Forschungsprojekt in Ostdeutschland Zum Beispiel Wittenberge

Wittenberge besaß mal internationale Bedeutung. Hier stand das modernste Nähmaschinenwerk der Welt. Nach der Wende kam für Viele der Absturz - für manche eine Chance. Wie gehen die Menschen damit um? 28 Soziologen und Ethnologen haben Ihnen beim Leben zugesehen

Das Gefühl, auf unerklärliche Weise plötzlich aus der Zeit gefallen und in eine verlassene Theaterkulisse eingetreten zu sein, setzt gleich bei der Ankunft am Bahnhof ein. Wer in Wittenberge, auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg, aus dem Zug steigt und das Zentrum der Kleinstadt sucht, findet zunächst nur ein riesenhaftes, leer stehendes Gebäude. Mit der Wende ist das einstige Bahnhofsrestaurant der Mitropa außer Betrieb gesetzt worden. Als hätte man den architektonischen Koloss schockgefroren, hängt in seinem Inneren abgeblättert der Putz von der prunkvollen Stuckdecke, die große Uhr an der Wand des alten Speisesaals zeigt immer Punkt elf Uhr.

Nur kurz hatten im Oktober etwa 30 Menschen den ewigen Stillstand am alten Bahnhof unterbrochen. Sie waren aus Berlin, Hamburg, Leipzig und anderen Großstädten angereist, nicht wenige von ihnen trugen Hornbrillen. Es war ihr letzter Besuch in Wittenberge, sie hatten hier im alten Speisesaal ihre Stühle aufgestellt, auf kleinen Pulten standen ihre Namensschildchen neben Gebäcktellern und Wassergläsern. Zwei Tage lang debattierten sie, mit welchen soziologischen Kategorisierungen man diese Stadt, den »Untersuchungsraum Wittenberge«, am besten zu fassen kriegen könnte.

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Dass eine Gruppe von Wissenschaftlern in eine Stadt einfällt, um dort fast drei Jahre lang das Leben der Einwohner zu untersuchen, ist ziemlich einzigartig. Allein die Studie einer österreichischen Forschergruppe hatte 1930 am Beispiel von Marienthal, einer Kleinstadt in der Nähe von Wien, eine ähnlichen Aufgabe. Damals hatte ein Team von Soziologen ein Jahr lang die Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit untersucht. Alles, was sie fanden, hatten die Forscher gemessen, gezählt und beobachtet. Am Ende war ihre Schlussfolgerung: Aus den Marienthalern war eine »müde Gemeinschaft« geworden. Die verringerte Gehgeschwindigkeit der Bürger, die weniger ausgeliehenen Bücher in der Stadtbibliothek – selbst auf den ersten Blick unwichtig erscheinende Daten belegten die kollektive Verlangsamung und Passivität der Menschen. Die Arbeitslosen von Marienthal wurden zum Klassiker der Sozialforschung.

Das Wittenberger Projekt heißt Social Capital – Über Leben im Umbruch. 20 Soziologen und Ethnologen sowie acht Doktoranden von fünf verschiedenen deutschen Forschungseinrichtungen haben von Anfang 2007 bis Ende 2009 das Leben der Einwohner der ostdeutschen Kleinstadt untersucht. Mit 1,7 Millionen Euro wurde das Projekt unter der Leitung des Soziologen Heinz Bude vom Bundesministerium für Forschung und Bildung finanziert. In diesem ZEITmagazin werden die Ergebnisse erstmals veröffentlicht. Die Wissenschaftler haben für uns aus ihrer Zehntausende Seiten dicken Studie 25 zentrale Erkenntnisse destilliert.

Es war ein schier endloses Interviewmarathon mit den Einwohnern der Stadt – spontan, geplant, einzeln, in Gruppen, in Familien, auf der Straße, in Wohnzimmern, Vereinen, Betrieben, Kleingärten und Kneipen. Eine »teilnehmende Beobachtung«: Einige der Forscher verlegten sogar ihren gesamten Wohnsitz ins »Feld«. So lebensnah wie möglich wollten sie den sozialen Kosmos der Stadt analysieren. Die Forscher wollten Teil der Stadt sein – und versuchten, ihre Arbeit den Einwohnern auch in regelmäßigen Kunstaktionen näherzubringen. Eine ungewöhnliche Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft.

Leser-Kommentare
    • sudek
    • 04.03.2010 um 17:16 Uhr

    Schon wieder eines der unzähligen Gutachten aus Westdeutschland, mit denen nach der Wende die ostdeutschen Städte regelrecht zugeknallt wurden. Es kotzt mich an. Ich habe in 20 brandenburger Städten das ganze Zeugs gelesen. Das wäre ein weiteres Gutachten wert: welchen Einfluss hatten und haben westdeutsche GutachterInnen auf die Entwicklung und den augenblicklichen Zustand Ostdeutschlands. Unsäglich!!

    Habe gestern mit einer Kollegin aus der Wittstocker Verwaltung telefoniert (Wittstoch ca. 50km von Wittenberge entfernt, etwa gleiche Einwohnerzahl). Man hat dort die Abwanderungsgründe analysiert. Hauptgrund: 3 x so hohe Energiekosten wie in Westdeutschland! Warum? Hamburger Konzern betreibt Fernwärmelieferung an Wittstock. Anfang 2009 hat Wittstock wieder die Eigenversorgung mit Wärme übernommen.75% billiger!!! Man glaubt, jetzt schon zu erkennen, die Abwanderung gestoppt zu haben.

    Desweiteren wurde dort nach der Wende eine extrem positive wirtschaftliche Entwicklung von westdeutschen Büros hochgerechnet und darauf aufbauend z.b. Kläranlagen gebaut. Diese sich als absolut überdimensioniert erweisenden Anlagen bestimmen noch heute die Wasser/Abwasser-Preise, die ca. 3 x so hoch wie durchschnittlich westdeutsche Preise sind.
    Betrachtet man dann noch die Nähe zu Hamburg, zu Westdeutschland, so können es sich viele einfach nicht erlauben im Osten zu wohnen!!
    Neben aller Soziologie/Psychologie bestimmen auch handfeste Preise von Wärme und Wasser die Stimmung in einer Stadt!!

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    Soziologen sind keine Gutachter, und sie arbeiten nicht in irgendeiner Weise für den Staat. Es sind Wissenschaftler. Es geht nicht darum, die Lage zu beurteilen, sondern die Lage mit all ihren Aspekten zu erfassen. Ich bin sicher, dass bei mehreren zehntausend Seiten auch so Dinge wie Energiepreise/falsche Prognosen und deren Folgen/Misswirtschaft auftauchen; Hier handelt es sich nur um einen winzigen journalistischen Ausschnitt.

    Ob und welche politischen Konsequenzen aus der Forschungsarbeit gezogen werden, liegt nicht an den Sozialwissenschaftlern.

    Soziologen sind keine Gutachter, und sie arbeiten nicht in irgendeiner Weise für den Staat. Es sind Wissenschaftler. Es geht nicht darum, die Lage zu beurteilen, sondern die Lage mit all ihren Aspekten zu erfassen. Ich bin sicher, dass bei mehreren zehntausend Seiten auch so Dinge wie Energiepreise/falsche Prognosen und deren Folgen/Misswirtschaft auftauchen; Hier handelt es sich nur um einen winzigen journalistischen Ausschnitt.

    Ob und welche politischen Konsequenzen aus der Forschungsarbeit gezogen werden, liegt nicht an den Sozialwissenschaftlern.

  1. aber weshalb braucht man dafuer 28 (!) Soziologen und Ethnologen? Klingt stark nach Arbeitsbeschaffungs-Massnahme fuer Akademiker.

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    So etwas kann nur behaupten, wer keine Ahnung davon hat, was Sozialforschung überhaupt ist, und welcher enorme Arbeitsaufwand damit zusammenhängt. Die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal wird noch heute, 80 Jahre danach, so oft zitiert wie keine andere und als Beispiel für Sozialforschung angeführt. Die Erkenntnisse sind noch heute einzigartig und bieten Material für viele Theorien, die - so es politisch gewünscht und gekonnt ist - zur Verbesserung der Umstände beitragen können.

    So etwas kann nur behaupten, wer keine Ahnung davon hat, was Sozialforschung überhaupt ist, und welcher enorme Arbeitsaufwand damit zusammenhängt. Die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal wird noch heute, 80 Jahre danach, so oft zitiert wie keine andere und als Beispiel für Sozialforschung angeführt. Die Erkenntnisse sind noch heute einzigartig und bieten Material für viele Theorien, die - so es politisch gewünscht und gekonnt ist - zur Verbesserung der Umstände beitragen können.

  2. Soziologen sind keine Gutachter, und sie arbeiten nicht in irgendeiner Weise für den Staat. Es sind Wissenschaftler. Es geht nicht darum, die Lage zu beurteilen, sondern die Lage mit all ihren Aspekten zu erfassen. Ich bin sicher, dass bei mehreren zehntausend Seiten auch so Dinge wie Energiepreise/falsche Prognosen und deren Folgen/Misswirtschaft auftauchen; Hier handelt es sich nur um einen winzigen journalistischen Ausschnitt.

    Ob und welche politischen Konsequenzen aus der Forschungsarbeit gezogen werden, liegt nicht an den Sozialwissenschaftlern.

  3. So etwas kann nur behaupten, wer keine Ahnung davon hat, was Sozialforschung überhaupt ist, und welcher enorme Arbeitsaufwand damit zusammenhängt. Die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal wird noch heute, 80 Jahre danach, so oft zitiert wie keine andere und als Beispiel für Sozialforschung angeführt. Die Erkenntnisse sind noch heute einzigartig und bieten Material für viele Theorien, die - so es politisch gewünscht und gekonnt ist - zur Verbesserung der Umstände beitragen können.

  4. Zu Seite 2 des Artikels: Nicht das Nähmaschinenwerk war der erste Industriebetrieb der Stadt Wittenberge, sondern die durch Herrn Herz 1823 gegründete Ölmühle. Herr Herz hat sich auch um die Verkehrsanbindung für Wittenberge sehr verdient gemacht.

    40.000 Einwohner hatte Wittenberge in der Zeit nach dem Kriege mit allen Flüchtlingen und Umsiedlern. Zur Wendezeit waren es weniger!
    Zellwolle, Nähmaschinenwerk und Ölwerke hatten zusammen keine 8.000 Beschäftigte.
    Die Darstellung ist von den Größenordnungen und Tendenzen zwar richtig, aber eine wissenschaftliche Abhandlung sollte, so sie Zahlen nennt, genauer sein.

    Bleibt abschließend zu hoffen, dass die Untersuchung bei einem Aufwand von ca. 1.7 Mio € auch zu Handlungsvorschlägen gelant ist.

  5. Ts, ts - natürlich müssen Einführungen in den Text kurz sein, aber hier fehlt so ein bisschen der Hintergrund:

    "die Stadt avancierte zum industriellen Knotenpunkt des deutschen Ostens. Als der Osten Deutschlands zur DDR wurde"

    Man sollte es nicht für möglich halten, aber es gib Momente, in denen auch NPD-Plakate aus den 70ern bilden können: Etwa "3geteilt - niemals!" und was dergleichen Schmarrn mehr ist. Der "Osten Deutschlands" kam an Polen als Kompensation für Stalins Annexionen in Ostpolen.

    Bitte beachten: Wittenberge gehörte nie zum "Osten", und zum "deutschen Osten" schon gar nicht. Wer Nazi-Vokabeln benutzt, sollte wissen, was dahinter steckt.

    Wittenberge lag zwischen Hamburg und Berlin sogar ziemlich westlich (wenn auch auf der östlichen Oderseite). Dass Berlin und auch Wittenberge heute "so weit im Osten" liegen, ist eine Folge der Gebietsveränderungen in Folge des 2. Weltkriegs.

  6. 7. Schade

    Schade. Zum Einen weil Daten schlecht recherchiert wurden. Zum Anderen um die Millionen, die dafür ausgegeben wurden, denn die Ergebnisse dieser Studie sind nicht neu. Dass Wittenberge viel nach der Wende verloren hat, wissen wir alle. Woran das wohl lag?

    In den letzten Jahren hat sich dennoch viel getan. Ich komme immer noch gern in diese Stadt zurück.

    • Götz
    • 16.04.2010 um 0:32 Uhr

    (für S.Schinkel)

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