Afghanistan Das Kundus-Syndrom

Wer verstehen will, warum Oberst Klein die Nerven verlor und den Luftschlag vom 4. September 2009 anordnete, der muss die anderen Kommandeure im Bundeswehrlager von Kundus kennenlernen: Soldaten, die an ihrer unlösbaren Aufgabe scheiterten

Wo, fragt sich mancher Soldat, ist das zivile Gegenstück zum Militär? Wo sind deutsche Richter, deutsche Polizisten?

Wo, fragt sich mancher Soldat, ist das zivile Gegenstück zum Militär? Wo sind deutsche Richter, deutsche Polizisten?

Um kurz nach sechs an einem Sonntagmorgen, als der Krieg gerade eine Pause macht, schnürt Kai Rohrschneider seine Stiefel und läuft hinüber zur Kantine des Feldlagers. Drei Grad, dichte Wolken. Von den Bergen hinter den Mauern des Camps sieht er nichts, noch liegen die Ausläufer des Hindukusch im Nebel. Rohrschneider öffnet die Tür zur Kantine, nimmt sich einen Becher Tee und setzt sich an einen der langen Tische.

Noch drei Stunden, dann werden sie kommen.

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Kundus im ausgehenden Winter 2010: Draußen vor den Toren des Bundeswehrlagers werden Rohrschneiders Soldaten in immer neue Fallen gelockt, Männer mit Panzerfäusten lauern ihnen auf, mit Sprengladungen und Maschinengewehren. Taliban ermorden Kinder und erzählen in den Dörfern, die Deutschen hätten sie auf dem Gewissen. Afghanische Polizisten, von den Deutschen ausgebildet, verkaufen ihre Uniformen an die Gegner. Wer Feind ist und wer Freund, kann niemand mehr sagen. An keinem anderen Stützpunkt in Afghanistan ist die Bundeswehr derart in der Defensive.

Gut sichtbar liegt das deutsche Lager auf einem Hochplateau, rund 500 Meter im Quadrat, Hunderte Soldaten in Zelten, dicht an dicht, ein gutes Ziel. Kai Rohrschneider weiß das, aber er hat gelernt, sich behutsam auszudrücken. Er sagt: »Ich habe eine spannende Aufgabe.« Er ist Kommandeur des deutschen Feldlagers Kundus, Befehlshaber des 21. Kontingents. »Der 21. Versuch«, sagen seine Soldaten.

Wenn Rohrschneider in seinem Büro vom Schreibtisch aufblickt, sieht er in die Gesichter der früheren Kommandeure, gerahmt in Gold hängen sie dort, auch Oberst Georg Klein, der Mann, dessen Gesicht jetzt ganz Deutschland kennt. Er ließ in der Nacht vom 4. September 2009 zwei Tanklaster bei Kundus bombardieren. Bis zu 142 Menschen starben, unter ihnen Kinder. Der Generalinspekteur der Bundeswehr musste deswegen gehen und der ehemalige Verteidigungsminister. Die Welt sprach von einem deutschen Kriegsverbrecher.

Sollte Rohrschneider nervös sein, kann er das gut verbergen, geschliffene Sätze sind seine Spezialität. Er ist Träger des Ehrenkreuzes der Bundeswehr in Gold und Silber. Sollte er Kundus überstehen, wird er wahrscheinlich General. Er darf nur keinen Fehler machen. Ein Fehler, das ist alles, was es in die Nachrichten schafft: tote Zivilisten, deutsche Särge.

Noch zweieinhalb Stunden, dann wird der Besucher da sein. Der Gouverneur.

Als sich die Deutschen entschlossen, ihre Armee in den Norden Afghanistans zu schicken, war Kundus ein angenehmer Ort, die wohlhabende Kornkammer des Landes, Bad Kundus nannten die deutschen Soldaten es. Als Rohrschneider im Oktober 2009 hier ankam, erinnerte nichts mehr daran. Jedes halbe Jahr schickt die Bundeswehr einen neuen Kommandeur, und jedes Mal erbt er von seinem Vorgänger eine aussichtslosere Lage. Jetzt naht wieder der Tag des afghanischen Neujahrsfestes, der 21. März. Danach werden die Taliban aus ihren Winterquartieren in Pakistan zurückkehren und die deutschen Soldaten heftiger bekämpfen denn je. Nirgendwo sonst auf der Welt kommt der Terrorkrieg des 21. Jahrhunderts der Bundeswehr so nahe. Nirgendwo sonst hängt so viel von einem deutschen Kommandeur ab.

Rohrschneider läuft ins Stabsgebäude 1, Sicherheitszone, summende Stahltürschlösser mit wechselnden Zugangscodes. Gleich noch die Morgenlage, um acht, danach wird der Gouverneur vorfahren. Gewöhnlich ist er pünktlich.

Muhammad Omar kommt mit einem ganzen Konvoi. Auf den Ladeflächen der Pick-ups stehen Männer mit Kalaschnikows, über ihren Bäuchen hängen Patronengürtel. Das Schild mit dem Hinweis »Hier gilt die Straßenverkehrsordnung« sagt ihnen nichts, sie können nicht lesen. Vor dem Ehrenmal, an dem Messingschilder mit den Namen der gefallenen Bundeswehrsoldaten angebracht sind, bleiben die Autos stehen. Der Gouverneur springt aus seinem teuren Geländewagen und läuft ins Stabsgebäude. Rohrschneider begrüßt ihn mit einer Umarmung. Security meeting nennen die Deutschen das hier, Sicherheitstreffen.

Wie kostbar Sicherheit ist, weiß kaum jemand besser als Muhammad Omar. Früher war er Mudschahed, wegen einer Verletzung seines rechten Auges trägt er meist eine Sonnenbrille. Als er vor fünf Jahren von der Regierung in Kabul zum Gouverneur von Kundus ernannt wurde, hatte er noch zehn Leibwächter. Dann wurde sein Lieblingsbruder von den Taliban erschossen, und er verdoppelte auf 20. Inzwischen sind es 30. Der Gouverneur prahlt damit, dass er 26 Söhne von vier Frauen habe, und wenn ihm danach ist, lädt er den deutschen Kommandeur ins beste Hotel der Stadt zum Essen ein. Manchmal schreibt er Briefe an den Vertreter des Auswärtigen Amtes im Feldlager, verlangt die Verschönerung des Parks vor seiner Residenz, einen Bewässerungsgraben im Garten, eine neue Mauer. Dann läuft der Mann aus Berlin mit einer Tasche los und bringt dem Gouverneur 20.000 Dollar in Scheinen. Man könnte denken, er sei einer von Muhammad Omars vielen Dienstboten.

Jetzt hebt der Gouverneur zu einem mürrischen Vortrag an, den niemand zu unterbrechen wagt, nicht der Mann vom Bundesnachrichtendienst, nicht der Mann vom Auswärtigen Amt, keiner der Offiziere. Der Gouverneur sagt, die Deutschen müssten aggressiver werden. Ohne die Milizen, die für sie die nördlichen Gebiete kontrollierten, wären sie verloren. Er sagt: Die Milizenführer verlangen Bezahlung, sonst laufen sie weg. »Gebt ihnen was!«

So spricht er oft mit den deutschen Kommandeuren.

Der Gouverneur erteilt dem Polizeichef das Wort, der dann über Hühnerdiebe redet. Am Ende kommt Kai Rohrschneider dran. Der Gouverneur ruft ihn auf wie einen Schuljungen. Die Milizenführer bezahlen? Kriegsfürsten? Das würde in Deutschland niemand verstehen. Man müsse die Milizen erst in »staatliche Strukturen« eingliedern, sagt Rohrschneider. Vielleicht würde er gerne antworten wie ein Milizionär, barsch und entschieden, aber Rohrschneider muss reden wie ein Politiker. Er muss ins Ungefähre ausweichen.

Die Welt schickte Soldaten aus 44 Nationen nach Afghanistan, wo sich die Spuren schmutziger Kriege schichten wie Sedimente. Wo afghanische Warlords, korrupte Geheimdienstoffiziere, pakistanische Waffenhändler und iranische Drogenkuriere ihre dreckigen Spielchen spielen. Und wo Kai Rohrschneider, der Deutsche, sauber bleiben soll. Er sagt: »Wir haben keinen Grund, unzufrieden zu sein. Die Modernisierung einer Gesellschaft ist immer ein schwieriger Prozess.«

Kai Rohrschneider, ein Kommandeur, der mehr als tausend Soldaten befehligt, sich aber mit Worten nicht aus der Deckung wagt. Georg Klein, ein Kommandeur, der die Menschen in der Heimat erst aufschreckt, als er mehr als hundert Menschen tötet. Wer das Drama dieses Einsatzes verstehen will, wer begreifen will, wie es so weit kommen konnte, muss sich die ungehörten Geschichten seiner Vorgänger anhören, die Geschichte der Kommandeure von Kundus. Es ist die Geschichte von Männern, die diesen Krieg verwalten müssen, ohne ihn führen zu dürfen – die Geschichte einer Täuschung und Selbsttäuschung.

In einem abgeschiedenen Dorf bei Bad Honnef hat Christian Meyer in einem kleinen Gasthof einen Tisch reserviert. »So gelegen, dass wir ein ungestörtes Gespräch führen können«, hat er in einer E-Mail geschrieben. Er ist pünktlich. Oberst Meyer, groß, schlank, die Haare streng gescheitelt, Krawatte, Jackett. Den Rücken hat er durchgedrückt, den Blick auf einen Stapel Papier gerichtet. In der Bundeswehrzeitung Aktuell haben sie diese Meldung über ihn gebracht, Überschrift Abgelöst . Ein Artikel, der ihn wie einen Versager wirken ließ. »Ich habe aber nichts Unehrenhaftes getan«, sagt Meyer. »Ich war Kommandeur in Kundus.«

Kommandeur Meyer glaubt noch an einen sauberen Krieg

Meyer bestellt ein Glas Rotwein und beginnt mit seinem Vortrag. Viele Seiten hat er vollgeschrieben, allein für diesen Abend. Von den Wänden schauen tote Hirsche auf ihn herab.

Leser-Kommentare
    • LH
    • 08.03.2010 um 19:14 Uhr
    1. Danke

    Toller Artikel, danke.

    Ich glaube übrigens nicht, dass in Deutschland niemand etwas von Afghanistan wissen will. Nur diejenigen, die diesen Krieg wollen, wollen aus guten Gründen nicht, dass die Bevölkerung darüber nachdenkt.

  1. Hier muß man zum Soldaten geboren sein. Alles andere gehört hier nicht her.
    Warum hier sich die deutschen wie auf einen Präsentierteller eingerichtet haben ist mir unverständlich.

    Unseren Soldaten hier gehört unser voller Beistand. Bitte keine Meckerrei. Afghanistan ist die finsterste Gegend überhaupt auf unser Erde.
    Das ist doch eine schlechte Strategie unsere Soldaten ohne große Verstärkung in Afghanistan darben zu lassen. Keine Verstärkung, dann lieber die Truppen abziehen.

  2. ... der Bundeswehr in Kundus ein Kriegsverbrecher, der Polizeichef von Kundus werden will?

    Besser kann der ganze Irrsinn in Afghanistan eigentlich nicht beschrieben werden. Die Konsequenz müsste ein sofortiger Rückzug aus Afghanistan sein, wenn die letzte Hoffnung nur aus korrupten Warlords und Drogenbaronen besteht.

  3. Ausser von massiver Gefährdung deutscher Soldaten lese ich eigentlich nichts Neues in diesem Artikel!
    Wo sind die eigentlichen Ziele der Bevölkerung zu helfen, Schulen, Straßen, Krankenhäuser zu bauen.
    Hier wird gezeigt, wie nur durch Korruption der Gouverneur geschmiert wird - "der Mann aus Berlin mit einer Tasche los und bringt dem Gouverneur 20.000 Dollar"- na toll.

    »Ich war Kommandeur in Kundus.« alle 6 Monate werden sie abgelöst, wie kann es da dann zu konstruktiver Arbeit kommen?

    Ich sehe keinen einzigen Grund hier unsere Soldaten weiter zu gefährden, ein Krieg, der lange keiner war wird immer diffuser, man hat den Eindruck keiner weiß hier so richtig, warum er Kommandeur in Kundus war und weiter sein wird.

    Sollen sich doch unsere Politiker endlich bekennen, daß sie sehen, dieser Krieg ist verloren, insbesondere die Ziele humanitärer Hilfe in einem fremden Land ist gescheitert.

  4. [ Achtung SATIRE ]

    Ab und zu wenn ich mich mal wieder über die Lage in Afganistan informiere scheint es mir das wir den Krieg nt führen damit Politiker alle 1-2 Monate ein paar hübsche Bilder schiessen können und villeicht eine Schuhle einweihen. Danach werden die Soldaten dann wieder allein gelassen ohne einen eigentlichen Auftrag und ohne Unterstütung. Damit nicht doch noch ein Wunder geschieht und die Soldaten von alleine die Probleme lösen verbitet man ihnen das was sie eigentlich tun sollen, Kämpfen. Lieber keine Toten, blos keine Zivilisten bedrohen, keine Politiker verärgern, immer absulut Political correct reden, und ja nicht eingeninitiatiew zeigen. Wen wundert es da schon das sie nicht ernst genommen werden.

    In Deutschland wird der Kampf zum Tema wenn mal wieder schulen eingeweit werden oder wenn es heist alles wird nun gut. WEnn sich mal die Wirklichen Seiten abzeigen wie bei Oberst Klein sieht man das die Politiker ihre Soldaen nicht deken sondern eher über sie herrfallen.

    Hies es nicht im Bericht am nächsten Mogen haben die Aufklärer keinerlei Leichen mehr vorfinden können ? Aber woher dann die zahl von über 170? woher das wissen das auch Kinder dabei wahren ? Weil es Afganen so gesagt haben ? Weil es villeicht sogar die Taliban so gesagt haben ? Woher nimmt man Zahlen wenn die Eigene Seite sie nicht weis und man der nderen Seite egentlich nicht vertrauen kann ?

    Aber die Bild hatte wie die Politiker ja kein Problem damit.

  5. muss ihnen auch erlauben, Krieg zu führen!! Alles andere ist Wahnsinn! Ich kann auch niemand mit Wasserpistolen Schwerverbrecher fangen lassen. Aber das kapieren die deutschen Politiker nicht. Die haben nur die Hosen voll vor der öffentlichen Meinung.
    "Die Wahrheit befördert keine Karrieren." Mein Gott, wie wahr.

  6. Der Text im Teaser stört mich. Wer sagt denn, dass Oberst Klein die Nerven verloren hatte? Der Ton ist auch unbefriedigend: Defätismus und Schwarzmalerei waren noch nie konstruktiv.

  7. Seit Jahren geht es nur darum, einen schönen Schein zu wahren. Die politisch Verantwortlichen wollen keine Probleme und Wahrheiten hören, deshalb dürfen die militärisch Verantwortlichen auch nichts sagen und handeln, wenn sie ihre Karrieren nicht beschädigen wollen.
    Diese Realitätsverweigerung hat bereits so viel Schaden angerichtet, dass der sogenannte "point of no return" überschritten ist. Aufbauhilfe in Afghanistan ist nur noch Wunschdenken. Es geht nur noch darum, aus falschem Stolz, das Gesicht zu wahren. Den Preis dafür zahlen unsere Soldaten und die Menschen in Afghanistan.

    MfG
    AoM

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