Forschungsprojekt in Ostdeutschland Zum Beispiel WittenbergeSeite 4/4

Ob es »Gewinner«, »Verlierer«, Kleingärtner, Unternehmer, Rentner oder Fernfahrer waren, die interviewt wurden – eines zieht sich durch alle Forschungsergebnisse. Das ist die wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler: All diese Gemeinschaften stehen wie Säulen nebeneinander, der Umbruch der Wende hat das organische Ganze der Stadt zersprengt. Seitdem ist der Ort in Gruppen zerteilt, die sich mehr oder weniger deutlich und scharf nach außen abgrenzen.

Mit den großen Fragen des Lebens waren die Forscher in Wittenberge angerückt. Was hält die Welt zusammen, wenn alles auseinanderbricht? Welche Rolle spielt die Familie? Die Kulturwissenschaftlerin Susanne Lantermann gibt darauf die Antwort: »Die Kernfamilien funktionieren. Sie sind nicht zerstört. Aber sie sind verstört.« Und sie sind auseinandergerissen worden, weil die Jungen gegangen sind. »Dem geht’s bombig, der kommt nie wieder«, sagte ein ehemaliger Bahnwerker verbittert über seinen Sohn, der fortgezogen ist. Aber in Lantermanns Protokollen stehen auch andere, freundlichere Sätze.

Man vernimmt in Wittenberge das asynchrone Ticken verschiedener Zeitzonen. Es scheint, als hätten die Einwohner nach 1989 keine gemeinsame Zeitrechnung mehr gefunden. Im Unterschied zu anderen strukturarmen Gegenden im Westen von Deutschland wiegt in Wittenberge das Gewicht der Vergangenheit schwer. Der Kontrast zum einstigen, sozialistischen »Wir« lässt die heutige Zersplitterung der Gesellschaft umso tiefer und stärker spürbar werden.

Es gibt die Welt der Arbeitslosen, und es gibt rüstige Rentner mit Goldkettchen, denen die Wende einen Wohlstandsgewinn gebracht hat und die in ihren Einfamilienhäusern am Rande der Stadt sitzen und nur sich selber verstehen. Einer von ihnen drückt seine Abgrenzung von den Menschen in der Bahnstraße so aus: »Die lassen seit Jahren den Kopf hängen, das hilft doch auch nichts.«

Und dann gibt es noch die Gespenster von Wittenberge. Die Guten unter den alten Geistern haben sich still in ein schöngemaltes Damals zurückgezogen. Von Muckefuck und Butterstullen schwärmt eine ältere Plattenbaubewohnerin, endlos zitiert sie Texte von DDR-Kinderliedern, die sie sich zurückwünscht. Für »ihre« Langzeitarbeitslosen organisiert sie im Hinterhof Kaffeekränzchen. Nur hier sei es noch wie früher, nur hier halte man noch zusammen. Sie habe den Forschern gern ihre kleine Welt gezeigt, die freundlichen jungen Menschen hätten sich gut »einjesellt«.

Nicht alle sind den Forschern so offen begegnet. Die bösen Gespenster der Vergangenheit existieren noch, als dunkle Stimmung von Ablehnung und Argwohn geistern sie durch die Institutionen. Die Haltung der Stadt gegenüber den Soziologen war vor allem anfangs häufig von feindlicher Skepsis und Misstrauen geprägt. So begleitete die lokale Presse ihre Arbeit stetig mit dem Vorwurf einer absurden Vergeudung von Steuergeldern. Die ungewohnte Situation, von außen beobachtet zu werden, mischte sich mit der noch immer zu spürenden Panik, das eigene Image nicht kontrollieren zu können und öffentlich als sozial gebrochener Ort von Verlierern gebrandmarkt zu werden.

Es sei eben so eine Sache mit dem »Wir-Jefühl« in Wittenberge, seufzt Bürgermeister Oliver Hermann, der die Anwesenheit der Soziologen im Laufe der Zeit immer positiver gesehen hat. Er ist ein ruhiger, besonnener Realist, der versucht, sich von den Phantomen der Vergangenheit freizumachen. »Die Werkschließungen haben ein kollektives Trauma hinterlassen«, sagt Hermann, »aber hier sind nicht alle depressiv. Es gibt viele engagierte Menschen, die Zeit hat sich weitergedreht. Es passiert viel in Wittenberge.« Der Hafen der Stadt werde schließlich gerade ausgebaut, und die ansässigen Unternehmer veranstalteten Stadtfeste.

»Wir sind nicht gekommen, um die Ruinen zu fotografieren und dann wieder abzuhauen«, hatte Andreas Willisch, der Koordinator des Projekts, bei der Abschlusstagung im Mitropa-Saal in sein Mikrofon gesprochen. Willischs Stimme hatte durch den leeren Saal gehallt, man konnte seinen Atem sehen. Ganz, als hätte das stille Gemäuer gewusst, dass er und all seine Forscherkollegen ohnehin nicht mehr lange bleiben würden, hatte die Heizung gestreikt. Trotzig beharrten die Uhrzeiger über dem Sprecherpult auf ihrer Elf. Als hätten sie die Fremden gezwungen, sich auf die örtliche Zeitrechnung einzulassen. Bis die ICEs sie wieder mitnahmen und wegrauschten in Richtung Großstadt.

 
Leser-Kommentare
    • sudek
    • 04.03.2010 um 17:16 Uhr

    Schon wieder eines der unzähligen Gutachten aus Westdeutschland, mit denen nach der Wende die ostdeutschen Städte regelrecht zugeknallt wurden. Es kotzt mich an. Ich habe in 20 brandenburger Städten das ganze Zeugs gelesen. Das wäre ein weiteres Gutachten wert: welchen Einfluss hatten und haben westdeutsche GutachterInnen auf die Entwicklung und den augenblicklichen Zustand Ostdeutschlands. Unsäglich!!

    Habe gestern mit einer Kollegin aus der Wittstocker Verwaltung telefoniert (Wittstoch ca. 50km von Wittenberge entfernt, etwa gleiche Einwohnerzahl). Man hat dort die Abwanderungsgründe analysiert. Hauptgrund: 3 x so hohe Energiekosten wie in Westdeutschland! Warum? Hamburger Konzern betreibt Fernwärmelieferung an Wittstock. Anfang 2009 hat Wittstock wieder die Eigenversorgung mit Wärme übernommen.75% billiger!!! Man glaubt, jetzt schon zu erkennen, die Abwanderung gestoppt zu haben.

    Desweiteren wurde dort nach der Wende eine extrem positive wirtschaftliche Entwicklung von westdeutschen Büros hochgerechnet und darauf aufbauend z.b. Kläranlagen gebaut. Diese sich als absolut überdimensioniert erweisenden Anlagen bestimmen noch heute die Wasser/Abwasser-Preise, die ca. 3 x so hoch wie durchschnittlich westdeutsche Preise sind.
    Betrachtet man dann noch die Nähe zu Hamburg, zu Westdeutschland, so können es sich viele einfach nicht erlauben im Osten zu wohnen!!
    Neben aller Soziologie/Psychologie bestimmen auch handfeste Preise von Wärme und Wasser die Stimmung in einer Stadt!!

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    Soziologen sind keine Gutachter, und sie arbeiten nicht in irgendeiner Weise für den Staat. Es sind Wissenschaftler. Es geht nicht darum, die Lage zu beurteilen, sondern die Lage mit all ihren Aspekten zu erfassen. Ich bin sicher, dass bei mehreren zehntausend Seiten auch so Dinge wie Energiepreise/falsche Prognosen und deren Folgen/Misswirtschaft auftauchen; Hier handelt es sich nur um einen winzigen journalistischen Ausschnitt.

    Ob und welche politischen Konsequenzen aus der Forschungsarbeit gezogen werden, liegt nicht an den Sozialwissenschaftlern.

    Soziologen sind keine Gutachter, und sie arbeiten nicht in irgendeiner Weise für den Staat. Es sind Wissenschaftler. Es geht nicht darum, die Lage zu beurteilen, sondern die Lage mit all ihren Aspekten zu erfassen. Ich bin sicher, dass bei mehreren zehntausend Seiten auch so Dinge wie Energiepreise/falsche Prognosen und deren Folgen/Misswirtschaft auftauchen; Hier handelt es sich nur um einen winzigen journalistischen Ausschnitt.

    Ob und welche politischen Konsequenzen aus der Forschungsarbeit gezogen werden, liegt nicht an den Sozialwissenschaftlern.

  1. aber weshalb braucht man dafuer 28 (!) Soziologen und Ethnologen? Klingt stark nach Arbeitsbeschaffungs-Massnahme fuer Akademiker.

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    So etwas kann nur behaupten, wer keine Ahnung davon hat, was Sozialforschung überhaupt ist, und welcher enorme Arbeitsaufwand damit zusammenhängt. Die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal wird noch heute, 80 Jahre danach, so oft zitiert wie keine andere und als Beispiel für Sozialforschung angeführt. Die Erkenntnisse sind noch heute einzigartig und bieten Material für viele Theorien, die - so es politisch gewünscht und gekonnt ist - zur Verbesserung der Umstände beitragen können.

    So etwas kann nur behaupten, wer keine Ahnung davon hat, was Sozialforschung überhaupt ist, und welcher enorme Arbeitsaufwand damit zusammenhängt. Die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal wird noch heute, 80 Jahre danach, so oft zitiert wie keine andere und als Beispiel für Sozialforschung angeführt. Die Erkenntnisse sind noch heute einzigartig und bieten Material für viele Theorien, die - so es politisch gewünscht und gekonnt ist - zur Verbesserung der Umstände beitragen können.

  2. Soziologen sind keine Gutachter, und sie arbeiten nicht in irgendeiner Weise für den Staat. Es sind Wissenschaftler. Es geht nicht darum, die Lage zu beurteilen, sondern die Lage mit all ihren Aspekten zu erfassen. Ich bin sicher, dass bei mehreren zehntausend Seiten auch so Dinge wie Energiepreise/falsche Prognosen und deren Folgen/Misswirtschaft auftauchen; Hier handelt es sich nur um einen winzigen journalistischen Ausschnitt.

    Ob und welche politischen Konsequenzen aus der Forschungsarbeit gezogen werden, liegt nicht an den Sozialwissenschaftlern.

  3. So etwas kann nur behaupten, wer keine Ahnung davon hat, was Sozialforschung überhaupt ist, und welcher enorme Arbeitsaufwand damit zusammenhängt. Die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal wird noch heute, 80 Jahre danach, so oft zitiert wie keine andere und als Beispiel für Sozialforschung angeführt. Die Erkenntnisse sind noch heute einzigartig und bieten Material für viele Theorien, die - so es politisch gewünscht und gekonnt ist - zur Verbesserung der Umstände beitragen können.

  4. Zu Seite 2 des Artikels: Nicht das Nähmaschinenwerk war der erste Industriebetrieb der Stadt Wittenberge, sondern die durch Herrn Herz 1823 gegründete Ölmühle. Herr Herz hat sich auch um die Verkehrsanbindung für Wittenberge sehr verdient gemacht.

    40.000 Einwohner hatte Wittenberge in der Zeit nach dem Kriege mit allen Flüchtlingen und Umsiedlern. Zur Wendezeit waren es weniger!
    Zellwolle, Nähmaschinenwerk und Ölwerke hatten zusammen keine 8.000 Beschäftigte.
    Die Darstellung ist von den Größenordnungen und Tendenzen zwar richtig, aber eine wissenschaftliche Abhandlung sollte, so sie Zahlen nennt, genauer sein.

    Bleibt abschließend zu hoffen, dass die Untersuchung bei einem Aufwand von ca. 1.7 Mio € auch zu Handlungsvorschlägen gelant ist.

  5. Ts, ts - natürlich müssen Einführungen in den Text kurz sein, aber hier fehlt so ein bisschen der Hintergrund:

    "die Stadt avancierte zum industriellen Knotenpunkt des deutschen Ostens. Als der Osten Deutschlands zur DDR wurde"

    Man sollte es nicht für möglich halten, aber es gib Momente, in denen auch NPD-Plakate aus den 70ern bilden können: Etwa "3geteilt - niemals!" und was dergleichen Schmarrn mehr ist. Der "Osten Deutschlands" kam an Polen als Kompensation für Stalins Annexionen in Ostpolen.

    Bitte beachten: Wittenberge gehörte nie zum "Osten", und zum "deutschen Osten" schon gar nicht. Wer Nazi-Vokabeln benutzt, sollte wissen, was dahinter steckt.

    Wittenberge lag zwischen Hamburg und Berlin sogar ziemlich westlich (wenn auch auf der östlichen Oderseite). Dass Berlin und auch Wittenberge heute "so weit im Osten" liegen, ist eine Folge der Gebietsveränderungen in Folge des 2. Weltkriegs.

  6. 7. Schade

    Schade. Zum Einen weil Daten schlecht recherchiert wurden. Zum Anderen um die Millionen, die dafür ausgegeben wurden, denn die Ergebnisse dieser Studie sind nicht neu. Dass Wittenberge viel nach der Wende verloren hat, wissen wir alle. Woran das wohl lag?

    In den letzten Jahren hat sich dennoch viel getan. Ich komme immer noch gern in diese Stadt zurück.

    • Götz
    • 16.04.2010 um 0:32 Uhr

    (für S.Schinkel)

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