Geoengineering Wer bekommt die Welt in den Griff?
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 Erdsystemmanagement heißt das Zauberwort

Bunzl hat noch ein weiteres Argument gegen die massive Förderung der Geoengineering-Forschung: »Wenn Forschungsprogramme einmal gewählt sind, gibt es soziologische Kräfte, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es auch eine praktische Entwicklung geben wird.«

Aber muss die Menschheit angesichts des Klimawandels nicht jede Möglichkeit ausloten, um seine Folgen zu mildern? Der Kanadier David Keith ist genervt von der »Alles oder nichts«-Haltung, mit der viele Umweltschützer die Frage angehen: Entweder wir schaffen es, die Emissionen zu verringern und so das Klima zu retten, oder wir gehen alle gemeinsam unter. Da stimmen ihm selbst Forscher zu, die allzu forschem Geoengineering gegenüber reserviert sind.

Sonneneinstrahlung reduzieren

Wenn wir einen höheren Anteil der Sonnenstrahlen zurück ins All schicken könnten, dann würde es in der Atmosphäre und am Boden weniger warm. Für Reflexion könnten zusätzliche weiße Oberflächen (etwa Dächer) sorgen oder mehr weiße Wolken in Bodennähe. Diskutiert werden aber vor allem Partikel, die in die Stratosphäre (10 bis 50 Kilometer Höhe) gebracht werden. Vorteil: wirkt schnell, ist billig. Nachteil: Die Nebenwirkungen sind unerforscht, die Ursache des Klimawandels wird nicht bekämpft.

Kohlendioxid aus der Luft holen

Die Menschheit pumpt zu viel Kohlendioxid in die Atmosphäre – also kann man versuchen, dieses CO₂ wieder aus der Luft zu entfernen. Entweder mit technischen Mitteln, etwa der Kohlenstoffabscheidung (CSS) direkt am Kraftwerk, oder man überlässt die Arbeit Pflanzen, indem man Wälder aufforstet oder die Algenblüte in den Ozeanen fördert. Vorteil: Es wird der Klimagasüberschuss bekämpft, der für die Erwärmung verantwortlich ist. Nachteil: Die Sache ist teuer (vor allem CSS) und wirkt nur mit großer Verzögerung.

Die Welt sei »gelähmt vom CO₂-Problem«, sagt Peter Wilderer vom Institute for Advanced Study der Technischen Universität München, der eines der Diskussionsforen bei der AAAS-Konferenz organisiert hat. Auf einen einzigen Faktor zu starren – sei es das CO₂ oder die Temperatur – führe nicht weiter, man müsse dazu übergehen, earth system engineering zu betreiben, »Erdsystemmanagement«.

Seit mindestens 150 Jahren betreibe die Menschheit Geoengineering, allerdings ungeplantes. »Wenn wir einen negativen Effekt auf das System Erde haben können«, sagt Wilderer, »dann sollten wir auch in der Lage sein, diesen Effekt umzukehren.« Ähnlich formulierte es der Ökonom Gernot Klepper, Sprecher des Kiel Earth Institute, beim ZEIT-Wissenschaftsforum: »Wir müssen viel intelligenter mit dem Engineering unseres Planeten umgehen. Das heißt, mehr Management und nicht weniger, mehr Eingriff und intelligenterer Eingriff.« Ein Zurück zu einem Zustand, in dem der Planet sich selbst ins Lot bringt, ist bei sieben Milliarden Menschen nur romantische Schwärmerei.

Was er unter Erdsystemmanagement versteht, beschrieb Brad Allenby von der Arizona State University auf der AAAS-Tagung: Weg von simplen Modellen, die nur eine physikalische Größe betrachten. Vorsichtiges Agieren angesichts der Komplexität des Systems. Nur Maßnahmen ergreifen, die inhärent sicher sind und nicht zu einer Katastrophe führen, wenn sie schiefgehen. »Wir müssen Geoengineering begreifen als eine Option in einem Portfolio von Maßnahmen.«

Stellt sich die Frage: Wer ist der Portfoliomanager? Die Wissenschaftler sind sich einig, dass so schwer wiegende Entscheidungen nur von einem internationalen Gremium getroffen werden könnten, etwa von einem UN-Büro für das System Erde. Internationale Verträge wie die Klimarahmenkonvention oder die seit 1977 bestehende UN-Konvention gegen militärische Manipulationen des Wetters müssten erweitert werden, um Alleingänge einzelner Staaten auszuschließen. »Wenn China im Jahr 2030 aufwacht und feststellt, dass die Klimafolgen unakzeptabel sind«, sagt David Keith, »dann sind die vielleicht gar nicht an einer moralischen Diskussion darüber interessiert. Und wir haben keinen internationalen Mechanismus, der festlegt, wer dann die Entscheidung trifft.«

*Anm. d. Redaktion: An dieser Stelle befand sich ein Zitat, das im Kontext missverständlich war. Wir haben es entfernt.

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Leser-Kommentare
    • Netiew
    • 08.03.2010 um 8:03 Uhr

    die, warum auch immer, kaum diskutiert wird, ist die, die Erde direkt an der Oberfäche zu kühlen, indem man die "Verwüstung" global zurückdreht, d. h. durch Bewässerung und Begrünung mittels Aufforstung dafür sorgt, dass mehr Wasser und weniger CO2 in die Atmosphäre gelangt.

  1. Es würde vermutlich ziemlich viel bringen den Flugverkehr auszusetzen. Oder zumindest ihn gewaltig zu reduzieren. Der Planet braucht eine wolkenlose Atmosphäre, um Wärme abstrahlen zu können. Flugzeuge bringen aber ständig große Mengen des Treibhausgases Wasserdampf in Höhen, wo dieser natürlicherweise kaum vorhanden ist. Winde verwehen die schmalen Streifen zu großflächigen Decken. Bevor man mit Geoengineering alles sozusagen auf eine Karte setzt, sollte man die erwärmenden anthropogenen Faktoren liquididieren. "Macht euch die Erde Untertan" ist ein gefährlicher und verbrecherischer Ansatz.

  2. Ich halte Eingriffe in die Atmosphäre auch heute noch für das, was man auch "Sündenfall" nennen kann.
    Denn wenn der Mensch etwas tut, dann macht er es, um mehr Macht zu bekommen. Und was maßen wir uns an, bei einem so komplexen System wie dem Erdklima, das wir nur schemenhaft verstehen, falls überhaupt, Voraussagen über dessen Entwicklung zu machen.
    Seit es die Klimaforschung gibt, hat sie mehrere Male ihre Voraussagen revidieren müssen. Ich verfolge die ganze Diskussion seit Mitte der 80er Jahre und damals wurde bis 2000 ein Anstieg von 10° - 15° C vorausgesagt.
    Dann im Laufe der Zeit hat man festgestellt, dass die Meere mit Ihren Algenteppichen CO2 absaugen und es ist nicht eingetreten, was vorhergesagt wurde. Denn die "klimaforscher" raten mehr als dass sie wissen. Und sie machen sich auch wichtiger als sie sind: Denn sonst bekommen sie keine Forschungsgelder.
    Sie sind ein Überbleibsel aus der Philosophie der 50er Jahre, während der der Mensch geglaubt hat, die Erde beherrschen zuu können. Deswegen masst er sich jetzt an, das Klima bestimmen zu können. Sowohl im negativen wie im positiven Sinne. Aber das ist nichts anderes als arrogante Ignoranz des Menschen.

  3. die Katastrophe zu beschleunigen, dann ist das ein weiterer Eingriff des Menschen, der nur die Symptome bekämpft.

  4. Die gewagteren Ansätze des "geoengineering" (S02 in die Atmosphäre, Algen düngen...) erinnern an die Versuche in Australien und anderswo eine eingeschleppte Spezies mit einer zweiten zu bekämpfen: man greift in ein sehr komplexes System ein, dass man nicht wirklich versteht und hat hinterher zwei Probleme statt einem.
    OK für weisse Häuserdächer, stärker reflektierende Weizensorten... Bekämpfung der Wüsten sollte eine Priorität sein. Aber all dies kann nur begleitend zu einer drastischen Reduzierung der Produktion von Treibhausgasen sein - auch wenn dies eine (gewisse) Änderung unseres Lebensstils verlangt.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. sobald damit die globale Klimakatastrophe auch nur etwas gemildert wird die internationalen Großkonzerne über ihre Lobbyarbeit politisch sofort wieder eine Reduzierung der Umweltauflagen durchsetzen. Dadurch wird jeglicher positive Effekt sofort wieder zunichte gemacht.
    Und da die internationalen Großkonzerne die Politik "finanzieren" sehe ich da keine große Hoffnung. Der katastrophale Klimaeffekt tritt zu verzögert auf, als dass jemand auf kurze oder mittelfristige Gewinnmaximierung verzichten würde.
    Lösungen? Verbot von Aktiengesellschaften, Stärkung der Obama-Administration in USA.

  6. Warum darf alles gedacht werden, aber nicht das:
    Die CO2-Bilanz eines (westlichen) Menschenlebens berechnen und daraus die notwendigen Konsequenzen ziehen.

    Z.B. Geburtenrückgang fördern! Dass wir immer mehr Konsumenten, Rentenzahler, Zinsenzahler und vielleicht bald wieder Kanonenfutter brauchen, entspringt dem gleichen Fehler im System, der auch zur Klimakatastrophe führt. Nun ja, spätestens dann erledigt sich das Problem von selbst.

    • lepkeb
    • 08.03.2010 um 9:42 Uhr

    Keith's zum Thema erneuerbare Energien und Klimawandel berichtet, weil es wahrscheinlich nicht opportun ist.
    "We should not be too surprised that extracting wind-power might affect the climate. Our appetite for energy is now so large that we should expect some environmental consequences if we draw a significant fraction of our energy needs from natural systems. We should not abandon renewable sources of energy, but we should not ignore to the environmental impacts of large-scale renewable energy systems. " (David Keith, 2004 Wind Power and Climate Change )
    Auch sollte sich die Gesellschaft besonders in D-land mal überlegen , warum ein Bandarbeiter bei Volkswagen bei einer 28h Woche besser entlohnt wird als s.g. Geoingenieur und das die Einschreibungen in Fächer des Geoingenieurswesen signifikant zurückgehen.

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