ZEITmagazin: Was müssten Friedensfreunde heute tun, um gegen die neue atomare Bedrohung zu mobilisieren?

Schmidt: Ich wäre schon glücklich, wenn wir damit anfingen, die sogenannten taktischen Atomwaffen abzuschaffen. Wenn man eine weltweite Debatte auslösen will, muss man einen Streitpunkt setzen, der zu Kontroversen führt. Dafür eignet sich die These, die taktischen Nuklearwaffen müssen aus Europa verschwinden. Man könnte auch einen Non-First-Use-Vertrag fordern: Das würde die Leute wunderbar aufregen, vor allem viele Militärs! Was wir mindestens brauchen, sind einseitige Erklärungen: Russen und Amerikaner müssen offiziell verkünden, dass sie niemals als Erste eine Atomwaffe gebrauchen werden. Bisher haben nur die Chinesen eine solche Erklärung abgegeben.

ZEITmagazin: Warum tun Amerikaner und Russen das nicht?

Schmidt: Das müssen Sie Amerikaner und Russen fragen. Letztlich steckt wohl Größenwahn dahinter.

ZEITmagazin: Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man meinen, Sie hätten eine Vision. Dabei haben Sie doch mal gesagt: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Schmidt: Diesen Satz habe ich ein einziges Mal gesagt, er ist aber tausendfach zitiert worden. Einmal hätte genügt.

ZEITmagazin: Wie ist er überhaupt in die Welt gekommen?

Schmidt: Das weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich ihn in einem Interview gesagt. Das muss mindestens 35 Jahre her sein, vielleicht 40. Da wurde ich gefragt: Wo ist Ihre große Vision? Und ich habe gesagt: Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen. Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.

ZEITmagazin: Aber wenn eine atomwaffenfreie Welt keine große Vision ist, was ist sie dann?

Schmidt: Eine Zielsetzung, von der ich nicht glaube, dass sie erreicht werden kann. Es wäre schon viel wert, wenn die beiden großen Atommächte damit anfingen, die Zahl ihrer Waffen zu halbieren. Wenn das gelänge, dann bekäme die Welt eine ganz andere politische Atmosphäre. Wissen Sie, was mich in diesem Zusammenhang erstaunt?

ZEITmagazin: Natürlich nicht.

Schmidt: Dass viele von denen, die früher vor lauter Angst bereit waren, lieber Kommunisten zu werden als zu sterben, heute keine Angst mehr zu haben scheinen.

ZEITmagazin: Obwohl sie nach wie vor allen Grund dazu hätten.

Schmidt: Ich habe kein Verständnis dafür, dass die Angst vor Atomwaffen inzwischen auf null gesunken ist.

Das Gespräch führte ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo