Die Naturgewalt des Orkans Xynthia ließ in La-Faute-sur-Mer in Westfrankreich Straßen zu Seen werden © Frank Perry/AFP/Getty Images

Kaum hatte die Sonne die letzten Reste des Schnee(chaos)-Winters schmelzen lassen, spielte das Wetter am Wochenende schon wieder verrückt: Orkantief Xynthia zog über Europa hinweg und forderte mehr als 50 Todesopfer. Bahnreisende, die vor ein paar Wochen wegen Eis und Schnee ihre Anschlüsse verpasst hatten, saßen schon wieder in den Bahnhöfen fest, weil diesmal umgestürzte Bäume die Gleise blockierten. Die Natur lässt ihre Muskeln spielen und zeigt, dass sie mit gewaltiger Macht unsere technische Zivilisation lähmen, unsere Häuser und Städte vernichten kann.

In diesen Wochen wird jedes extreme Wetterereignis auch als Argument im politischen Streit um den Klimawandel herangezogen, da können Wissenschaftler noch so oft auf den Unterschied zwischen Wetter und Klima pochen .

Die Beschwichtiger, vor allem in den USA, nutzen die gefühlte Abkühlung der Erde im schneereichen Winter (neben den Skandalen um die UN-Klimakommission IPCC) für eine Gegenoffensive in der Klimapolitik. Die Warner zeigen auf die Stürme und sagen: Seht, solche Katastrophen stehen uns bald verstärkt bevor. Wissenschaftlich sind beide Positionen nicht haltbar, dennoch werden Katastrophen und Extremwetterlagen regelmäßig für klimapolitische Ziele genutzt.

Angesichts der Machtdemonstration der Natur erscheint es dann geradezu vermessen, dass sich gegenwärtig eine wachsende Zahl von Forschern dazu aufschwingt, jene Atmosphäre, die uns steigende Mitteltemperaturen und extremes Wetter beschert, gezielt kontrollieren zu wollen. Wie ein Ingenieur am Regler einer technischen Anlage wollen sie aktiv in das Klimageschehen eingreifen, von »Geoengineering« ist daher die Rede. 

Lange wurde die Diskussion nur in Fachzirkeln geführt, nun drängt die Debatte verstärkt an die Öffentlichkeit. Beim größten Wissenschaftlertreffen der Welt, der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science (AAAS) Ende Februar im kalifornischen San Diego , gab es gleich drei hochkarätig besetzte Veranstaltungen zu diesem Thema. Bei allen dreien wurde hitzig diskutiert: Können wir mit Ingenieurarbeit im planetaren Maßstab die Folgen des Klimawandels mildern oder gar aufheben? Können wir den »Planeten hacken«, wie es einer der Diskutanten formulierte? Oder sind solche Pläne nur ein weiterer Beweis für die Hybris des Menschen, die uns den ganzen Klimaschlamassel erst eingebrockt hat?

Schon seit den fünfziger Jahren träumen Forscher davon, in die Dynamik der Atmosphäre einzugreifen. Damals ging es um Manipulation im Einzelfall. Im Kalten Krieg galt: Wer das Wetter kontrolliert, kontrolliert die Welt. Die Amerikaner impften im Vietnamkrieg Wolken mit chemischen Substanzen, um sie gezielt abregnen zu lassen. Die Sowjets versuchten jedes Jahr, bei der Militärparade zum Geburtstag der Oktoberrevolution die Sonne scheinen zu lassen.

Noch heute lässt die chinesische Regierung Bauern mit Artillerie auf Wolken schießen, um Regen zu machen. Eine Titelillustration der amerikanischen Zeitschrift Collier’s aus dem Jahr 1954 zeigt einen hemdsärmligen Technokraten, der einen großen Hebel umlegt und so dafür sorgt, dass eine bedrohliche Wolkenfront Platz macht für eitlen Sonnenschein. Aber alle Versuche, etwa die Zugbahn von Hurrikanen zu beeinflussen und sie um große Städte herum zu lenken, sind gescheitert, und Chinas Erfolge in der Regenmacherei gelten als äußerst zweifelhaft.

Die neuen Geoingenieure wollen nicht das Wetter beeinflussen, sondern dem langfristigen Klimawandel etwas entgegensetzen. Und sie geben sich mitnichten als übermütige Technokraten, sondern durchaus umweltbewusst. So leitet David Keith von der kanadischen University of Calgary seine Vorträge gern mit dem Bekenntnis ein, dass er am liebsten Autos verbieten würde. Denn dass wir die Kohlendioxidemission drastisch senken müssten, daran führe kein Weg vorbei.