Das Gefühl, auf unerklärliche Weise plötzlich aus der Zeit gefallen und in eine verlassene Theaterkulisse eingetreten zu sein, setzt gleich bei der Ankunft am Bahnhof ein. Wer in Wittenberge, auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg , aus dem Zug steigt und das Zentrum der Kleinstadt sucht, findet zunächst nur ein riesenhaftes, leer stehendes Gebäude. Mit der Wende ist das einstige Bahnhofsrestaurant der Mitropa außer Betrieb gesetzt worden. Als hätte man den architektonischen Koloss schockgefroren, hängt in seinem Inneren abgeblättert der Putz von der prunkvollen Stuckdecke, die große Uhr an der Wand des alten Speisesaals zeigt immer Punkt elf Uhr.

Nur kurz hatten im Oktober etwa 30 Menschen den ewigen Stillstand am alten Bahnhof unterbrochen. Sie waren aus Berlin, Hamburg, Leipzig und anderen Großstädten angereist, nicht wenige von ihnen trugen Hornbrillen. Es war ihr letzter Besuch in Wittenberge, sie hatten hier im alten Speisesaal ihre Stühle aufgestellt, auf kleinen Pulten standen ihre Namensschildchen neben Gebäcktellern und Wassergläsern. Zwei Tage lang debattierten sie, mit welchen soziologischen Kategorisierungen man diese Stadt, den »Untersuchungsraum Wittenberge«, am besten zu fassen kriegen könnte.

Dass eine Gruppe von Wissenschaftlern in eine Stadt einfällt, um dort fast drei Jahre lang das Leben der Einwohner zu untersuchen, ist ziemlich einzigartig. Allein die Studie einer österreichischen Forschergruppe hatte 1930 am Beispiel von Marienthal, einer Kleinstadt in der Nähe von Wien, eine ähnlichen Aufgabe. Damals hatte ein Team von Soziologen ein Jahr lang die Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit untersucht. Alles, was sie fanden, hatten die Forscher gemessen, gezählt und beobachtet. Am Ende war ihre Schlussfolgerung: Aus den Marienthalern war eine »müde Gemeinschaft« geworden. Die verringerte Gehgeschwindigkeit der Bürger, die weniger ausgeliehenen Bücher in der Stadtbibliothek – selbst auf den ersten Blick unwichtig erscheinende Daten belegten die kollektive Verlangsamung und Passivität der Menschen. Die Arbeitslosen von Marienthal wurden zum Klassiker der Sozialforschung.

Das Wittenberger Projekt heißt Social Capital – Über Leben im Umbruch. 20 Soziologen und Ethnologen sowie acht Doktoranden von fünf verschiedenen deutschen Forschungseinrichtungen haben von Anfang 2007 bis Ende 2009 das Leben der Einwohner der ostdeutschen Kleinstadt untersucht. Mit 1,7 Millionen Euro wurde das Projekt unter der Leitung des Soziologen Heinz Bude vom Bundesministerium für Forschung und Bildung finanziert. In diesem ZEITmagazin werden die Ergebnisse erstmals veröffentlicht. Die Wissenschaftler haben für uns aus ihrer Zehntausende Seiten dicken Studie 25 zentrale Erkenntnisse destilliert.

Es war ein schier endloses Interviewmarathon mit den Einwohnern der Stadt – spontan, geplant, einzeln, in Gruppen, in Familien, auf der Straße, in Wohnzimmern, Vereinen, Betrieben, Kleingärten und Kneipen. Eine »teilnehmende Beobachtung«: Einige der Forscher verlegten sogar ihren gesamten Wohnsitz ins »Feld«. So lebensnah wie möglich wollten sie den sozialen Kosmos der Stadt analysieren. Die Forscher wollten Teil der Stadt sein – und versuchten, ihre Arbeit den Einwohnern auch in regelmäßigen Kunstaktionen näherzubringen. Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft.