Zwei Enthüllungen über Jürgen Rüttgers erschüttern zurzeit die Republik. Zum einen gab es offenbar berechtigten Anlass, zu glauben, dass nordrhein-westfälische Unternehmen bereit dazu wären, 20.000 Euro zu zahlen, um am Rande des Landesparteitages der CDU in Münster "Einzelgespräche" mit dem Ministerpräsidenten zu führen. Die Lage in den Unternehmen an Rhein und Ruhr muss also wirklich sehr verzweifelt sein.

Diese sogenannte Sponsoring-Affäre, die der Spiegel aufdeckte, fällt zusammen mit einem Artikel in der neuesten Ausgabe des Magazins Cicero . Dort wird, kurz zusammengefasst, erstmals offengelegt, dass die ehemaligen Mitschüler von Jürgen Rüttgers selbst bei einer Zahlung von 20.000 Euro nicht dazu bereit gewesen wären, mit ihm "Einzelgespräche" zu führen. Das Magazin illustriert diese These mit anrührenden Bildquellen aus Rüttgers’ Schulzeit. Außerdem wird berichtet, wie Rüttgers als junger Spargeltarzan auf der Abschlussfahrt seinem Lehrer den Stadtplan nachtrug, während die Klassenkameraden einen Eimer Persil in den Brunnen auf der Piazza Navona kippten. Und dass er auf Ausflügen der Pfadfinder nie mitfeierte, weil er seine Zeit damit verbrachte, eine vorher akribisch angelegte Postkartenliste abzuarbeiten. Dieses Detail ist schrecklicher als alles, was die politische Opposition je gegen ihn auffahren kann. Ist so ein Mann als Ministerpräsident eigentlich tragbar? Und: Hätte er überhaupt Zeit, auf einem Landesparteitag Einzelgespräche mit Sponsoren zu führen, oder müsste er in Wahrheit die ganze Zeit Angela Merkel den Stadtplan nachtragen und seine Postkartenliste abarbeiten?

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Hoffnung macht allein ein anderes Detail in dem Cicero -Artikel. Mit 14 Jahren nämlich wurde der strebsame Rüttgers bereits Stammesleiter der Pfadfinder in seinem Heimatort Brauweiler. Ein ehemaliger Pfadfinder erinnert sich an das System am Hofe Rüttgers: "Wer brav war, durfte in den Pausen zur Belohnung in Jürgens Mickymaus-Sammlung blättern." Nachdem die Bezahlgeschichte aufgeflogen ist, bietet die nordrhein-westfälische CDU Unternehmen und Sponsoren jetzt angeblich an, dass sie, wenn sie brav sind, mit dem Ministerpräsidenten am Landesparteitag in Münster dessen Mickymaus-Sammlung durchblättern dürfen.