu sagen, das uns gegen ihn einnahm. Wir wussten, dass es das gab: plötzlicher Kindstod. Aber das Kind war doch extra in die Klinik gekommen, um die Katastrophe zu vermeiden. Der Chefarzt sagte erneut, dass plötzlich hochschießendes Fieber gefährlich sei. Nach zehn Minuten verließen wir den Chefarzt, stummer als zuvor.
Das lag nur wenige Jahre zurück. Das jetzt grau gewordene Meer erinnerte mich an die wüsten Nächte danach. Ich wollte nicht glauben, dass uns das Leben so schnell wieder brechen würde. Was sollte ich zu Teresa sagen, wenn ich zurückkehrte ohne Kind, ohne Erklärung, ohne Hoffnung? Ich überlegte schon, dass wir, wie schon einmal, ein neues Kind zeugen würden. Allerdings spürte ich die Brutalität dieses Auswegs. Ich konnte nicht klären, was ich fühlen sollte. Dann entschied ich mich dagegen: Wir durften nicht noch einmal ein totes gegen ein noch zu zeugendes Kind aufrechnen.
- Datum 09.03.2010 - 15:37 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.03.2010 Nr. 10
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Es sollte in der Überschrift schon stehen, dass es sich um Fiktion handelt.
Ich bleibe dabei: Zeit Online ist ein Saftladen.
Für mich auch ein Eis und für Kommentatoren 1 2 eine Tüte Medienkompetenz. Schöner Beitrag, mir ist doch tatsächlich genau das gleiche passiert in Frankreich. Haben mir meine Eltern jedenfalls erzählt.
mit "Identifikation schwierig" NICHT, dass er sich schwer mit den Leuten aus der Geschichte identifizieren kann. Was bei Ihnen der Fall zu sein scheint, aber es spielt keine Rolle. Es geht darum, dass man von der Hauptseite aus nicht erkennen kann, dass es sich um einen literarischen Beitrag handelt. Ich habe angefangen zu lesen und dann gedacht "das liest sich wie Prosa". Die Erwartung war anders. Die Qualität des Inhats wollte keiner bewerten.
mit "Identifikation schwierig" NICHT, dass er sich schwer mit den Leuten aus der Geschichte identifizieren kann. Was bei Ihnen der Fall zu sein scheint, aber es spielt keine Rolle. Es geht darum, dass man von der Hauptseite aus nicht erkennen kann, dass es sich um einen literarischen Beitrag handelt. Ich habe angefangen zu lesen und dann gedacht "das liest sich wie Prosa". Die Erwartung war anders. Die Qualität des Inhats wollte keiner bewerten.
mit "Identifikation schwierig" NICHT, dass er sich schwer mit den Leuten aus der Geschichte identifizieren kann. Was bei Ihnen der Fall zu sein scheint, aber es spielt keine Rolle. Es geht darum, dass man von der Hauptseite aus nicht erkennen kann, dass es sich um einen literarischen Beitrag handelt. Ich habe angefangen zu lesen und dann gedacht "das liest sich wie Prosa". Die Erwartung war anders. Die Qualität des Inhats wollte keiner bewerten.
Unter dem Titel steht "Wilhelm Genazino und seine Frau beobachten...." Ich gehe davon aus, dass dies ein journalistische Aufbereitung eines tatsächlichen Erlebnisses der Familie Genazino ist.
Dass Herr Genazino auch AUCH Fiktion geschrieben hat, steht auf einem anderen Blatt (im wahrsten Sinne d.W.).
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