Fragen an Helmut Schmidt Verstehen Sie das, Herr Schmidt?

Die alten Falken träumen heute von einer Welt ohne Atomwaffen. Doch ausgerechnet die Friedensbewegten von einst sind sorglos, obwohl die Gefahr immens bleibt. Und auf den Erstschlag wollen USA und Russland nicht verzichten

ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt, vor Kurzem haben Sie sich in der American Academy in Berlin mit ehemaligen Spitzenpolitikern zu einer kleinen Demonstration eingefunden: Sie setzten sich für eine Welt ohne Atomwaffen ein.

Helmut Schmidt: Das stimmt. Wir waren zu acht, vier Amerikaner und vier Deutsche: Henry Kissinger, Sam Nunn, William Perry und George Shultz, Richard von Weizsäcker, Hans-Dietrich Genscher, Egon Bahr und ich.

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ZEITmagazin: Bei diesen Namen frage ich mich: Warum widmen sich ausgerechnet die alten Falken einem Lieblingsthema der Friedenstauben?

Schmidt: Zählen Sie mich etwa auch zu den Falken?

ZEITmagazin: So habe ich Sie früher jedenfalls gesehen.

Schmidt: Das ist aber falsch. Ich würde zum Beispiel auch Shultz und Nunn nicht zu den Falken zählen. Und mir war die atomare Bewaffnung schon in den späten 1950er Jahren unheimlich, als ich die Militärstrategie der Nato begriff.

ZEITmagazin: Damals galten die Russen als besonders stark.

Schmidt: Damals war die sowjetische Armee dem westlichen Militär ungeheuer überlegen – sie hatte mehr Soldaten, mehr Panzer, mehr Geschütze und mehr Flugzeuge. Die Nato verfolgte deshalb eine Strategie der Abschreckung: Sie drohte der Sowjetunion für den Fall eines Angriffs mit atomarer Vergeltung. Retaliation, das war das große Schlagwort, das den ganzen Kalten Krieg über Bestand hatte: Wenn du mir etwas tust, dann tue ich dir noch etwas viel Schlimmeres an.

ZEITmagazin: Sie waren kein Anhänger dieser Strategie?

Schmidt: Nein, 1961 habe ich ein Buch veröffentlicht, das Verteidigung oder Vergeltung? hieß. Darin habe ich mich für die Verteidigung Europas ausgesprochen; die Drohung mit Vergeltung allein hielt ich für unzureichend. Ein amerikanischer General, Maxwell Taylor, publizierte ein ähnliches Buch. Es trug den Titel The Uncertain Trumpet, »Die ungewisse Trompete«. Damit war eben die atomare Vergeltung gemeint. Es gab im Westen also immer schon Leute, die an der ungeheuren atomaren Rüstung zweifelten oder sie sogar verabscheuten.

ZEITmagazin: Trotzdem ging die Aufrüstung weiter.

Schmidt: Die Amerikaner haben am längsten am Ziel der atomaren Überlegenheit festgehalten. In den 1970er Jahren wollten sie zum Beispiel Hunderte von Atomminen in deutschem Boden versenken. Immerhin haben wir diese Minen dann gemeinsam mit dem amerikanischen Verteidigungsminister Melvin Laird ganz abschaffen können.

ZEITmagazin: Hat die Abschreckung nicht auch dazu geführt, dass wir jahrzehntelang in Frieden leben konnten?

Schmidt: In Wirklichkeit war auf beiden Seiten kaum jemand gewillt, einen Krieg anzufangen. Natürlich gab es immer einzelne Militärs und Politiker, die kriegerische Absichten verfolgten. Es gab sowjetische Übergriffe, zum Beispiel 1953 in Ost-Berlin, 1956 in Ungarn, 1968 in der damaligen Tschechoslowakei. Und es gab immer wieder Leute im Westen, die gesagt haben, da müssen wir eingreifen. Aber der Westen hat nicht eingegriffen. Alles in allem gab es keinen Willen zum Krieg, auf beiden Seiten nicht. Das klingt jetzt überraschend. In der Rückschau darf man es aber so sehen.

Leser-Kommentare
  1. die Hilflosigkeit ist gestiegen. Die größte atomare Gefahr dürfte inzwischen von den neuen Mitgliedern des Atomclubs wie Nordkorea und wahrscheinlich auch bald dem Iran ausgehen. Und nachdem Herr Bush der Welt bewiesen hat, das kein Land dieser Erde auch nur mittelfristig davor sicher ist, von den USA angegriffen zu werden, dürften bald noch ein paar Nationen dazu kommen. Gerade jene Machthaber die sich auch sonst nicht gerade mit Güte und Mitmenschlichkeit bekleckern, werden viel dafür tun ihren ganz eigenen atomaren Schild aufzubauen.

    Um genau zu sein, befinde ich pers. eigentlich schon jenseits der Sorge : Man kann wohl inzwischen fest davon ausgehen, das irgendwann irgendein gemütskranker, egomanischer Diktator dieser Erde auf den berühmten Knopf drückt, oder ein paar befreundete Untergrundorganisationen mit dem entsprechenden Spielzeug versorgen wird. Und ich weis nicht wie man das verhindern könnte.

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    ...daß es relativ bald sehr viel mehr "Atommächte" geben wird, ist vermutlich nicht mehr zu verhindern, aber das schlimmste ist, daß das eigentlich nur das zweitschlimmste ist:
    das wirklich schlimmste ist, daß so manchem - insbesondere M. Ahmadinedschad - rational betrachtet eigentlich auch überhaupt gar nichts anderes übrig bleibt;
    seine einzige Alternative wäre, sich "geduldig" dem früher oder später kommenden nächstem taktischen Krieg zu beugen (ob der nun w. der Religion oder wg. des Ölpreises kommt, kann man sich aussuchen)

    ...daß es relativ bald sehr viel mehr "Atommächte" geben wird, ist vermutlich nicht mehr zu verhindern, aber das schlimmste ist, daß das eigentlich nur das zweitschlimmste ist:
    das wirklich schlimmste ist, daß so manchem - insbesondere M. Ahmadinedschad - rational betrachtet eigentlich auch überhaupt gar nichts anderes übrig bleibt;
    seine einzige Alternative wäre, sich "geduldig" dem früher oder später kommenden nächstem taktischen Krieg zu beugen (ob der nun w. der Religion oder wg. des Ölpreises kommt, kann man sich aussuchen)

  2. ...der Artikel bringt klar zum Ausdruck, daß der Unterschied zu den jetzigen - verzeihen Sie die Direktheit - Nullen an der heutigen Spitze dieses Landes enorm ist

    • mug
    • 04.03.2010 um 13:50 Uhr

    Ich schätze Herrn Schmidt sehr, aber ich glaube, daß er irrt, wenn er sagt, die Rüstungsgegner hätten die zugegebenermaßen etwas flapsige Maxime "Lieber rot als tot" kreiiert aus Angst, sich zu verteidigen.
    Ich denke vielmehr, ihnen war die damalige Aussichtlosigkeit bewußt, sich gegen einen ernsthaften Angriff der Sowjetarmee wirksam zur Wehr zu setzen. Konventionell, insbesondere hinsichtlich Panzern, war die Sowjetarmee drückend überlegen,soweit mir bekannt ist. Das einzig "erfolgversprechende" Mittel wäre der Einsatz von Atomwaffen in Deutschland gewesen, und die Zerstörung Deutschlands zum Zwecke der Verteidigung Deutschlands war für diese Menschen schlicht kein überzeugendes Konzept. Diese Sachlage hat dann einige, die bei einem potentiellen Angriff eines anderen, annähernd gleich starken Gegners zu einer anderen Auffassung gelangt wären und durchaus zu einer Verteidigung ihres Landes bereit gewesen wären, in einen radikalen Pazifismuns geführt.

  3. ...daß es relativ bald sehr viel mehr "Atommächte" geben wird, ist vermutlich nicht mehr zu verhindern, aber das schlimmste ist, daß das eigentlich nur das zweitschlimmste ist:
    das wirklich schlimmste ist, daß so manchem - insbesondere M. Ahmadinedschad - rational betrachtet eigentlich auch überhaupt gar nichts anderes übrig bleibt;
    seine einzige Alternative wäre, sich "geduldig" dem früher oder später kommenden nächstem taktischen Krieg zu beugen (ob der nun w. der Religion oder wg. des Ölpreises kommt, kann man sich aussuchen)

  4. Irgendwie steckt im Alter doch Weisheit. Mich interessieren die Details zu den Bündnissen eigentlich garnicht. Im Hintergrund laufen doch oft ganz andere Absichten. Das ist zwar eine allgemeine Unterstellung, doch nicht von der Hand zu weisen, wenn man auf manche Ergebnisse schaut.

    Ich erinnere auch an manche Praxis. Ein Doktor benötigt Patienten. Also werden kranke Patienten selbstverständlich gut behandelt, je länger, desto besser. Das darfts du also von 2 Seiten betrachten.

    • Eiseob
    • 04.03.2010 um 14:07 Uhr

    Ich bin der festen Meinung, dass die Atomwaffen die Welt nach dem 2. WK vor noch mehr Leid bewahrt haben. Dies ist aber nur darauf zurückzuführen, dass kein komplett Irrer den roten Knopf unterm Daumen hatte. Einen normalen Krieg kann schon ein teilweise Irrer beginnen, um aber einen atomaren Krieg vom Zaun zu brechen muss man durch und durch unzurechnungsfähig sein. Selbst ein kleiner Teil des heutigen Atomarsenals reicht aus um unglaubliches Leid anzurichten. Ich wage zu behaupten das in einem atomaren Krieg nur 2-5% der heutigen Atomwaffen überhaupt eingesetzt werden würden. Bis zu dieser Menge könnte man das Arsenal also verringern. Weiter runter würde aber keiner gehen, das Vertrauen ist nicht groß genug und kann bei diesem Thema auch nicht groß genug sein. Es bleibt also nur zu hoffen, das niemals ein durch und durch Verrückter an die Waffen kommt. Leider denke ich das dies früher oder später passieren wird.

    • mug
    • 04.03.2010 um 14:31 Uhr

    Daß Helmut Schmidt nicht wie manche Rüstungsgegner die prekäre Situation Deutschlands im Falle eines bewaffneten Konflikt als gegeben hinnahm, sondern es als seine Verantwortung ansah, diese Situation für Deutschland zu ändern, zeichnet ihn als politischen Führer aus. Ich benutze das Wort Führer trotz seiner historischen Belastung, weil es den Unterschied zu anderen Politikern, die lediglich "die politische Verantwortung tragen" verdeutlicht. Diese Politiker sehen es nicht mehr als ihre Verantwortung an, im wohlverstandenen Sinne politische Führung zu zeigen und für das als richtig und möglicherweise unabdingbar Erkannte auch dann noch offensiv einzutreten, wenn es der weit überwiegenden Mehrheitsmeinung widerspricht.
    Jedenfalls hat Helmut Schmidt auch durch den NATO-Doppelbeschluß daran gearbeitet, die Situation der Unterlegenheit gegenüber einem potentiellen Gegner zu verändern bzw. dessen neuem Drohpotential ein entsprechendes entgegenzusetzen. Auf lange Sicht hat sich dieses Vorgehen sicher als Erfolg erwiesen, nicht nur wenn man die heutigen Beziehungen zu Russland mit den damaligen zur Sowjetunion vergleicht.

  5. dass Herr Schmidt auch feststellt, dass es die Atomwaffenmächte USA, Russland, GB, Frankreich und China sind, die sich nicht an den Atomwaffensperrvertrag halten. Die Stilisierung des Iran zum Reich des Bösen entlarvt sich damit. Das heißt nicht, dass ich das dortige Regime verteidigen will - es gibt aber mehr von der Sorte, die komischerweise unbehelligt bleiben.

    Die Aufstellung von Pershing II Raketen war unsinnig. Die Zahl der Atomwaffen reichte damals dazu aus um die Erdbevölkerung 20 Mal umbringen zu können. Das war nichts als Verschwendung, für mich hätte 1 Mal genügt.

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